Erdogans Projekt: Türkei plant Parallelkanal zum Bosporus – und gefährdet das Macht-Gleichgewicht am Schwarzen Meer
Kriegsschiffe von Nichtanrainern dürfen den Bosporus nur bis zu einer bestimmten Größe durchfahren und nur kurz im Schwarzmeer bleiben.
Foto: dpaIstanbul. Handelsschiffe fahren weiter ungehindert durch den Bosporus ins Schwarze Meer, doch für Kriegsschiffe gelten derzeit andere Regeln: Sie dürfen – sobald ein Anrainerstaat des Schwarzen Meeres sich im Krieg befindet – nur durch die Meerenge fahren, wenn sie dort ihren Heimathafen ansteuern. Das will der Vertrag von Montreux so, der den freien Schiffsverkehr durch das Gewässer regelt.
Ein Projekt der türkischen Regierung von Staatschef Recep Tayyip Erdogan könnte das geopolitische Gleichgewicht, das der Vertrag erschaffen hat, allerdings nun durcheinanderbringen. Die türkische Regierung will ausgerechnet in der Hochphase des Ukrainekriegs den Bau eines neuen Kanals vorantreiben.
Der Istanbul-Kanal würde einen parallelen Seeweg schaffen – parallel zum Bosporus, aber auch parallel zum Vertrag von Montreux. Die umstrittene Wasserstraße könnte so Auswirkungen auf die gesamte Schwarzmeerregion haben.
Russland, die neue Kriegsmacht im Schwarzen Meer, steht dem Projekt kritisch gegenüber. Die türkische Regierung jedoch verbittet sich jegliche Kritik.
Der Kanal wäre 45 Kilometer lang, der europäische Teil Istanbuls wäre damit komplett von Wasser umgeben und würde somit zur Insel werden. Umweltschützer und mehrere Bürgerinitiativen warnen vor Folgen für Flora und Fauna in dem Gebiet, außerdem vor der Gefahr durch Erdbeben.