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AnlagestrategieNestlé, Roche, Novartis und Givaudan: Schweizer Aktien als sicherer Hafen in Krisenzeiten

Die Aktien Schweizer Unternehmen sind gerade in Krisenzeiten sehr gefragt und auch auf lange Sicht attraktiv. Welche Chancen der Markt bietet.Peter Köhler 09.03.2022 - 18:14 Uhr Artikel anhören

Schweizer Aktien aus dem Pharma- und Lebensmittelsektor gelten als krisenresistent.

Foto: AFP/Getty Images, Bloomberg, Novartis, Roche

Frankfurt. Der Schweizer Finanzmarkt hat den Ruf, ein Hort der Stabilität zu sein. In Krisenzeiten wie dem aktuellen Ukrainekrieg entwickeln Schweizer Aktien eine Art Eigenleben und zeigen sich widerstandsfähiger als viele andere Märkte. Unter anderem bietet der eidgenössische Aktienmarkt Anlegerinnen und Anlegern Branchenriesen wie Roche und Nestlé in weniger konjunkturabhängigen Bereichen.

Die Anlagestrategen der Schweizer Privatbank Maerki Baumann haben bereits in Richtung Schweizer Aktien umgeschichtet. Chefanlagestratege Gérard Piasko sagt im Gespräch mit dem Handelsblatt: „Innerhalb des Aktienanteils haben wir die Aktien aus der Schweiz übergewichtet. Die Pharma- und Nahrungsmittelaktien sind weniger konjunkturabhängig, das dürfte sich in den kommenden Monaten auszahlen.“

Wichtig sei, dass man auf Qualitätsaktien setzt. Das seien Unternehmen, die höhere Input-Kosten – etwa bei den Rohstoffen – über ihre Preissetzungsmacht wegstecken könnten, stabile Profitabilität über verschiedene Konjunkturzyklen hinweg gezeigt hätten und eine relativ niedrige Verschuldung aufwiesen.

Zudem hat Maerki Baumann seine Cashquote erhöht, von zehn Prozent auf 11,75 Prozent, und gleichzeitig die Aktienquote um vier Prozentpunkte auf jetzt 44 Prozent gesenkt. Allerdings schon vor dem Start des Ukrainekriegs. „Ich habe den Angriff Russlands natürlich nicht vorhergesehen. Aber ich habe schon am 1. Februar zu den Kunden gesagt: Schnallen Sie sich an“, berichtet Piasko.

Dabei habe er eher an die steigende Inflation und die Aussichten auf ein niedrigeres Wachstum der Weltwirtschaft gedacht, so Piasko weiter. Aber die zunehmenden geopolitischen Spannungen seien auch schon unübersehbar gewesen. „Nach den Boomjahren an der Börse war es angebracht, einige Gewinnmitnahmen zu tätigen“, sagt der Chief Investment Officer.

Viele Anfragen zu Schweizer Aktien

Mit seiner höheren Cashquote und der stärkeren Gewichtung bei Schweizer Aktien liegt Piasko im Trend, berichtet Lorenz Reinhard, Leiter Schweizer Aktien bei Pictet Asset Management. „Aktuell gibt es viele Anfragen zu Schweizer Aktien. Die Titel sind in schwierigen Zeiten attraktiv, aber auch langfristig eine gute Anlage.“

Die meisten Aktienexperten setzen vor allem auf Werte wie Roche und Novartis im Pharmabereich beziehungsweise Nestlé und Lindt & Sprüngli bei den Nahrungsmittelaktien. Diese Branche dürfte in den kommenden Wochen gefragt sein – im Gegensatz zu Industrietiteln sowie Tourismus- und Finanzaktien. Sie spüren die Auswirkungen der Sanktionen gegen Russland und die Probleme in den Lieferketten.

Ein wichtiger Profiteur der aktuellen Entwicklung fehlt allerdings am Schweizer Markt: Aktien aus dem Energie- und Rohstoffbereich. „Die muss man woanders in Europa zukaufen, etwa in Großbritannien“, sagt ein Aktienstratege.

Dafür weist der Schweizer Markt allerdings eine relativ geringe Korrelation zum Weltaktienindex MSCI World auf. Die Korrelation beschreibt die Abhängigkeit, bei einem Wert von eins verlaufen beide Kurven identisch, bei einem Wert von minus eins entgegengesetzt. „Die Schweizer Aktien haben ein Beta von rund 0,66, das heißt, sie machen eine Abwärtsbewegung beim Weltaktienindex nur zu zwei Dritteln mit“, sagt Piasko. Bei anderen großen Märkten ist der Wert deutlich größer.

Aktien von Roche und Novartis zählen zu den Favoriten

Die Fürst Fugger Privatbank setzt innerhalb des Schweizer Anlageuniversums „auf die üblichen Verdächtigen“. Branchenseitig ist man dort eher defensiv orientiert, mit den Themen Gesundheit, Basiskonsum und Grundstoffe. Ein Fokus liegt auf Cash-Kings mit solider Dividendenpolitik.

Ein Favorit der Bank ist Novartis, sagt Marko Behring, Leiter des Asset-Managements. Durch den Erlös aus dem Verkauf des Roche-Aktienpakets und dem geplanten Verkauf der Generika Sparte Sandoz werde die ohnehin sehr gesunde Bilanzstruktur demnächst noch resilienter aussehen.

Die Investmentbank Stifel stuft Novartis mit „halten“ und Roche mit „kaufen“ ein, alle Pharmakonzerne profitierten vom Innovationsschub in der Branche. Dieser sollte den Preisdruck und Gesundheitsreformen – etwa in den USA – überkompensieren. Behring sieht zudem den Aromen- beziehungsweise Dufthersteller Givaudan positiv.

Allerdings sind die Schweizer Aktien nicht günstig: Roche bezahlen Anlegerinnen und Anleger aktuell mit dem 16-fachen erwarteten Jahresgewinn für 2022. Bei Novartis liegt das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) bei zwölf, bei Nestlé bei 23, bei Givaudan bei 35 und bei Lindt & Sprüngli sogar bei 41.

Beim Wealth-Management der Schweizer Bank Pictet rät man trotz der herben Rückschläge durch den Krieg in der Ukraine zu besonnenem Handeln. Die größte Gefahr für Anleger bestehe darin, „das (vermeintliche) Portfoliorisiko drastisch zu reduzieren, weil die kurzfristige Entwicklung der Kapitalmärkte nicht ihrer Risikotoleranz entspricht, und den anschließenden Marktaufschwung zu verpassen“. Als Beispiel nennt Pictet die Corona-Pandemie: Wer seine Aktien im März 2020 verkaufte, der war bei der Erholung danach nicht dabei.

Auf lange Sicht erzielten Schweizer Aktien von 1926 bis 2021 eine reale Rendite von durchschnittlich 5,9 Prozent. Wer vor der Finanzkrise 2008 eingestiegen war, erlebte zwar einen Abschwung, bis 2021 ergab sich aber trotzdem eine Rendite von 5,7 Prozent im Mittel.

Ein weiterer Punkt, den Anlegerinnen und Anleger am Schweizer Markt im Blick haben sollten, ist das Währungsrisiko. Pictet hält dieses aber für überschaubar. Schwankungen von rund fünf Prozent seien nach beiden Seiten möglich. Piasko von Maerki Baumann weist darauf hin, dass der Schweizer Franken in Krisenzeiten generell immer etwas stärker sei. Tatsächlich fiel der Wert des Euros zuletzt unter den des Franken.

Reinhard von Pictet sieht in der strukturellen Stärke des Franken sogar einen weiteren „Grund für Investoren aus dem Ausland, in Schweizer Aktien zu investieren“. Auch die Fürst Fugger Privatbank erwartet, dass im aktuellen Fall die jüngsten Preissteigerungen im Energiebereich der Schweizer Zentralbank eher in die Karten spielen. Denn: Je stärker der Franken, desto erschwinglicher seien auch die Rohstoffe, die aktuell infolge der jüngst beobachteten geopolitischen Entwicklung dynamisch im Preis angezogen seien.

Von Krisen nicht verunsichern lassen

Anlageexperte Behring resümiert: „Vor diesem Hintergrund sehen wir im Franken eine tolle Alternative – insbesondere dann, wenn man bedenkt, dass man viele gute Unternehmen mit solider Dividendenhistorie und kerngesunder Bilanzstruktur einkaufen kann.“

Wichtig ist beim Schweizer Markt, dass man langfristig investiert bleibt und sich nicht von Krisen verunsichern lässt. Anleger mit einem Zeithorizont von zehn Jahren hätten laut Pictet nur drei Mal seit 1926 eine negative Rendite eingefahren, wobei es jedes Mal um eine Erstanlage ging, die mit dem Crash von 1929 zusammenhängt. Wer 13 Jahre investiert blieb, hätte seit 1926 keinen Verlust auf seine ursprüngliche Anlage erlitten.

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Wer unmittelbar zur Finanzkrise 2008 in Schweizer Aktien einstieg, der konnte bis 2021 immerhin eine durchschnittliche Jahresrendite von 6,4 Prozent erwirtschaften, obwohl im Jahr 2008 ein Minus von 34 Prozent zu verzeichnen war. Auch für den Schweizer Markt gilt, dass Krisen relativ schnell überwunden werden – es sei denn, sie sind so gravierend wie der Crash 1929. Hier dauerte es Jahrzehnte, bis die alten Höchststände wieder erreicht waren.

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