Gaskonzern: Wintershall schreibt Verluste – Milliardenabschreibungen auf Nord Stream 2
Wintershall war ebenso wie vier weitere europäische Konzerne an der Finanzierung der Ostseepipeline Nord Stream 2 beteiligt.
Foto: ReutersDüsseldorf. Der Öl- und Gaskonzern Wintershall Dea ist zu Jahresbeginn wegen einer milliardenschweren Abschreibung auf die Ostseepipeline Nord Stream 2 tief in die roten Zahlen gerutscht. Im ersten Quartal fiel ein Nettoverlust von einer Milliarde Euro an, nach einem Gewinn von 161 Millionen Euro vor Jahresfrist, wie das Unternehmen am Donnerstag mitteilte.
Wintershall Dea verbuchte Wertminderungen von insgesamt rund 1,5 Milliarden Euro im Zusammenhang mit der Finanzierung von Nord Stream 2 und seinem Russlandgeschäft. Eine Milliarde Euro davon entfällt auf die Abschreibung des Nord-Stream-2-Investments. Die übrigen 500 Millionen Euro sind Wertabschreibungen auf weitere Gemeinschaftsunternehmen, die Wintershall in Russland hat, sowie einige Assets in Europa, erklärte Wintershall-Finanzvorstand Paul Smith.
Operativ lief es dagegen rund: Die Produktion erhöhte Wintershall Dea um zwei Prozent auf 669.000 Barrel Öläquivalent (BOE) pro Tag. Der bereinigte Betriebsgewinn stieg auf 1,84 Milliarden Euro von 704 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum.
Besonders im Fokus steht derzeit das Russlandgeschäft von Wintershall: Das Unternehmen ist einer der engsten Partner Gazproms im Westen. In Sibirien fördern beide Konzerne mit einem Gemeinschaftsunternehmen Gas, zudem fördert Wintershall in Russland Öl.
Wintershall hatte zwar Anfang März verkündet, keine zusätzlichen Projekte zur Gas- und Ölförderung in Russland zu verfolgen und alle Planungen für neue Projekte zu stoppen. Darüber hinaus habe man Zahlungen nach Russland grundsätzlich mit sofortiger Wirkung eingestellt.
Doch in den bestehenden russischen Erdgas-Förderprojekten namens Juschno-Russkoje und Achimov in Sibirien bleibt Wintershall bis auf Weiteres vertreten.
„Nach intensiven Diskussionen mit der Konzernleitung haben wir entschieden, unsere Beteiligung in unseren bestehenden Projekten in Russland aufrechtzuerhalten“, sagte Wintershall-Chef Mario Mehren am Donnerstag auf einer Pressekonferenz. Die Förderprojekte lieferten Erdgas und versorgten Europa mit Energie. Wenn sich Wintershall zurückziehe, fielen zudem Milliardenwerte an den russischen Staat.
Große Zweifel am lukrativen Russlandgeschäft
Markus Mayer, Chemieanalyst bei der Baader Bank, sagt: „Bislang läuft das Russlandgeschäft von Wintershall normal weiter. Wintershall verkauft das Gas aus seinen russischen Gasfeldern an Gazprom, und Gazprom verkauft es weiter, unter anderem nach Deutschland.“
Das Geschäft in Russland macht Wintershall laut Mayer derzeit theoretisch sehr wertvoll, denn die Öl- und Gaspreise sind sehr hoch, was dem Unternehmen, das 48 Prozent seiner Produktion in Russland erzielt, hohe Einnahmen bringt.
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Bei einem Ölpreis, der wie derzeit bei etwa 100 Dollar pro Barrel liegt, wäre Wintershall laut Mayer für sein Mutterunternehmen BASF 20 Milliarden Euro wert. Wintershall gehört zu 72,7 Prozent dem Dax-Konzern BASF und zu 27,3 Prozent der Investmentgruppe Letter One, die bislang von dem sanktionierten russischen Oligarchen Michail Friedman kontrolliert wurde.
Rechnet man die Bewertung hoch, müsste Wintershall am Markt bei derzeitigen Energiepreisen theoretisch 28 Milliarden Euro wert sein. Aber nur theoretisch, denn praktisch fragen sich Beobachter, wie lange das Russlandgeschäft noch weiterlaufen kann. Zumindest der Gedanke, dass Wintershall sich vom lukrativen Russlandgeschäft trennen muss, scheint im Raum zu stehen.
Immerhin hat die Mutter BASF am Mittwoch bekannt gegeben, wegen des Ukrainekriegs ihre Aktivitäten in Russland und Belarus mit Ausnahme des Geschäfts zur Unterstützung von Nahrungsmittelproduktion zu stoppen.
Niedrige Dividende, Rückschlag für Börsenpläne
Die Dividende für das abgelaufene Geschäftsjahr hat Wintershall auf das gesetzliche Minimum von sechs Millionen Euro reduziert. „Das zeigt auch, dass man auf Nummer sicher gehen und ein Liquiditätspolster haben möchte, falls Wintershall die Russland-Assets verliert“, so Mayer.
„Bislang hat BASF in jeder Krise weiter mit Russland Geschäfte gemacht. Aber die jetzige Lage hat eine neue Qualität“, sagt Mayer. Am Markt werde der Wert der Russland-Assets von Wintershall momentan bei null gesehen. Damit sei Wintershall am Markt weniger als zehn Milliarden Euro wert.
Die Bewertung ist auch deshalb ein Thema, weil BASF eigentlich seit Längerem anpeilt, Wintershall an die Börse zu bringen. In der aktuellen Lage ist dieser Plan allerdings in weite Ferne gerückt. „Im aktuellen Umfeld sehe ich die Wahrscheinlichkeit eines Börsengangs von Wintershall bei maximal fünf Prozent“, sagt Mayer. Zurückhaltend äußerte sich auch Wintershall-Chef Mehren auf der Pressekonferenz am Donnerstag. Wintershall sei technisch bereit für einen Börsengang, aber die Zeiten seien aktuell sehr unsicher.
Zugleich vermutet Analyst Mayer, dass BASF das Wintershall-Geschäft in Russland weiterlaufen lassen will, solange es geht. Wenn mit Wintershall der wichtigste deutsche Partner Russlands im Gasbereich aussteige, habe das große Symbolkraft. Und Deutschland ist bislang stark auf russisches Gas angewiesen.
Denkbar wäre allerdings laut Mayer, dass BASF Gaspipelines, die das Unternehmen früher besaß und die im Rahmen eines Asset-Tauschs an Gazprom Germania gingen, zurückholt. Zuletzt hat die Bundesregierung die Gazprom-Tochter Gazprom Germania treuhänderisch übernommen. Mayer hält es für möglich, dass BASF und Wintershall einen Deal mit Gazprom Germania machen und die Pipelines zurückerhalten und dafür die Gasfelder in Russland abgeben.