Pharmakonzern: Neue Mittel gegen Herzschwäche, Krebs, Schizophrenie: So will Boehringer die nächste Wachstumsphase starten
Ausgehend von den jüngsten Fortschritten in der Forschung sieht Firmenchef Hubertus von Baumbach Chancen für bis zu 15 Produkteinführungen bis Mitte des Jahrzehnts.
Foto: obsFrankfurt. Der Pharmakonzern Boehringer Ingelheim sieht sich nach mehreren wichtigen Fortschritten in der Produktentwicklung am Beginn einer neuen Investitionsoffensive im Bereich Produktentwicklung und Produktion. Der Konzern will dazu sowohl seine Forschungsausgaben als auch die Sachinvestitionen in den nächsten Jahren gegenüber dem bisherigen Niveau um gut ein Viertel ausweiten.
Insgesamt plant Boehringer in den nächsten fünf Jahren Ausgaben von mehr als 25 Milliarden Euro für die Forschung und deutlich mehr als sieben Milliarden Euro für neue Sachanlagen. Zusätzlichen Schub erwartet das Ingelheimer Unternehmen in den nächsten Jahren unter anderem von neuen Therapien gegen Herzinsuffizienz, Lungenfibrosen, entzündliche Hauterkrankungen und Schizophrenie.
Darüber hinaus hofft Boehringer, auch in der Krebstherapie mit innovativen Produkten voranzukommen, darunter zum Beispiel mit einem neuen immuntherapeutischem Wirkstoff.
Ausgehend von den jüngsten Fortschritten in der Forschung sieht Firmenchef Hubertus von Baumbach Chancen für bis zu 15 Produkteinführungen bis Mitte des Jahrzehnts. Als entscheidenden Erfolg des vergangenen Jahres wertet er dabei die Tatsache, dass die amerikanische Zulassungsbehörde FDA allein in den zurückliegenden zwölf Monaten vier der Boehringer-Entwicklungsprodukte als potenzielle Therapiedurchbrüche klassifizierte, darunter die Wirkstoffe gegen Schizophrenie und Lungenfibrose. „Das ist ein Gütesiegel für das, was wir an Innovation leisten und insofern auch eine Bestätigung für unsere Innovationsstrategie“, sagt von Baumbach.
Mit seinen Geschäftszahlen für 2021 präsentiert sich das Familienunternehmen weiter in einem soliden, relativ stetigen und finanzstarken Aufwärtstrend. Der Umsatz des Konzerns stieg um 5,4 Prozent auf 20,6 Milliarden Euro und überschritt damit erstmals die 20-Milliarden-Grenze. Klammert man negative Währungseffekte aus, ist das Geschäft nach Angaben des Unternehmens um 7,5 Prozent gewachsen. Für das laufende Jahr erwartet Boehringer allerdings nur ein leichtes Umsatzplus auf vergleichbarer Basis.
Zwei Prozent mehr Gewinn
Seinen Betriebsgewinn (Ebit) steigerte das Unternehmen 2021 um gut zwei Prozent auf 4,7 Milliarden Euro. Nach Steuern verblieb ein Reingewinn von 3,4 Milliarden Euro, ein Plus von elf Prozent gegenüber dem Vorjahr. Für den Ingelheimer Konzern sind diese Resultate durchweg neue Spitzenwerte. Ein Free Cashflow von rund 2,7 Milliarden Euro erlaubte es zudem, die ohnehin üppigen Finanzreserven des Konzerns weiter zu stärken, auf nunmehr rund 15 Milliarden Euro.
Das Unternehmen leistet sich mit 4,2 Milliarden Euro das größte F+E-Budget in der deutschen Pharmabranche.
Foto: obsTragende Säule von Boehringer ist weiter die Humanpharma-Sparte mit 15,3 Milliarden Euro Umsatz und 8,4 Prozent währungsbereinigtem Wachstum, gefolgt vom Tierarzneigeschäft mit Erlösen von 4,3 Milliarden Euro und 6,2 Prozent Wachstum sowie dem Bereich biopharmazeutische Auftragsproduktion, der 915 Millionen Euro (plus 9,5 Prozent) zum Konzernumsatz beisteuerte.
Boehringer ist damit der mit Abstand größte Pharmahersteller, der sich noch voll im Besitz der Gründerfamilie befindet. Gemessen am Humanpharma-Umsatz ist Boehringer in Deutschland aktuell drittgrößter Arzneimittelhersteller nach dem Mainzer Biotech-Aufsteiger Biontech und dem Bayer-Konzern.
Was die Forschungsausgaben angeht, leistet sich Boehringer mit 4,2 Milliarden Euro das größte F+E-Budget der deutschen Pharmabranche. Allein 2021 erhöhten sich die Ausgaben um rund 500 Millionen Euro. Die weitere Steigerung ergibt sich vor allem aus geplanten größeren Phase-3-Studien mit den aussichtsreichen Produkten in der Entwicklungspipeline. Darüber hinaus will das Unternehmen nach den Worten von Baumbachs auch weiterhin stark in die Digitalisierung investieren. Mit dem US-Konzern Alphabet zum Beispiel arbeitet Boehringer im Bereich Quantencomputing zusammen, mit dem Ziel, diese Technologie künftig in der Forschung zu nutzen.
In der Produktentwicklung kann Boehringer dabei ungeachtet der hohen F+E-Ausgaben für die letzten Jahre nicht mit sehr vielen Neuzulassungen aufwarten. Allerdings konnte man durch umfangreiche klinische Studien das Potenzial von mehreren Neuentwicklungen aus dem vergangenen Jahrzehnt erheblich stärken.
Diabetesmittel ist wichtigster Wachstumstreiber
Dazu gehört an erster Stelle das Diabetesmittel Jardiance, das mit zuletzt 3,9 Milliarden Euro Umsatz (plus 28 Prozent) bereits wichtigster Wachstumsträger für Boehringer ist. Es erhielt jüngst Zulassungen auch für Herzinsuffizienz und zeigte zudem gute Resultate beim Einsatz gegen Nierenerkrankungen. Der Umsatz könnte sich daher nach Einschätzung mancher Analysten in den nächsten Jahren nochmals fast verdoppeln.
Als zweitstärkstes Produkt hat sich das Fibrose-Medikament Ofev mit 2,5 Milliarden Euro Umsatz (plus 25 Prozent) etabliert. Zweistellige Umsatzeinbußen bei älteren Produkten wie dem Atemwegsmedikament Spiriva konnte Boehringer mit diesen Topprodukten mehr als kompensieren.
Ein weiterer wichtiger Wachstumsträger für das Ergebnis, wenn auch nicht den Umsatz des Konzerns, ist das Schuppenflechte-Medikament Skyrizi, mit dem der US-Pharmakonzern und Lizenznehmer Abbvie im vergangenen Jahr rund drei Milliarden Dollar Umsatz und ein sehr hohes Wachstum erzielte.
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Im laufenden Jahr wird der US-Pharmakonzern, wie Abbvie-Chef Richard Gonzalez jüngst ankündigte, voraussichtlich rund eine Milliarde Dollar (etwa 900 Millionen Euro) an Lizenzgebühren für Skyrizi an Boehringer überweisen. Diese Einnahmen werden eins zu eins in das Betriebsergebnis einfließen und dürften in den nächsten Jahren weiter steigen.
Einen weiteren Erfolg in der Immunologie hofft Boehringer nun mit dem Wirkstoff Spesolimab zu erzielen, der sich als Therapie gegen eine spezielle Art von Schuppenflechte inzwischen im Zulassungsverfahren befindet und darüber hinaus bei diversen weiteren immunlogischen Krankheiten getestet wird.
Was die künftige Expansion in der Forschung angeht, setzt Boehringer weiter primär auf die eigenen Entwicklungsfähigkeiten, ergänzt durch Allianzen. Große Zukäufe im Pharmabereich sind ungeachtet der hohen Finanzreserven kein Thema in Ingelheim, wie von Baumbach deutlich macht. Kleinere Akquisitionen schließt er zwar nicht völlig aus. „Aber wir bleiben uns treu und werden nur dort investieren, wo es wirklich Sinn macht, das heißt in den frühen Forschungsphasen“, sagte von Baumbach.
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