Asia Techonomics: Zwischen Peking und Washington: Chinas Tech-Konzerne stecken in Russland im Sanktionsdilemma
In der wöchentlichen Kolumne schreiben Handelsblatt-Korrespondenten im Wechsel über Innovations- und Wirtschaftstrends in Asien.
Foto: Klawe RzeczyEigentlich hatte der chinesische Onlinehändler Alibaba in diesem Jahr einen Börsengang seines russischen Joint Ventures Aliexpress Russia angedacht – immerhin des zweitgrößten Internethändlers Russlands. Daraus dürfte angesichts der Wirtschaftswirren in Russland infolge von Wladimir Putins Ukrainekrieg und der westlichen Sanktionen nichts werden. Chinas Konzerne als Profiteure der Kriegs- und Sanktionskluft zwischen Russland und dem Westen? So einfach ist das nicht.
Das zeigt zum Beispiel ein genauerer Blick auf die chinesischen Technologiekonzerne. Ihr Geschäft in Russland, das in den vergangenen Jahren durch die stärkeren bilateralen Wirtschaftsverflechtungen gewachsen ist, leidet nun auch infolge der immensen Verwerfungen des Landes: Probleme bei der Bargeldversorgung, Rubel-Verfall, Preisexplosionen. Zudem stecken die chinesischen Tech-Firmen gerade ganz tief in einem wirtschaftspolitischen Dilemma: Das Technologieexportverbot der USA als Teil der westlichen Sanktionen gegen Russland erfasst auch viele chinesische Tech-Firmen – und zwar dann, wenn in ihren Produkten verbaute Vorprodukte aus den USA stecken.
Sind Chips der chinesischen Halbleiterfirma SMIC zum Beispiel mit US-Ausrüstung von Applied Materials hergestellt, fallen sie unter die US-Sanktionen. Und die US-Seite hat schon klargemacht, dass sie diesen China-Strang der West-Sanktionen genau beobachten wird. Denn der Hebel über die chinesischen Anbieter ist groß: China ist der größte Elektroniklieferant für Russland: Ein Drittel der Halbleiter in Russland kommt aus China, bei Computern und Smartphones ist es sogar mehr als die Hälfte.
Nicht nur SMIC ist von dem Sanktionsdilemma betroffen, auch in Xiaomi-Handys etwa stecken einer Aufstellung der Finanznachrichtenagentur Bloomberg zufolge unter anderem Chips von Qualcomm und Qorvo aus den USA. In Lenovo-Computern laufen Prozessoren der US-Unternehmen Advanced Micro Devices und Intel.
Didis Rückzug aus Russland lässt den politischen Druck erahnen
Das Problem für die chinesischen Tech-Unternehmen: Chinas Regierung hat explizit und wiederholt Sanktionen gegen Russland als das falsche Mittel kritisiert. „Wir stellen uns gegen illegale, unilaterale Sanktionen ohne ein internationales Mandat“, lässt das Außenministerium in Peking gar wissen. Die prorussische Haltung schlägt auf die Stimmung in China durch und macht es chinesischen Firmen derzeit schwer, sich gegen Russland zu positionieren.
Das hat der chinesische Online-Fahrdienstvermittler Didi in der vergangenen Woche zu spüren bekommen. Am Montag – drei Tage vor dem Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine – kündigte Didi an, sich aus den Märkten Russland und Kasachstan wegen „der veränderten Marktlage“ zurückzuziehen. Am Samstag dann – zwei Tage nach der Invasion – kündigte Didi ohne Begründung die Kehrtwende an: Das Unternehmen werde in Russland aktiv bleiben. Ob es nur die Kritik in sozialen Netzwerken an dem Schritt war, der von nationalistischen Nutzern als US-hörig kritisiert wurde, oder ob es gar direkten politischen Druck gab, ist nicht klar.
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Doch was chinesischen Firmen andererseits passieren kann, wenn sie US-Sanktionen nicht befolgen, haben alle Unternehmen am Beispiel des Telekomausrüsters Huawei eindrücklich gesehen: Wegen des Vorwurfs, US-Sanktionen gegen den Iran unterlaufen zu haben, war die Finanzchefin Meng Wanzhou infolge eines US-Auslieferungsantrags 1000 Tage lang in Kanada unter Hausarrest gestellt worden.
Experten warnen bereits, dass chinesischen Firmen und ihren Vertretern hohe Geld- und Haftstrafen drohen, wenn sie die US-Sanktionen brechen. Huawei übrigens ist neben Alibaba eines der größten chinesischen Unternehmen in China. Mit den Sanktionen im Westen hat der Konzern sich noch stärker in Russland engagiert, ist unter anderem strategischer Partner bei der Cloud-Plattform der größten russischen Bank Sberbank.
Nicht nur Europa und die USA sind so über ihre Zulieferketten geopolitischen Risiken ausgesetzt. Die chinesischen Technologiekonzerne merken am Beispiel Russland einmal mehr, dass das auch für sie gilt.
In unserer Kolumne Asia Techonomics schreiben Nicole Bastian, Dana Heide, Sabine Gusbeth, Martin Kölling und Mathias Peer im Wechsel über Innovations- und Wirtschaftstrends in der dynamischsten Region der Welt.