Kommentar: Wir müssen auch bei Nahrungsmitteln weniger erpressbar werden – nicht nur bei Öl und Gas
2022 ist eine Nahrungskrise kaum noch vermeidbar.
Foto: BloombergWeniger erpressbar werden, das ist eine der Lehren, die aus Russlands Krieg in der Ukraine gezogen und auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos mantraartig wiederholt werden. Unabhängig werden von russischem Öl und Gas, von wichtigen Mineralien, abgeschirmt von China bei sicherheitsrelevanten Technologien. Kein Ende der Globalisierung, aber geschützter in sicherheitsrelevanten Bereichen und diversifizierter.
Erpressbar und abhängig aber ist die Welt erst recht bei der Nahrungsmittelproduktion – auch hier legt der Krieg in der Ukraine die vielen Schwachstellen offen, die eigentlich über Jahre bekannt waren und über die zu wenig und nun erst zu spät gesprochen wird. Bei der Versorgung mit Weizen wie Dünger ist die Welt von einigen wenigen Ländern abhängig.
Nur wegen dieser Abhängigkeiten kann die Blockade ukrainischer Häfen durch russische Soldaten, können Düngemittel-Exportverbote in Russland und China aus einer ohnehin dramatischen Lage in so kurzer Zeit eine Hungerkatastrophe machen – die vielleicht schlimmste seit dem Zweiten Weltkrieg, wie Experten warnen.
Kurz- und mittelfristig muss jetzt gehandelt werden. Es wird für das Überleben von Millionen von Menschen vor allem in Afrika entscheidend sein, ob Russland seine Blockade der ukrainischen Häfen aufgibt. 20 bis 25 Millionen Tonnen Weizen warten dort auf Auslieferung in die Welt. Über Land kann nur ein Bruchteil exportiert werden.
Kurzfristig muss das Getreide die Ukraine verlassen können
Werden Länder wie Großbritannien eine internationale Schutzzone im Schwarzen Meer einrichten, die ukrainischen Schiffen freies Geleit zum Abtransport des Weizens erlaubt? Das Schwarze Meer wird zur nächsten Frontlinie im Ukrainekrieg. Hier zeigt sich, wie direkt die Auswirkungen von Geopolitik auf unsere Nahrung sind.
Eine „Schutzzone“ hört sich – ähnlich wie „Flugverbotszone“ – an wie etwas, das einfach umzusetzen wäre. Aber wenn es die internationale Gemeinschaft nicht schafft, das Getreide aus den ukrainischen Häfen zu bekommen, ohne sich von Putin erpressen zu lassen und die Sanktionen aufzuweichen, wäre das ein Armutszeugnis. Das wissen die Politiker in Europa und den USA und haben die Verhandlungen über eine Freigabe der Häfen endlich intensiviert.
Angesichts von historischen Zahlen Hungerleidender weltweit hat UN-Generalsekretär Guterres den Druck auf Russland wegen der Blockade von ukrainischem Getreide erhöht.
Foto: dpaDoch selbst wenn es gelingt, die Silos in der Ukraine für die nächste Ernte rechtzeitig zu leeren, wird die Ernährungskrise in diesem Jahr nur gemildert, aber nicht vermieden. Aus der Ukraine wird in diesem Jahr nur rund die Hälfte an frischer Getreideernte erwartet. Dürren im Nahen Osten, eine Hitzewelle in Indien, gestiegene Benzinpreise für die Bauern in Afrika, weniger Dünger in Europa, Nord- und Südamerika: 2022 wird ein schwieriges Jahr werden.
Mittelfristig muss die globale Nahrungsmittelproduktion krisenfester werden
Das Davos-Mantra, global diversifizierter, resilienter und weniger erpressbar sein zu wollen, muss auch in der globalen Lebensmittelproduktion Folgen haben. Die Produktion und Verarbeitung der drei Haupternährungsmittel Weizen, Mais und Reis ist auf wenige Regionen konzentriert. Diese hohe Konzentration ist zu risikoanfällig, wie wir jetzt sehen – und das muss sich ändern.
Das kann nur über effizienteren Anbau in vielen Ländern gelingen. Nötig sind ein breiteres Spektrum an Saaten, klimaschützendere Anbauformen – denn die Landwirtschaft leidet nicht nur unter dem Klimawandel, sie beschleunigt ihn als Treibhausgaserzeuger auch.
Ebenso wichtig sind Investitionen in Afrika in Bewässerungssysteme und bessere Lagermöglichkeiten, die Nachernte-Verluste verhindern – ohne dass das Geld versandet -, sowie ein Ende von Handelsbarrieren.
Das Problem aber ist, dass die Erfolge Zeit brauchen und in diesem Jahr nur bedingt helfen werden. So laufen wir sehenden Auges in die Krise. Dennoch führt kein Weg daran vorbei, auch die globale Landwirtschaft weniger risikoanfällig zu machen.
Wenn wir heute schon 7,9 Milliarden Menschen nicht richtig ernähren können, kann es nur mit solchen Schritten gelingen, dies 2050 bei erwarteten neun Milliarden Menschen in Zeiten des Klimawandels zu schaffen.