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Gastkommentar – Homo oeconomicusExtreme Ungleichheit ist ein überschätztes Problem

Ungleichheitsstatistiken werden häufig fehlinterpretiert. Die Zahlen sind nicht vergleichbar mit der Verteilung des Landbesitzes in Agrargesellschaften, mahnt Richard Koo. 15.03.2022 - 13:38 Uhr Artikel anhören

Auch wenn das System in den USA die Reichen noch reicher macht, schafft es doch Wohlstand, meint der Autor.

Foto: IMAGO/ZUMA Wire

Die große Ungleichheit untergräbt die Position der USA als führendes Land und als Vorbild für die freie Welt. Andererseits wird die Ungleichheitsstatistik oft fehlinterpretiert, so als ob wir noch in einer Agrargesellschaft leben würden, in der Boden das wichtigste Gut ist.

Wenn zehn Prozent der Bevölkerung 60 Prozent des Reichtums besitzen, könnte man in einer Agrargesellschaft davon ausgehen, dass die restlichen 90 Prozent der Bevölkerung entweder in den Slums leben oder als Kleinbauern ohne Hoffnung auf wirtschaftlichen Aufstieg arbeiten.

Der größte Teil des Vermögens der reichsten Menschen in den USA besteht heute jedoch aus dem Wert der Aktien, die sie an den von ihnen gegründeten Unternehmen besitzen. Bei Amazon-Gründer Jeff Bezos sind es 91 Prozent, bei Facebook-Chef Mark Zuckerberg 97 Prozent und bei Tesla-Chef Elon Musk 85 Prozent. Es handelt sich um einen Reichtum, der am Markt geschaffen, nicht von anderen genommen oder gestohlen wurde.

In Agrargesellschaften, in denen der Grundbesitz größtenteils in den Händen einiger weniger Privilegierter liegt, führt eine Landreform, die den ehemaligen Teilbauern Eigentumsrechte einräumt, in der Regel zu einer enormen Verbesserung der Produktivität und des wirtschaftlichen Wohlstands.

Eine ähnliche Enteignung in den heutigen fortgeschrittenen Ländern wird dagegen zu einer geringeren Risikobereitschaft und einem Einbruch der Aktienkurse führen, was niemandem helfen würde.

USA schaffen Wohlstand

Es gibt Risiken, die nur reiche Einzelpersonen eingehen können. Das liegt daran, dass die Governance-Regeln zum Schutz der öffentlichen Gelder es Banken und institutionellen Anlegern erschweren, in Start-ups zu investieren, in denen zwar neue Ideen entstehen, aber auch die Misserfolgsquote hoch ist.

Richard Koo ist Chefvolkswirt des Nomura Research Institute in Tokio.

Foto: imago images / Italy Photo Press

Wenn nur eines von acht Start-ups erfolgreich ist, müssen Investoren in Start-ups im Durchschnitt sieben Misserfolge hinnehmen, bevor sie einen Erfolg sehen. Ein Fondsmanager einer Bank oder eines Pensionsfonds kann eine solche Misserfolgsquote nicht verkraften und trotzdem hoffen, seinen Job zu behalten. Ein Mensch, der nur sich selbst Rechenschaft schuldig ist, kann dagegen die sieben Misserfolge ertragen, wenn dafür bei den wenigen Erfolgen hohe Gewinne winken.

In den USA gibt es ein Ökosystem sehr erfolgreicher Personen, die neuen Start-ups helfen. Dadurch konnte die Nation ihre Dynamik und technologische Führungsrolle in vielen Bereichen aufrechterhalten.

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Auch wenn dieses System die Reichen noch reicher macht, schafft es doch Wohlstand. In einer Zeit, in der Reichtum durch Ideen und harte Arbeit geschaffen wird, sollten alle, auch diejenigen in Japan oder Deutschland, die sich ein schnelleres Wirtschaftswachstum wünschen, die Statistiken zur Ungleichheit mit Vorsicht genießen. Diese Zahlen sind nicht vergleichbar mit der Verteilung des Landbesitzes in Agrargesellschaften.

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