Globale Trends: Hunger durch Putins Kornkrieg: Mächtige Nationen bauen vor und sichern sich fruchtbares Agrarland
Handelsblatt-Autor Thomas Hanke analysiert in der Kolumne interessante Daten und Trends aus aller Welt.
Foto: Klawe RzeczyDie Welt beginnt zur Kenntnis zu nehmen, dass Wladimir Putin seinen Krieg nicht nur auf dem Schlachtfeld in der Ukraine führt, sondern auch in der Wirtschaft. Vor allem auf den Agrarmärkten. „Der Konflikt droht Dutzende Millionen Menschen in Nahrungsmittelunsicherheit zu stürzen, gefolgt von Mangelernährung und Hunger“, sagte UN-Generalsekretär António Guterres am vergangenen Mittwoch bei einer Konferenz in New York zur Verhinderung der Katastrophe.
Die deutsche Außenministerin Annalena Baerbock wurde deutlicher: „Russland hat einen Kornkrieg begonnen, der eine globale Nahrungsmittelkrise anfacht“, sagte sie beim selben Treffen. Hauptbetroffene seien die Menschen in Afrika.
Bekommt die internationale Gemeinschaft das Problem nicht in den Griff, drohen viele Menschen zu verhungern, andere werden sich in Massen auf den Weg nach Europa machen und dort eine neue Flüchtlingskrise auslösen, was wohl von Anfang an eines von Putins Zielen war.
Die Getreidehändler hatten früher als viele westliche Regierungen verstanden, was infolge des russischen Überfalls auf die Ukraine droht. Noch bevor die ersten Panzer rollten, bauten große Spekulanten an der Terminbörse „Chicago Board of Trade“ bereits umfangreiche Long-Positionen auf und deckten sich mit Kontrakten ein. Schon vor Kriegsbeginn am 24. Februar sprang der Weizenpreis über 400 Euro pro Tonne. Das markiert einen historischen Höchststand.
Extreme Preisanstiege hat es auch in der jüngsten Vergangenheit gegeben. Zwischen 2005 und 2008 verdreifachten sich die Preise der wichtigsten Getreidearten Reis, Weizen, Mais und Sojabohnen. In vielen Ländern kam es in der Folge zu Hungeraufständen und Protesten. In Nordafrika und Nahost führten sie zum „Arabischen Frühling“ und zum syrischen Bürgerkrieg mit seiner Massenflucht.
„Landgrabbing“ wird zum Problem
Eine andere Folge der Nahrungsmittelkrise ist weniger bekannt: Sie beschleunigte den weltweiten Aufkauf fruchtbaren Agrarlands durch die reichsten und mächtigsten Länder der Welt. Nach Angaben des Projekts „Land Matrix“, das auch von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) gefördert wird, sind zwischen 2005 und 2020 mehr als 30 Millionen Hektar Ackerland in Entwicklungs- und Schwellenländern gekauft worden.
Das entspricht der Fläche der Bundesrepublik. Die vier größten Käufer: die USA, Malaysia, China und die Golfstaaten. In manchen afrikanischen Ländern sind Frankreich und Kanada die wichtigsten Erwerber.
Die Erwerber wollen die Ernährung ihrer eigenen Bevölkerung absichern. In den Ländern, in denen die besten, gut mit Wasser versorgten Böden gekauft werden, stehen die Flächen dagegen nicht mehr für die Ernährung der Einheimischen zur Verfügung.
Tragischerweise betrifft der unter „Landgrabbing“ („Landergreifung“) bekannt gewordene Trend vor allem den Kontinent, der am stärksten von Hungerkrisen betroffen ist: Afrika.
Land Matrix zufolge entfällt der größere Teil der genannten über 30 Millionen Hektar aufgekauften Landes auf afrikanische Staaten. Sogar in Ländern, die regelmäßig wegen Hungerkrisen und gewaltsamer Konflikte in den Schlagzeilen sind, wie Äthiopien, Sudan oder Mali, übernehmen potente Investoren das knappe fruchtbare Ackerland.
Häufig kaufen private Unternehmen, hinter denen laut Land Matrix aber staatliche Akteure stecken. Die Weltbank hat 2010 zum ersten Mal über „Landgrabbing“ berichtet und schon damals darauf hingewiesen, dass „solche Investments keinen nachhaltigen Wert schaffen und dazu führen, dass es der lokalen Bevölkerung schlechter geht als vorher“.
Die vom Chinesen Qu Dongyu geleitete Welternährungsorganisation (FAO) dagegen teilt auf Anfrage lediglich mit: „Das Thema des Landbesitzes ist sehr komplex, und verfügbare Daten sind oft unvollständig.“ Diese Antwort verblüfft, wäre es doch die Aufgabe der FAO, das Thema zu erhellen.
Die Weltbank weist darauf hin, dass in Afrika bestenfalls zehn Prozent des Landbesitzes ordentlich dokumentiert seien. Das erleichtere es finanzkräftigen Aufkäufern, die bewirtschaftenden Bauern von ihrem Grund zu vertreiben. Den Landwirten klare Rechtstitel für ihren wichtigsten Produktionsfaktor zu geben sei ein aussichtsreicher Ansatz, das „Landgrabschen“ einzuschränken.
Die aktuelle Krise und die Aussicht, dass die Exportfähigkeit der Ukraine, des „Brotkorbs der Welt“, auf längere Sicht geschwächt wird, dürften allerdings erst einmal den gegenteiligen Effekt haben: Das Landgrabbing wird sich beschleunigen, und das in den Ländern, die am verwundbarsten sind.