1. Startseite
  2. Technologie
  3. IT + Telekommunikation
  4. Wie Spotify zur Spielwiese für Ideologen wird

StreamingdienstQuerdenker, Verschwörungsgläubige, Neurechte: Wie Spotify zur Spielwiese für Ideologen wird

Nach der Kritik von Neil Young kündigte Spotify Verbesserungen an. Doch auch in Deutschland bietet die Musikstreaming-Plattform gefährlichen Ideen ein Podium.Inga Barthels, Hannes Soltau 02.02.2022 - 13:14 Uhr Quelle: TagesspiegelArtikel anhören

Das schwedische Streamingunternehmen steht derzeit stark in der Kritik.

Foto: dpa

Berlin. Es fängt so harmlos an. Geplänkel über die Ekstase von Fußballfans, wenn die Lieblingsmannschaft gewinnt. Dann aber wechselt der Podcast die Tonlage. Die Bundesregierung wird mit der DDR-Herrschaft und indirekt auch mit dem NS-Regime verglichen, die Impfungen gegen Covid-19 seien ein von Bill Gates geplantes „Euthanasie-Programm“, ein „Beschluss der Eliten, die Population herunterzufahren“.

Korrupte Presse und Justiz würden dabei mitwirken. „Nürnberg II wird kommen, selbst wenn wir wieder 15 Jahre nicht darüber reden dürfen, denn kein Tabu währt ewig“, heißt es da. Der Titel der Sendung: „Impfen macht frei?“

Es spricht Ken Jebsen, einst RBB-Journalist, der wiederholt mit Corona-Verschwörungsmythen auf sich aufmerksam gemacht hat. Sein Kanal „KenFM“ wurde im November 2020 von Youtube dauerhaft gesperrt, sein gleichnamiger Webauftritt vom Verfassungsschutz beobachtet.

Die Nachfolgeplattform heißt „Apolut“, der dazugehörige Podcast „Apolut: Standpunkte“. Darin kommen bekannte Corona-Leugner und Verschwörungsideologen wie Anselm Lenz zu Wort. Zu hören ist er unter anderem auf Spotify.

Das schwedische Streamingunternehmen steht derzeit in der Kritik, seit Neil Young und Joni Mitchell vergangene Woche ihre Musik entfernen ließen – aus Protest gegen den Schauspieler, Comedian und Podcaster Joe Rogan, der einen Exklusivdeal mit Spotify hat.

100 Millionen Dollar soll er dafür bekommen haben, die „Joe Rogan Experience“ ist mit elf Millionen Hörern pro Folge der erfolgreichste Podcast von Spotify. Doch wenn Gäste Falschaussagen zur Pandemie oder zum Klimawandel machten, korrigierte Rogan sie oft nicht, hakte nicht nach.

Der ehemalige RBB Moderator und Verschwörungsideologe ist auch bei Spotify zu hören.

Foto: imago images/Arnulf Hettrich

Joe Rogan entschuldigte sich inzwischen. Er sei Neil-Young-Fan und werde sich künftig besser auf Interviews vorbereiten. Spotify-Gründer Daniel Ek reagierte mit zwei Blogbeiträgen und veröffentlichte Richtlinien der Plattform, wie mit problematischen Inhalten umzugehen sei. Falschinformationen zur Pandemie sollen künftig mit entsprechenden Hinweisen versehen werden. Man habe außerdem bereits über 20.000 Podcast-Folgen mit Desinformation gelöscht.

Spotifys Einlenken kommt spät. Andere große Tech-Unternehmen wie Youtube, Twitter oder Meta, einst Facebook, haben derartige Richtlinien seit Langem veröffentlicht, versehen falsche Informationen zur Pandemie mit Hinweisen und sperren einzelne Nutzer oder ganze Bewegungen auch schon mal dauerhaft – Deplatforming nennt sich das. Neben Ken Jebsen ist beispielsweise der Sprecher der rechtsextremen Identitären Bewegung Martin Sellner ein prominenter Fall. Der Österreicher wurde zunächst auf Facebook und Instagram und 2020 auch auf Youtube und Twitter gesperrt.

Ohne Druck von außen passiert nichts.
Patrick Stegemann über Spotify

Dass sich Spotify erst jetzt mit diesen Themen auseinandersetzen muss, liege vor allem am bisher guten Ruf des schwedischen Streamingdienstes, sagt der Autor und Experte für Desinformation, Patrick Stegemann: „Spotify hat eine hervorragende Imagearbeit geleistet.“

Das Geschäftsmodell habe mit Musik nicht viel zu tun, „es geht eigentlich um Daten.“ Dabei agiere Spotify genauso intransparent wie die anderen großen Tech-Unternehmen. Dass Spotify bisher kaum etwas getan habe, um problematische Inhalte zu überprüfen, habe vor allem finanzielle Gründe, vermutet Stegemann. Technisch sei es dem Konzern durchaus möglich, Audiospuren zu durchsuchen – Youtube mache das schließlich auch. Doch dafür braucht es Angestellte, die zu bezahlen die börsennotierten Unternehmen lieber vermeiden würden. „Ohne Druck von außen passiert nichts.“

Der Druck ist jetzt da. Denn als Ersatzplattform nutzen viele Akteure der Neuen Rechten nicht nur den Nachrichtendienst Telegram, sondern auch das Format Podcast. „Viele dieser Akteure sind bewusst auf den Podcast-Markt ausgewichen, weil sie dort nichts zu befürchten haben“, sagt Stegemann. Das habe auch technische Gründe: Klassische Podcasts werden über RSS-Feeds und Distributors wie „Podigee“ automatisch auf Spotify, Apple, Amazon und Google verteilt. Die Streamingdienste zahlen dafür nichts. Inhaltliche Kontrolle findet nicht statt.

Weiter werde man sich nicht äußern, sagt Spotify

„Seit Jahren weisen Aktivist:innen und Journalist:innen darauf hin, dass Spotify ein Problem mit rechten und verschwörungstheoretischen Inhalten hat“, sagt Stegemann. Zuletzt habe vor allem das Thema Falschinformationen für neue Aufmerksamkeit gesorgt. „Der Effekt von Desinformation in einer Pandemie ist viel unmittelbarer als bei diskriminierenden Inhalten.“ Millionen von Menschen lassen sich nicht impfen, viele sterben. „Darauf muss man als Plattform eine Antwort finden“, sagt der Experte. Die hat Spotify bisher nicht gegeben.

Auf Anfrage des Tagesspiegel zur eigenen Verantwortung, Details der geplanten Maßnahmen und den Inhalten der Ken-Jebsen-Folge von „Apolut: Standpunkte“ nimmt die Plattform keine Stellung. Eine zuständige PR-Agentur verweist auf die Blogbeiträge mit den neuen Richtlinien des Unternehmens, weiter werde man sich nicht äußern. Spotify-Gründer Daniel Ek vertrat bisher den Standpunkt, für redaktionelle Inhalte nicht zuständig zu sein.

Auch in Deutschland gibt es viele Beispiele für die Verharmlosung der Pandemie in Podcasts auf Spotify. Eines ist „Nacktes Niveau“ von Paul Brandenburg. Der Arzt und Aktivist tritt seit Beginn der Pandemie als radikaler Kritiker der Corona-Maßnahmen auf. Mittlerweile ist er dauerhaft auf Twitter gesperrt, unter anderem, weil er medizinische Falschinformationen verbreitete. Youtube löschte sein zweiteiliges Video „Impfpass fälschen: So einfach geht’s“.

Er behauptete in der Vergangenheit, dass es „aus ärztlicher Sicht nie eine Corona-Pandemie in Deutschland“ gegeben habe, spricht von einem „neuen Totalitarismus“, der mit den Maßnahmen einhergehe. Der Bundesregierung unterstellte Brandenburg in diesem Zusammenhang wiederholt „Faschismus“.

In seinem Podcast, zu dem er wechselnde Gäste aus dem Querdenker-Lager einlädt, endete er am vergangenen Sonntag so: „Mir bleibt nur zu sagen, dass es nach wie vor ganz unerheblich ist, welche angebliche Inzidenz gerade herrscht oder wie oft sie die Lüge von einem vermeintlichen Impfstoff wiederholen. Diese sogenannte Pandemie ist politischer Terror. Und der wird nicht enden, bevor wir ihre Betreiber nicht friedlich aus den Ämtern gejagt haben. Darum rufe ich euch wie immer zu: Geht spazieren, schmeißt die Masken und die Nachweise weg. Kommt in Frieden zusammen. Maximiert eure Kontakte (…).“

Todesopfer würden „herbeigefälscht, was das Zeug hält“

Schon vor zwei Jahren regte sich öffentlich Kritik daran, dass Spotify dem Podcast „Lagebesprechung“ eine Plattform bietet. Dahinter steht die neurechte Bürgerinitiative „Ein Prozent“, die vom Magazin „Freilich“, der Zeitschrift „Sezession“ und dem Verlag Antaios betrieben wird. Der Bundesverfassungsschutz bezeichnet sie „als ‚organisatorischen Motor‘ in der selbst ernannten ‚Mosaik-Rechten‘, die durch arbeitsteilige Aufgliederung und Entgrenzung im rechtsextremistischen Spektrum gekennzeichnet ist“.

In der ersten Folge vom 24. März 2020 – kurz bevor der Bundestag eine „epidemische Lage von nationaler Tragweite“ feststellte – kündigte Moderator Arndt Novak an, man wolle mit dem Format den „Auswirkungen dieser Ausnahmesituation für unser Land und seine Leute nachspüren“. Novak ist Mitglied der Burschenschaft Danubia, die vom bayerischen Verfassungsschutz als rechtsextreme Organisation geführt wird.

Vor zwei Wochen war Martin Kohlmann, Vorsitzender der „Freien Sachsen“, zu Gast. Seit wenigen Tagen wird seine Organisation bundesweit vom Verfassungsschutz als Verdachtsfall beobachtet. Kohlmann war bei den Republikanern aktiv und Mitgründer der rechtspopulistischen Wählervereinigung „Pro Chemnitz“, vertrat als Anwalt Holocaustleugner und die rechtsextreme „Gruppe Freital“. Er wird vom Landesamt für Verfassungsschutz beobachtet.

Spotify verlor mehrere Milliarden Dollar an Börsenwert

Die „Freien Sachsen“ vernetzen und mobilisieren Gegner der Corona-Politik. Ihrer Telegram-Gruppe folgen knapp 150 000 Personen. Bei „Lagebesprechung“ äußerte Kohlmann, dass es ein Fakt sei, „dass es keine Pandemie gibt“. Todesopfer würden „herbeigefälscht, was das Zeug hält“. Das Vorgehen der Regierung „legt den Gedanken nahe: In Wirklichkeit wollen die doch was ganz anderes.“

Das „Berliner Bündnis gegen Rechts“ forderte bereits 2020 die Löschung der Sendung bei Spotify, sammelte in einer Petition weit über hunderttausend Unterschriften. Ohne Erfolg. „Sollte der Podcast ‚Lagebesprechung‘ weitere Episoden bei Spotify veröffentlichen, werden wir diese zeitnah überprüfen und bei Verstößen gegen die Spotify Content Policy die Inhalte von der Plattform entfernen“, sagte ein Sprecher der Plattform damals der „Taz“.

Dass Spotify offensichtlich nicht hinterherkommt, seine Inhalte prüfen zu lassen, zeigte sich auch, als erst nach einem kritischen Zeitungsbericht aus Israel massenhaft antisemitische Playlists und Nutzerprofile mit Nazi-Namen entfernt wurden.

Satiriker Jan Böhmermann, der zusammen mit dem Musiker Olli Schulz den Spotify-Podcast „Fest & Flauschig“ moderiert, schrieb vor wenigen Tagen auf Twitter: „Neil Young hat recht.“ Noch hat hierzulande kein:e Künstler:in angedroht, Inhalte von der Plattform zu nehmen. Doch die Machtdemonstration von Neil Young und Joni Mitchell und die anschließende Debatte hat die Verwundbarkeit des Plattform-Giganten aufgezeigt. Im Zuge der Kontroverse verlor Spotify mehrere Milliarden Dollar an Börsenwert.

Verwandte Themen
Deutschland
Facebook
Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
remind.me
Jetziges Strom-/Gaspreistief nutzen, bevor die Preise wieder steigen
Anzeige
Homeday
Immobilienbewertung von Homeday - kostenlos, unverbindlich & schnell
Anzeige
IT Boltwise
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Presseportal
Direkt hier lesen!
Anzeige
STELLENMARKT
Mit unserem Karriere-Portal den Traumjob finden
Anzeige
Expertentesten.de
Produktvergleich - schnell zum besten Produkt