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  4. ARD: Tagesschau24 soll zum vollwertigen Kanal für News werden

Patricia Schlesinger im InterviewARD-Vorsitzende: „Es wird Zeit, dass Deutschland den Nachrichtenkanal bekommt, den es verdient“

Karneval statt Ukrainekrise: Immer wieder gibt es Kritik an der Informationskompetenz der ARD. Das will die neue Vorsitzende ändern. Im Fokus: der Nischensender Tagesschau24.Christian Rickens 17.02.2022 - 16:30 Uhr Artikel anhören

Die ARD-Vorsitzende kündigt eine News-Offensive an.

Foto: obs

Hamburg. Die ARD stand mit ihrem Programm zuletzt immer wieder in der Kritik. Nun will die neue Vorsitzende Patricia Schlesinger die Informationskompetenz des öffentlich-rechtlichen Senderverbunds stärker herausstellen. „Es wird höchste Zeit, dass das wirtschaftlich stärkste Land Europas den Nachrichtenkanal bekommt, den es verdient“, sagt die 60-jährige Fernsehjournalistin im Interview mit dem Handelsblatt.

Schlesinger will dabei den Nischensender Tagesschau24 zum vollwertigen Fernseh-Informationskanal ausbauen. „Weniger Wiederholungen, im Kern keine Dokumentationen mehr, mehr regionale Berichterstattung“ sollen künftig laut Schlesinger auf dem Kanal laufen. Bei Breaking-News-Lagen werde in Zukunft sehr viel schneller auf Tagesschau24 live berichtet und dann auch das ARD-Hauptprogramm unterbrochen.

Als Vorbild sieht Schlesinger internationale Nachrichtensender, etwa die BBC. „Im Vergleich zu CNN wollen wir eher ein bisschen ruhiger, weniger spektakulär daherkommen“, sagt die ARD-Vorsitzende, die zugleich Intendantin des RBB ist.

Lesen Sie hier das komplette Interview:

Frau Schlesinger, haben Sie am Valentinstag im Ersten „Hart aber fair“ zur Ukrainekrise geschaut?
Nein.

Die Sendung kam auch ungewöhnlich spät, nämlich um 23 Uhr statt 21 Uhr, weil vorher die Festsitzung des Aachener Karnevalsvereins übertragen wurde. Für Sie eine nachvollziehbare Programmentscheidung?
Unterhaltung bildet einen Teil unseres Auftrags und so soll es auch bleiben. Der Karneval ist für viele Menschen und Regionen wichtig, da bitte ich um Toleranz – als bekennende Nichtkarnevalistin übrigens.

Dieser Fall ist weder der einzige noch der erste, in dem die ARD in der Kritik stand, ihren Informationsauftrag zu vernachlässigen.
Zu Unrecht, denn diesen Auftrag nehmen wir sehr ernst. Die ARD hat mit der Tagesschau die stärkste deutsche Nachrichtenmarke. Deren Rolle wollen wir jetzt noch einmal deutlich stärken, indem wir Tagesschau24 zu einem nationalen, internationalen und – bei bundesweitem Interesse – auch regionalen Informationskanal ausbauen, und zwar auf allen Ausspielwegen: App, Livestream, TV, Social Media. Als bekennender News-Junkie finde ich: Es wird höchste Zeit, dass das wirtschaftlich stärkste Land Europas den Nachrichtenkanal bekommt, den es verdient.

Tagesschau24 ist bislang ein Spartenkanal, in dem neben Kurzausgaben der Tagesschau vor allem viele Wiederholungen laufen. Was soll sich dort konkret ändern?
Weniger Wiederholungen, im Kern keine Dokumentationen mehr, mehr regionale Berichterstattung. Mehr Live-Schalten zu Korrespondentinnen und Korrespondenten vor Ort oder im Studio. Es wird regelmäßige Zulieferungen geben vom neuen Kulturportal der ARD in Weimar, aus der Wirtschaftsredaktion in Frankfurt und den Sportredaktionen des WDR.

Vita Patricia Schlesinger
Schlesinger, Jahrgang 1961, wuchs in Bad Nenndorf auf und begann ihre Karriere beim NDR. Neben Einsätzen als Moderatorin war sie Korrespondentin in Singapur und Washington.
2016 wurde Schlesinger Intendantin des RBB. Am 1. Januar übernahm sie zudem das Amt der ARD-Vorsitzenden von Tom Buhrow.

Werden die Veränderungen Auswirkungen auf das erste Fernsehprogramm haben?
Bei Breaking-News-Lagen, ob es der Sturm aufs Kapitol ist oder in Bayern ein Tal überschwemmt wird, werden wir in Zukunft sehr viel schneller auf Tagesschau24 live berichten. Und wenn dann die journalistische Schwelle überschritten ist, ab der wir das Hauptprogramm unterbrechen, sind wir auch dort sehr viel schneller sendefähig, denn wir können im Ersten auf das Angebot von Tagesschau24 schalten. Wichtig ist: Für die Zuschauerinnen und Zuschauer gibt es eine Anlaufstelle, eine Adresse, unter der das aktuelle Nachrichtenangebot gebündelt wird, und das wird Tagesschau24 sein.

„Wir hatten in den vergangenen Monaten viele Brennpunkte“

Wie viel soll Ihre Nachrichtenoffensive kosten, wie soll sie finanziert werden?
Wir werden das aus dem Bestand finanzieren. Was wir vorhaben, ist betriebswirtschaftlich sinnvoll, denn wir haben das Besteck schon in der Schublade, wir müssen es nur auf den Tisch packen, richtig hinlegen und damit essen. Das schaffen wir über Synergien, indem wir die vorhandenen journalistischen Ressourcen der ARD effizienter nutzen.

Können Sie ein konkretes Beispiel für solche Synergien nennen?
Wir haben rund 100 Korrespondentinnen und Korrespondenten in der ganzen Welt, für Fernsehen und Hörfunk. Technologisch ist es viel einfacher geworden, crossmedial zu arbeiten und hochwertiges Bildmaterial zu generieren. Auch ein Hörfunkkorrespondent kann auf Tagesschau24 zugeschaltet werden und dort vorhandenes Bildmaterial einordnen. Die künftige Aufgabenteilung stelle ich mir so vor, wie wir es am Dienstag praktiziert haben: Da hatten wir in der 20-Uhr-Tagesschau die Berichterstattung über den Besuch des Bundeskanzlers in Moskau, darin den Hinweis auf die sich anschließende Sondersendung zur Ukrainekrise auf Tagesschau24. Wer sich vertieft informieren will, kann so lückenlos am Thema dranbleiben.

Früher hätte man in der gleichen Lage um 20.15 Uhr eine Sondersendung im Ersten ins Programm genommen. Sehen Sie die Gefahr, dass die ARD ihr Informationsangebot endgültig auslagert und im Hauptprogramm künftig noch mehr Unterhaltung sendet?
Ganz und gar nicht. Wir hatten in den vergangenen Monaten überproportional viele aktuelle Brennpunkt-Sendungen im Ersten, weil die Nachrichtenlage nun einmal so ist, wie sie ist, und das Informationsinteresse maßgeblich gestiegen ist.

Die Korrespondenten sollen künftig stärker crossmedial arbeiten.

Foto: obs

Wann wird das neue Angebot des Informationskanals starten?
Mit den ersten Veränderungen im Programm haben wir schon begonnen und werden sie jetzt nach und nach ausrollen. Eine Programmumstellung auf einen Schlag mit dem Durchschneiden roter Bändchen wird es nicht geben.

Gibt es eine Kennzahl, an der Sie den Erfolg Ihrer Offensive festmachen?
Nach einem Jahr wird evaluiert.

„Die BBC ist journalistisch immer ein Vorbild“

Haben Sie internationale Vorbilder für den Informationskanal? Wenn man in der Vergangenheit bei wichtigen Nachrichtenlagen Live-Berichterstattung im Fernsehen gesucht hat, ist man ja schnell bei CNN oder BBC gelandet.
Die BBC ist journalistisch natürlich immer ein Vorbild. Im Vergleich zu CNN wollen wir eher ein bisschen ruhiger, weniger spektakulär daherkommen. Wir wollen Nachrichten bieten, auf die sich die Menschen verlassen können, und das in jeder Lage und zu jeder Tages- oder Nachtzeit.

War es schwierig, dieses Projekt im Kreis der ARD-Intendantinnen und -Intendanten durchzusetzen? Die wachen ja normalerweise argwöhnisch darüber, ob eine Rundfunkanstalt im Kreis der ARD mehr Macht bekommt – so wie in diesem Fall der für die Tagesschau zuständige NDR.
Es war weder umstritten, dass wir das Projekt wollen, noch dass es beim NDR angesiedelt sein wird. Da gibt es klare Zuständigkeiten zwischen den einzelnen Anstalten. Aber natürlich mussten wir auch über Abgrenzungsfragen sprechen, zum Beispiel zu Phoenix …

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… dem ARD-Sender, der bislang für die Übertragung von Live-Ereignissen wie Bundestagsdebatten oder Parteitagen zuständig ist. Phoenix können Sie jetzt ja eigentlich abschalten, oder?
Ganz im Gegenteil. Das Profil von Phoenix wird geschärft, er bleibt der Kanal für planbare Aktualität, Live-Verbreitung von politischen Ereignissen, Themenschwerpunkten, Dokumentationen und politischen Talk. Tagesschau24 setzt dagegen auf Nachrichten und Breaking News. Aber natürlich kann in Zukunft Tagesschau24 für die entscheidende Abstimmung auf einem Parteitag das Sendesignal von Phoenix übernehmen – wir wollen ja Synergien nutzen.

Sie sind seit dem 1. Januar ARD-Vorsitzende. Gibt es nach vielen Jahren im öffentlich-rechtlichen Rundfunk noch etwas, was Sie in der neuen Funktion überraschen konnte?
Überrascht vielleicht nicht, aber es macht Spaß zu sehen, dass dieser riesige Tanker ARD, der ja in Wahrheit aus einer ganzen Tankerflotte besteht, dann in der Lage ist, sich zu bewegen, wenn der gemeinsame Wille da ist. Das ist in den vergangenen Jahren mehrfach geschehen.
Frau Schlesinger, vielen Dank für das Interview.

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