Pandemie: Vor einem Jahr Corona-Hölle, jetzt Impfweltmeister: Wie Südamerika die Wende geschafft hat
Vor allem Corona-Impfstoff aus China erlaubte es den Regierungen, die Risikogruppen so rasch zu impfen. Seitdem steht Chile ununterbrochen in der Spitzengruppe der Impfquoten.
Foto: AFP/Getty ImagesSalvador. Vor einem Jahr schockten die Bilder aus der brasilianischen Amazonasmetropole Manaus die Welt. Dort starben im Februar 2021 täglich weit mehr als 100 Menschen an Covid-19. Die Intensivstationen der 2,2-Millionen-Einwohner-Metropole waren überfüllt. Es fehlte an Sauerstoff. Viele Coronakranke wurden in Krankenhäuser in ganz Brasilien verlegt – und verbreiteten damit die damals neue Delta-Variante noch schneller.
Für die Wissenschaft war der dramatische Verlauf von Infektionen und Erkrankungen erschreckend. Denn es war ein Rückfall. Schon im August 2020 hatte die Amazonashauptstadt Rekorde an Ansteckungen und Todesfällen erlebt.
Gesundheitsexperten weltweit schätzten, dass bereits zwei Drittel der Bevölkerung in Amazonas schon Kontakt mit dem Sars-CoV-2-Erreger hatte. Sie hofften auf Herdenimmunität – vergeblich. Doch heute, ein Jahr später, ist es ruhig geworden in Manaus. Zwar nehmen die Infektionen seit Jahresbeginn erneut zu – wie in ganz Brasilien. Doch die Zahl der Toten steigt bisher kaum.
Der wahrscheinliche Grund: „Das liegt an der hohen Impfrate, welche die Zahl der schweren Fälle deutlich reduziert hat“, schätzt der Pandemieexperte Victor Loyola. In Manaus sind 81 Prozent der Bevölkerung bereits zweimal geimpft. Das ist deutlich mehr als der weltweite Durchschnitt und auch mehr als in Ländern wie Deutschland, wo erst rund 74 Prozent der Bevölkerung zweimal geimpft sind.
Heute sind die 436 Millionen Menschen, die zwischen Panama und Patagonien leben, diejenigen mit der höchsten Impfquote weltweit. Aus der Coronahölle Südamerika ist in nur einem Jahr der Kontinent mit den meisten Geimpften geworden.
Anfang Februar waren in Südamerika laut der Webseite Our World in Data von der Universität Oxford 79 Prozent der Menschen mit mindestens einer Dosis geimpft. Damit liegt der Kontinent deutlich vor Asien (71 Prozent einmal geimpft) oder auch Europa (67 Prozent).
Auch bei den zweimal gegen Corona Geimpften führt Südamerika mit 68 Prozent der Bevölkerung vor Europa (63 Prozent) oder Nordamerika (60 Prozent). Im weltweiten Durchschnitt sind 53 Prozent der Menschen zweimal und 61 Prozent einmal geimpft.
Mehrere Gründe für die Trendwende
Diese Trendwende ist erstaunlich. Das German Institute for Global and Area Studies aus Hamburg schätzt, dass Lateinamerika rund ein Drittel aller Covid-19-Toten weltweit verzeichnet, obwohl dort nur knapp ein Zehntel der Weltbevölkerung lebt.
Peru hält den traurigen Rekord mit 6000 Toten pro einer Million Einwohner. Das ist eine der höchsten Mortalitätsraten der Welt. Brasilien ist nach den USA weltweit die Nummer zwei mit den meisten registrierten Coronatoten. 627.000 Tote sind es inzwischen.
Die meisten südamerikanischen Regierungen begannen erst nach dem ersten Quartal 2021, ihre Bevölkerungen im großen Maßstab zu impfen. Umso erstaunlicher ist nun die höchste Impfrate weltweit. Mehrere Gründe gibt es dafür. Zwar sind sie in jedem Land anders. So hinken Paraguay und Bolivien – die ärmsten Länder Südamerikas – mit ihren Impfkampagnen hinterher. Doch für die erfolgreichen Massenimpfungen in fast allen Ländern der Region lassen sich einige Gemeinsamkeiten finden.
Über die brasilianische Amazonas-Metropole Manaus rollten zwei todbringende Corona-Wellen hinweg.
Foto: dpaSo reagierten einige Länder wie Uruguay oder Chile besonders schnell und flexibel auf die Pandemie. Schon Ende des ersten Pandemiejahres 2020 starteten dort die Impfungen. In beiden Staaten verhandelten die Regierungen mit den Impfstoffherstellern bereits ab Mitte 2020 über den Kauf von Vakzinen. In Chile und Uruguay sind bis heute Johnson & Johnson, Astra-Zeneca, Pfizer-Biontech und Sinovac in Einsatz.
Chile will bald mit der vierten Impfung beginnen
Vor allem das Vakzin aus China erlaubte es den Regierungen, die Risikogruppen so rasch zu impfen. Seitdem steht Chile ununterbrochen in der Spitzengruppe der Impfquoten – und will nun nach Israel als zweites Land weltweit bald die vierte Impfdosis verabreichen. Derzeit sind dort knapp 92 Prozent der Menschen geimpft. In Uruguay sind es 84 Prozent.
In Staaten wie Argentinien und Brasilien starteten die Impfkampagnen verzögert. In Argentinien scheiterte die gemeinsam mit Mexiko vereinbarte lokale Produktion des Astra-Zeneca-Impfstoffs. Auf den russischen Impfstoff Sputnik V mussten die Argentinier lange warten.
In Brasilien stellte sich Präsident Jair Bolsonaro als erbitterter Impfgegner quer. Angebote von internationalen Impfstoffherstellern lehnte er über Monate ab. Über ein Dutzend E-Mails von Pfizer blieben 2020 unbeantwortet. Seine Gesundheitsminister sabotierten jeden Versuch zu einer Impfkampagne.
Der Gouverneur von São Paulo beharrte schließlich darauf, mit dem chinesischen Hersteller Sinovac eine Kooperation einzugehen, um in Brasilien Impfstoffe zu produzieren. Deswegen kam die Kampagne im April letzten Jahres langsam in Gang.
In Südamerika gibt es kaum Impfgegner
Impfgegner gibt es in Südamerika kaum – und wenn, dann sind sie schlecht organisiert, wie in Argentinien oder Kolumbien. Der dramatische Verlauf der Pandemie im ersten Jahr mit einigen der härtesten und längsten Lockdowns weltweit wie in Argentinien, Chile und Peru hat die Menschen offen für Impfungen gemacht. Schließlich sind viele Menschen prekär beschäftigt und können sich nicht im Homeoffice isolieren.
Damit stieg auch der Druck auf die Politik, schnell umfassende Impfkampagnen auf die Beine zu stellen.
Südamerika verzeichnet mittlerweile die höchsten Impfquoten.
Foto: dpaEntscheidend für die schnelle Durchimpfung der Bevölkerung dürfte jedoch die Tradition von Impfkampagnen in der öffentlichen Gesundheitsvorsorge in ganz Südamerika sein. Viele Erwachsene können sich noch an Ausbrüche von Gelbfieber, Kinderlähmung oder sogar Pocken erinnern – und an die landesweiten Impfkampagnen.
Bei Gelbfieber-Ausbrüchen in Südamerika ist es etwa üblich, dass über Nacht für Einreisen Impfnachweise verlangt werden und an den Grenzen sofort geimpft wird.
Brasilien impft bis zu zwei Millionen Menschen am Tag
In Brasilien werden Babys im ersten Lebensjahr neun Impfungen verabreicht. Im Impfpass sind 28 Impfungen vorgesehen. In Argentinien, Chile und Kolumbien ist das nicht viel anders. Die Auszahlungen staatlicher Hilfen – wie die Sozialhilfe Bolsa Familia in Brasilien – ist üblicherweise mit der Impfpflicht für Kinder verbunden.
Das staatliche Netz der öffentlichen Gesundheitsstationen ist gut ausgebaut. So können in Brasilien zeitweise zwei Millionen Menschen am Tag geimpft werden.
Immer wieder rufen die Gouverneure oder Bürgermeisterinnen zu 24-Stunden-Impfaktionen auf. Per App können die Brasilianer feststellen, an welchen Impfstationen die Schlangen am kürzesten sind oder ob gerade Impfstoff vorhanden ist.
Dennoch fürchten die Staaten in Südamerika nun die Omikron-Welle und eine erneute Überlastung der Krankenhäuser. Trotz der hohen Impfquote gibt es in Brasilien immer noch 43 Millionen ungeimpfte Menschen.