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KabelbäumeTaskforce gegen Teilemangel: So bekommen die Autobauer die Kriegsfolgen in den Griff

Viele Zulieferer haben die Fertigung in ihren Werken in der Ukraine nach dem russischen Einmarsch eingestellt. Zwei Faktoren sorgen nun dafür, dass die Bänder wieder rollen.Stefan Menzel, Markus Fasse 22.03.2022 - 16:18 Uhr Artikel anhören

Seit dieser Woche rollen die Bänder wieder.

Foto: dpa

Wolfsburg, München. Die kriegsbedingten Unterbrechungen in den deutschen Autofabriken nehmen langsam wieder ab. Bei Volkswagen in Wolfsburg hat in dieser Woche die Golf-Produktion wieder begonnen. Im Werk Zwickau soll es Anfang April wieder losgehen – in der sächsischen Fabrik werden die wichtigsten Elektrofahrzeuge von Volkswagen gebaut. Bei BMW wird in München und Dingolfing in dieser Woche wieder regulär gearbeitet.

Nach dem Einmarsch Russlands Ende Februar hatten viele Zulieferer die Fertigung in ihren ukrainischen Werken eingestellt. Das Land ist ein wichtiger Produktionsstandort für Elektrokomponenten wie beispielsweise Kabelbäume. Deren Fertigung ist sehr arbeitsintensiv. Die günstigen Löhne hatten viele deutsche Zulieferer in die Ukraine gelockt.

Dass die deutschen Autohersteller nach und nach wieder ihre Produktion starten können, geht im Wesentlichen auf zwei Faktoren zurück. Zum einen haben die Zulieferer ihre Fertigung in der Ukraine teilweise selbst wieder aufgenommen. Die meisten Fabriken befinden sich im Westen des Landes in der Region Lemberg (Lwiw). Dort halten sich die kriegsbedingten Einschränkungen in Grenzen. Außerdem bauen die Zulieferer gemeinsam mit den Autoherstellern zusätzliche Produktionskapazitäten in anderen Ländern auf.

„In dieser Woche haben wir in der Ukraine den Zwei-Schicht-Betrieb aufgenommen“, sagte Ingo Spengler, Chief Operating Officer (COO) von Leoni, am Dienstag in Wolfsburg. Der fränkische Zulieferer gehört zu den wichtigsten europäischen Herstellern von Kabelbäumen. Diese sind das elektronische Rückgrat des Autos, der gesamte Strom und zunehmend auch der Datenverkehr fließt über sie.

Leoni beschäftigt in der Ukraine in zwei Werken rund 7000 Mitarbeiter. Mit der Einführung des Zwei-Schicht-Modells erreicht der Zulieferer dort jetzt etwa 70 Prozent der gewohnten Kapazität. Etwa 5000 Menschen kommen täglich zur Arbeit in die Fabriken. Von den Beschäftigten sind mehr als zwei Drittel Frauen. Deshalb hat der Zulieferer vergleichsweise wenige männliche Arbeitskräfte verloren, die jetzt in der ukrainischen Armee kämpfen.

Auch in der Westukraine behindern Kriegsfolgen den Arbeitsalltag. „Täglich gibt es Luftalarm“, berichtete Leoni-Vorstand Spengler. Die Produktion wird dann unterbrochen, mit dem Bus werden die Beschäftigten in nahe gelegene Bunker gebracht. „Die Fertigung läuft unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen“, so Spengler. Andernfalls hätten die ukrainischen Behörden der Arbeitsaufnahme auch nicht zugestimmt. Leoni nutzt alte sowjetische Bunker, die auch mithilfe von Volkswagen wieder hergerichtet wurden.

Leoni startet Zusatzfertigung in Tunesien

Die Autohersteller hoffen auf ein schnelles Ende des Kriegs. Doch sie stellen sich auch darauf ein, dass alles viel länger dauert und dass die Westukraine deutlich stärker in die Kriegshandlungen einbezogen wird. „Wir verfolgen eine Doppelstrategie“, sagte Volkswagen-Einkaufsvorstand Murat Aksel. Der Autohersteller baut außerhalb der Ukraine zusammen mit den Zulieferern Ersatzkapazitäten auf. „Das ist zwar nicht kostenoptimal, aber die Versorgungssicherheit geht vor“, ergänzte er.

Leoni hat in dieser Woche eine Zusatzfertigung in Tunesien aufgenommen, in der kommenden Woche soll es in Rumänien losgehen. Volkswagen will alle notwendigen Vorbereitungen treffen, um auch auf einen möglichen Totalausfall der ukrainischen Zulieferer vorbereitet zu sein. Es dürfte bis zum Jahresende dauern, bis diese Zusatzkapazitäten vollständig verfügbar sind.

Um die aktuelle Krisenlage besser bewältigen zu können, hat Volkswagen in Wolfsburg eine Ukraine-Taskforce eingerichtet. In der VIP-Lounge des Fußballstadions, wo es auch unter Coronabedingungen ausreichend Platz gibt, sind bis zu 200 Mitarbeiter von VW und verschiedenen Zulieferern tätig. In der Taskforce laufen die Fäden für den Aufbau der zusätzlichen Produktionskapazitäten zusammen.

Wichtig ist auch die Planung der Warenströme. Nach Angaben von Volkswagen verläuft der Teileverkehr vergleichsweise normal. Per Lkw werden die in den ukrainischen Zulieferfabriken benötigten Teile vor allem aus Polen geholt; die fertigen Kabelbäume gehen auch wieder per Lastwagen aus dem Land heraus. Lkw-Fahrer gebe es im Moment genug.

Wenn die Teileversorgung aus der Ukraine noch weitere Monate komplett ausgefallen wäre, hätte Volkswagen in diesem Jahr wahrscheinlich mehr als eine Million Fahrzeuge nicht produzieren können. Jetzt herrscht neuer Optimismus, dass das aktuelle Krisenmanagement hilft. „Wir versuchen, alle Verluste zu kompensieren“, sagte VW-Einkaufsvorstand Aksel. Der Autohersteller werde diese Krise zusammen mit seinen Partnern meistern.

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„Wir sind weiterhin in intensiven Gesprächen mit unseren Lieferanten“, sagte auch ein BMW-Sprecher. Der Münchener Autohersteller „definiert Maßnahmen, um die Produktion bestmöglich abzusichern“. Auch in den Werken Regensburg und Leipzig laufe die Produktion wie geplant.

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