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GastkommentarFußball während Corona: Zwischen Willkür und Notwendigkeit

Die Bundesliga erleidet einen Milliardenschaden durch die Pandemie. Nicht alle Beschränkungen sind nachvollziehbar, kritisiert Donata Hopfen. 03.02.2022 - 10:51 Uhr Artikel anhören

Die Autorin ist Vorsitzende der Geschäftsführung der DFL.

Foto: Handelsblatt

Unser Alltag ist nach wie vor geprägt von Masken, Kontaktreduzierungen und Tests. Auch ein Blick in die Stadien der Bundesliga zeigt: Wir befinden uns noch immer in einer Ausnahmesituation.

Der Rückrundenauftakt war in dieser Hinsicht für mich persönlich prägend. Das Spiel zwischen dem FC Bayern München und Borussia Mönchengladbach durfte ich im Stadion verfolgen. Leere Ränge, gespenstische Atmosphäre: Dieser Abend hat mir noch einmal vor Augen geführt, wie weit wir von jenem Zustand entfernt sind, den wir vor der Pandemie als Normalität kannten.

Die Auswirkungen der Pandemie werden über alle Lebensbereiche hinweg bleibende Spuren hinterlassen. Corona ist ein Beschleuniger von Entwicklungen – auch im Fußball.

Schon vor der Pandemie war absehbar, dass Bundesliga und Zweite Bundesliga vor bedeutenden Weichenstellungen stehen. Die fortschreitende Digitalisierung bei gleichzeitiger Globalisierung hat enorme Folgen für etablierte Geschäftsmodelle.

Durch Corona haben sich die Herausforderungen für den Profifußball noch einmal verstärkt und vervielfacht. Das Virus hat uns als Gesellschaft und auch dem deutschen Fußball gezeigt, wie schnell und empfindlich wir getroffen werden können. Und wie dramatisch und schnell sich die Dinge dann ändern.

Massive Auswirkungen auf den internationalen Wettbewerb

Und die Dinge ändern sich nicht für alle gleich, denn die Bedingungen sind dabei sehr unterschiedlich. Während der deutsche Fußball mit seinem elaborierten Hygienekonzept für den Restart der Bundesliga nach dem ersten Lockdown im Jahr 2020 weltweiter Vorreiter war, geraten wir jetzt ins Hintertreffen. In anderen europäischen Topligen sind die Stadien gut gefüllt. In der Bundesliga hingegen waren aufgrund der politischen Verordnungen zuletzt nur wenige bis gar keine Fans erlaubt – nun steht als erster Schritt eine erhöhte Obergrenze von 10.000 im Raum.

Fußball ist in Corona-Zeiten oft kein Gemeinschaftserlebnis mehr.

Foto: GETTY IMAGES

Dennoch: Diese Situation hat massive Auswirkungen. Auswirkungen auf die Stimmung in den Stadien; auf das, was man weltweit auf den Bild- und Fernsehschirmen sieht; letztlich hat es Auswirkungen auf die wirtschaftliche Situation der Klubs – und in Zeiten deutlich vollerer Stadien in England, Frankreich, Italien und Spanien auch massive Auswirkungen auf den internationalen Wettbewerb.

Neben den emotionalen und sozialen Folgen sind auch die wirtschaftlichen Auswirkungen in Deutschland kaum zu überschätzen. Die Situation geht zahlreichen Klubs an die Substanz.

Nimmt man die letzte Saison vor Corona (2018/19) zum Maßstab, dann haben allein die vergangenen beiden Spielzeiten den deutschen Profifußball fast 800 Millionen Euro an Ticket- und Cateringerlösen gekostet. Angesichts der Kapazitätsbeschränkungen könnten die Verluste nach der laufenden Saison bis zu 1,3 Milliarden Euro in drei Spielzeiten betragen. Das ist mehr als die nationalen Medienrechte jährlich einbringen!

Entscheidend kommt hinzu: Fußball ist ein Gemeinschaftserlebnis. Das gilt für die Mannschaft auf dem Platz, in der Kreis-, Landes- oder Bundesliga, und das gilt auch für die Fans, die den Fußball zu einem gesellschaftlichen Ereignis machen; zu einem der letzten verbleibenden Lagerfeuer unserer Zeit, das haben wir zuletzt in den Spielen bis zur Winterpause erlebt.

Es war ein Rückschlag und nicht nachvollziehbar, dass Fans an den letzten Spieltagen wieder zum größten Teil ausgeschlossen waren. Fußball findet unter freiem Himmel statt, die Organisatoren sind in der Lage, nur geimpfte und genesene Zuschauerinnen und Zuschauer zuzulassen, die Klubs rufen vor dem Stadion zu Impfangeboten auf und bieten Anreize, der Eingang erfolgt gestaffelt.

Mehr Unterstützung der Impf- und Coronakampagne ist schwer vorstellbar. Statt im Stadion treffen sich Fangruppen, die das Gemeinschaftsereignis erleben wollen, in nicht durchlüfteten Kneipen. Von Herzen. Aber diese Regeln waren nicht nachvollziehbar.

Die jetzige Lockerung kann erst der Anfang sein

Die Zulassung von 10.000 Fans ist angesichts der aktuellen Inzidenz-Lage erfreulich, aber sicherlich erst ein Anfang auf dem Weg in die Normalität. Wir erwarten daher von der Politik aus Bund und Ländern weiterhin Lösungen, die verständlich, praktikabel und nach vorn gerichtet sind – und eine Perspektive, nicht mit einer fixen Obergrenze, sondern beispielsweise mit einem Stufenplan. Für die Bindung zwischen Clubs und ihren Fans ist der Effekt der immer noch starken Einschränkungen aus meiner Sicht nicht zu unterschätzen.

Ohne Zweifel: Wir erleben eine Zäsur. Aber diese Zäsur kann auch eine Chance sein, wenn wir die Zeichen der Zeit erkennen und uns auf den Kern besinnen. Worum geht es am Ende? Wir wollen die Menschen begeistern! Das ist die Basis, von der sich alles Weitere ableitet. Und damit letztlich auch der wirtschaftliche Erfolg.

Klubs und Liga müssen die Bedürfnisse der Fans, die eben nicht nur Kunden sind, wieder stärker in den Mittelpunkt rücken. Damit sind alle Fans gemeint: die „Allesfahrer“, die ihre Mannschaft bei jedem Spiel begleiten, genauso wie die Fans in den Familienblöcken und in den Business-Bereichen, die organisierten Fangruppen ebenso wie die Tiktoker und diejenigen, die vor allem Highlights gucken.

In Deutschland, in Europa, auf der ganzen Welt. Wir müssen uns fragen: Was wollen Fans? Welche neuen Erlebnisse, Angebote und Leistungen können wir bieten? Aber auch: Was müssen wir beibehalten?

Es wird eine der großen Aufgaben der DFL und aller Klubs sein, auf diese Fragen überzeugende Antworten zu liefern. Nur dann wird es gelingen, die Popularität und Strahlkraft von Bundesliga und Zweiter Bundesliga zu erhalten und weiter auszubauen sowie gleichzeitig die wirtschaftliche Prosperität und Stabilität der Ligen zu gewährleisten.

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Stichworte sind dabei beispielsweise innovative Präsentationsformen und neue digitale Vermarktungsmodelle im In- und Ausland. Es geht darum, den Erfolg des deutschen Profifußballs auf dem Fundament seiner großen Tradition und seiner Werte zu sichern.

Jetzt gilt es, so wie beim Restart 2020 nach dem ersten Lockdown, wieder gemeinsam mutig und beherzt zu sein und einen Schulterschluss zwischen Politik, Sport und Gesellschaft zu suchen, um zusammen den Weg aus dieser Omikron-Welle zu gehen.

Die Autorin: Donata Hopfen ist Vorsitzende der Geschäftsführung der Deutschen Fußball Liga DFL.

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