Essay: Der Krieg verändert die Welt erneut – Sieben Thesen zu den langfristigen Folgen des Ukraine-Konflikts
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Düsseldorf. Irritierende Zeiten sind das: Wladimir Putin führt den ersten großen Feldzug in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg gegen angebliche Neonazis in der Ukraine, deren Präsident jüdischen Glaubens ist. Robert Habeck, grüner Wirtschafts- und Klimaminister, muss als Handelsreisender in Sachen fossile Energieträger bei Scheichs am Golf betteln, die nicht eben zimperlich mit Menschenrechten umgehen. Der Vizekanzler zeigt seine Zerrissenheit, spricht aber im Gegensatz zu seinem Kanzler offen aus, was in diesem Krieg ohnehin jeder spürt: „Deutschland wird ärmer.“
Da ist schließlich Olaf Scholz selbst, der den kommunikativen Minimalismus zu einer neuen Form der Staatskunst erhoben hat und die Zumutungen dieses Kriegs von Bürgerinnen und Bürgern fernhalten will – koste es, was es wolle. Sein Finanzminister Christian Lindner, Chef der liberalen Marktwirtschaftspartei, wedelt begleitend mit ordnungs- und sozialpolitisch fragwürdigen Tankgutscheinen. Derweil sein Kollege im Wirtschaftsministerium, Habeck, Europas größte Industrienation darauf vorbereitet, dass demnächst die Energieversorgung rationiert werden könnte.
Die Liste des Sonderbaren ließe sich fast beliebig fortführen. Der Krieg dauert nun sechs Wochen an – und schon jetzt ist klar: Putins Feldzug, der inzwischen Züge eines Vernichtungskriegs annimmt, stellt nicht nur für Deutschland einen historischen Bruch dar.