Kolumne – Globale Trends: Wie Putins Krieg die Weltwirtschaft zu einem Schlachtfeld macht
Handelsblatt-International-Correspondent Torsten Riecke analysiert jede Woche in seiner Kolumne interessante Daten und Trends aus aller Welt. Sie erreichen ihn unter riecke@handelsblatt.com.
Foto: Klawe RzeczyEin Geheimdienstchef, der einen langen kalten Krieg voraussagt. Eine hohe EU-Beamtin, die nach eigener Aussage jetzt den Freihandel „kaputt machen muss“, statt ihn zu fördern. Eine Botschafterin, die eine Zeitenwende nicht nur in Deutschland, sondern weltweit konstatiert. Notizen aus dem Reporterblock der vergangenen Woche. Notizen, die vom Ende einer Ära künden, ohne dass wir bislang erkennen können, was danach kommt.
Der Abschied von der „Welt von Gestern“, um Stefans Zweigs berühmte „Erinnerungen eines Europäers“ aus den dunklen Zeitenwenden des 20. Jahrhunderts zu zitieren, wird uns nicht leichtfallen. Politisch, kulturell und wirtschaftlich zerfällt die Welt, die uns eben noch als ein globales, hypervernetztes Dorf erschien, in zwei verfeindete Blöcke, die versuchen, sich abzuschotten und den Einfluss des jeweils anderen zu verringern.
Vor allem die wirtschaftlichen Folgen dieser Teilung können wir allenfalls erahnen. Weniger wirtschaftliche Verflechtung bedeutet auch weniger Wirtschaftswachstum, weniger Wettbewerb und weniger Innovationen. Gerade für eine Exportnation wie Deutschland bedeutet das hohe Abschreibungsverluste.
Die Wirtschaftssanktionen gegen Russland, die Militärhilfe für die Ukraine, die internationale Ächtung des russischen Präsidenten Wladimir Putin – all das ist richtig und wichtig. Aber es beantwortet nicht die Frage, wie unsere Welt von morgen aussehen soll. Alle machen sich jetzt auf die Suche: Außenministerin Annalena Baerbock sucht nach einer „Nationalen Sicherheitsstrategie“, die EU sucht nach einem „strategischen Kompass“ und die Nato nach einem „strategischem Konzept“. Dabei müssen wir nicht nur den Kriegstreiber im Kreml im Blick haben, sondern auch seinen geistigen Komplizen in Peking.
Wirtschaft und Globalisierung sind über Nacht von Garanten für Frieden und Wohlstand zu Waffen im geopolitischen Ringen der Großmächte geworden. Zu Deutschlands „Wehrhaftigkeit“, die Baerbock jetzt einfordert, gehört eben nicht nur die militärische Aufrüstung, sondern auch die geoökonomische Macht der deutschen Wirtschaft. Das geoökonomische Kräfteverhältnis spricht klar für den Westen: Die Wirtschaftskraft der Nato-Staaten übertrifft die Russlands und Chinas deutlich. Die Weltwährung Dollar und Amerikas technologische Überlegenheit verstärken den Vorsprung.
Als Waffe ist die Wirtschaft jedoch ein zweischneidiges Schwert, das immer auch uns selbst trifft. Nicht nur deshalb müssen wir damit klug umgehen. Wie auf dem militärischen Schlachtfeld braucht auch der Wirtschaftskrieg gegen Putin klar definierte Ziele. Dazu gehört ebenso, darauf zu achten, dass der Konflikt nicht außer Kontrolle gerät. Das heißt, unser Augenmerk sollte der Ukraine gelten. Es geht in erster Linie um „Containment“ und nicht um „Regime-Change“ in Moskau. Letzterer kann nur von den Russen selbst kommen.