Impfstoffforscher Leif Erik Sander: Im Herbst droht die nächste Pandemiewelle: „Holen Sie den Booster so schnell wie möglich nach“
Eine Auffrischimpfung schützt weiterhin gut vor schwerer Erkrankung und Tod.
Foto: IMAGO/Addictive StockBerlin. Die Zahl der Infektionen mit dem Coronavirus sinkt zwar, aber auf hohem Niveau. Dass sie so hoch ist, hat auch die Boosterimpfung nicht geändert, obwohl die Hoffnung darauf groß war. Dafür zeigt sich immer deutlicher, was die eigentliche Wirkung der Auffrischimpfung ist: der Schutz vor schwerer Erkrankung und Tod.
Wir haben über die Art und Dauer des Boosterschutzes, über den Sinn einer vierten Impfung und die Wahrscheinlichkeit, sich trotz Booster mit dem Coronavirus anzustecken, mit dem Berliner Impfstoffforscher Leif Erik Sander gesprochen. Der Charité-Professor gehört dem Expertengremium an, das die Bundesregierung wissenschaftlich zur Corona-Pandemie berät.
Herr Sander, eine allgemeine Impfpflicht gegen das Coronavirus wird es in Deutschland erst einmal nicht geben. Steigt damit die Wahrscheinlichkeit einer neuen Pandemiewelle im Sommer oder Herbst?
Klar ist, dass wir eine nahezu lückenlose, robuste Bevölkerungsimmunität brauchen, um dem Virus nachhaltig den Schrecken zu nehmen. Ob eine gesetzliche Impfpflicht dafür das beste Instrument ist, kann ich wissenschaftlich nicht beurteilen. Ich unterstütze aber alle Bemühungen, die zu einer Erhöhung der Impfquote führen. Vor allem eine gute Aufklärung ist wichtig.
Insbesondere bei den Älteren haben wir zwar schon eine hohe Impf- und Boosterquote erreicht, aber es bleiben leider immer noch viele Menschen übrig, die noch keine Immunität haben. Das birgt auch für die nächsten Wellen weiterhin ein Risiko.
Daher kann ich nur mit Nachdruck alle ermutigen, die noch keine Boosterimpfung haben, diese so schnell wie möglich nachzuholen. Denn dann ist man vor schwerer Erkrankung und Tod durch Covid-19 geschützt und schont zudem die Ressourcen im Gesundheitswesen. Denn leider sind viele Bereiche, gerade in den Kliniken, nach zwei Jahren Pandemie ziemlich ausgebrannt.
Immunität erlangt man nicht nur durch Impfungen, sondern auch infolge einer durchgemachten Infektion. Noch immer infizieren sich hierzulande Woche für Woche um eine Million Menschen mit Sars-CoV-2. Nähern wir uns auf diesem Weg der sogenannten Herdenimmunität, in der ausreichend viele so immun sind, dass die Ausbreitung des Virus wirksam gebremst wird?
Natürlich trägt die enorme Omikron-Welle zu einer höheren Bevölkerungsimmunität bei. Aber Sie können sich leicht ausrechnen, dass selbst bei diesen hohen Infektionszahlen noch lange nicht alle in der Bevölkerung Kontakt mit dem Virus hatten, das würde selbst bei diesem Tempo theoretisch noch fast zwei Jahre dauern.
Zumal das Virus bekanntermaßen aufgrund der Immunflucht nicht nur die Ungeimpften infiziert und es daher zu vielen Reinfektionen und Durchbruchinfektionen kommt. Es wird auch im kommenden Herbst und Winter wieder zu starken Infektionswellen kommen, nehme ich an.
Der Mediziner leitet die Forschungsgruppe Infektionsimmunologie und Impfstoffe der Charité. Er gehört dem Expertengremium an, das die Bundesregierung zur Pandemie berät.
Foto: dpaKnapp 60 Prozent der Bevölkerung sind inzwischen geboostert, haben also nach zwei Spritzen eine Auffrischung bekommen. Zweimal geimpft sogar knapp 77 Prozent. Wenn diese sich anstecken, ist dann eine Boosterimpfung überhaupt noch nötig?
Wir konnten kürzlich in einer Studie zeigen, dass eine Infektion bei bestehendem Impfschutz, auch Durchbruchinfektion genannt, ein starke Boosterwirkung hat – vor allem wenn sie mit einigem Abstand zur Impfung auftritt. Dann entstehen sehr breite Immunantworten, vergleichbar mit einer Auffrischung. Untersuchungen vor allem aus den USA, Großbritannien und Israel zeigen, dass der hohe Schutz vor schweren Verläufen von Covid-19 nach der Boosterimpfung über Monate hinweg stabil hoch bleibt.
Auch wenn der Beobachtungszeitraum noch recht kurz ist – die Kampagnen für Auffrischungsimpfungen begannen ja erst im vergangenen Herbst –, zeigen diese Daten einen sehr guten und nachhaltigen Schutz. Es gibt zwar Hinweise darauf, dass die Schutzwirkung bei sehr alten und vorerkrankten Menschen etwas nachlässt, aber insgesamt sind das sehr positive Daten.
Ältere können also schwer erkranken, obwohl sie geboostert sind?
Menschen jenseits der 70 tragen generell ein deutlich erhöhtes Risiko für schwere Krankheitsverläufe von Covid-19. Die Impfung und vor allem ein Booster reduziert dieses Risiko massiv. Allerdings sind auch danach weiterhin Infektionen möglich. Vor allem weil die Omikron-Variante sehr stark der Immunantwort ausweicht. Das Immunsystem älterer Menschen ist zudem weniger flexibel als bei Jüngeren und baut deshalb nach Impfung häufig etwas schwerer einen Schutz auf.
Die bisherigen Erkenntnisse zeigen aber, dass Geboosterte generell viel besser gegen schwere Erkrankungen geschützt sind. So bleibt etwa der Schutz davor, mit Covid-19-Symptomen im Krankenhaus behandelt werden zu müssen, neuesten Daten aus England zufolge bei etwa 90 Prozent. Sie ist also immer noch sehr hoch, selbst wenn die Auffrischung länger als drei bis vier Monate zurückliegt. Dabei muss man jedoch mitbedenken, dass nur ein leichtes Nachlassen der Schutzwirkung um wenige Prozentpunkte in dieser Altersgruppe in absoluten Zahlen zu mehr schweren Krankheitsfällen führt, da es sich um einen großen Teil der Bevölkerung handelt.
Eine Infektion ist trotz Impfung möglich?
Selbst eine Auffrischungsimpfung schützt auf Dauer nicht vor einer Infektion. Das heißt, auch Geboosterte werden sich über kurz oder lang mit Sars-CoV-2 infizieren. Die Impfung schützt aber vor der schweren Erkrankung und nach dem, was wir wissen, auch vor weiteren Komplikationen der Infektion. Das ist der große Nutzen und der Erfolg der Impfung.
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Wenn der Schutz abfällt, wäre dann nicht eine vierte Impfung empfehlenswert?
Die Ständige Impfkommission (Stiko) empfiehlt genau dies seit einiger Zeit für bestimmte Bevölkerungsgruppen, zum Beispiel für über 70-Jährige und Menschen mit bestimmten Risikofaktoren, wie einem eingeschränkten Immunsystem. Die Älteren tragen das höchste Risiko und bei ihnen liegt zudem die Auffrischung am längsten zurück. Da kann ein wiederholtes Boostern des Impfschutzes Sinn machen. Ebenso ist es bei bestimmten Risikogruppen möglich, dass sie den Impfschutz gegen Sars-CoV-2 wiederholt auffrischen müssen.
Allerdings möchte ich auch nochmals betonen, dass die Mehrheit von uns mit drei Impfungen weiterhin einen sehr guten Schutz vor schwerer Erkrankung hat.
In welchem Abstand zur Auffrischungsimpfung sollte die vierte erfolgen?
Es sollten mindestens drei Monate vergangen sein. Davor macht eine vierte Impfung gar keinen Sinn.
Müssen sich jetzt alle, die ihre dritte Impfung erhalten haben, Sorgen machen, dass ihr Schutz bald wieder verschwunden ist?
Nein, denn alle Studien zeigen: Die dritte Impfung bietet einen deutlichen Schutz vor schweren Krankheitsverläufen. Wenn man sich die dritte Impfung abgeholt hat, kann man sich aus meiner Sicht sehr sicher fühlen. Man kann dann in Ruhe abwarten, ob irgendwann eine vierte Impfung empfohlen wird.
Eine aktuelle Studie aus Israel zeigt, dass die vierte Impfdosis den Impfschutz nur marginal verbessert. Ist die Stiko-Empfehlung also schon wieder überholt?
Die Studie aus Israel, auf die Sie verweisen, wurde an noch berufstätigen Menschen zwischen 50 und 60 Jahren durchgeführt. Sie zeigt in der Tat, dass die vierte Impfung bei Weitem nicht einen so ausgeprägten Effekt hat wie die Drittimpfung. Andere Studien aus Israel legen nahe, dass eine vierte Impfung zumindest vorübergehend den Schutz vor einer schweren Erkrankung bei älteren Menschen nochmals erhöhen kann.
Würde ein an die Omikron-Variante des Virus angepasster Impfstoff die Boosterimpfung noch effektiver machen – und sollte man besser darauf warten, bis das angepasste Vakzin verfügbar ist?
Ich glaube, dass ein angepasster Impfstoff eine Verbesserung und Verbreiterung der Schutzwirkung bringen wird. Aber auch die jetzt verfügbaren Impfstoffe haben wie gesagt bereits einen sehr guten Effekt. Es ist daher nicht sinnvoll, mit der Boosterimpfung zu warten, bis der angepasste Impfstoff da ist. Und solch ein Abwarten birgt sogar ein Risiko.
Denn ich erwarte nicht, dass das angepasste Vakzin vor August oder September zur Verfügung steht, und bis man dann einen Termin hat, vergeht eventuell noch mehr Zeit, in der man sich infizieren kann. Ich sehe deshalb den angepassten Impfstoff als Vorbereitung für die kommende Welle im Herbst. Aber für das aktuell sehr hohe Risiko einer Ansteckung sollte man sich so schnell wie möglich seine dritte Impfung, also die Boosterimpfung, holen, wenn man sie noch nicht hat.