Kommentar: Rettet die Wirtschaftsprüfer!
Im Wirecard-Skandal wurde viel Vertrauen verspielt.
Foto: action pressRund um den Globus nehmen sich die Behörden derzeit die Arbeit der Wirtschaftsprüfer vor. Ob die US-Börsenaufsicht SEC, die britische Regierung oder die EU-Kommission: Die Branche gerät von vielen Seiten unter großen Druck. Das Anliegen der Regulierer ist ebenso wichtig wie legitim: Sie wollen verhindern, dass sich Skandale wie Wirecard wiederholen. Investoren sollen das Vertrauen in die Korrektheit von Bilanztestaten zurückgewinnen. Die Prüfer stehen hier in der Pflicht.
Seit dem Zusammenbruch des Zahlungsdienstleisters Wirecard ereilt die früher kaum beachtete Branche der Wirtschaftsprüfer eine Regulierungsrunde nach der anderen. Es ist an der Zeit, dass die Prüfer aus dieser Opferrolle herauskommen – und selbst mit Vorschlägen in die Offensive gehen. Am Ziel der Vertrauensstärkung liegt schließlich auch ihnen viel.
Deswegen ist es wichtig, dass die Prüfungsgesellschaft EY nun die Initiative ergreift und intern eine Aufspaltung durchspielt – gerade jene Gesellschaft also, die als Abschlussprüfer von Wirecard immensen Schaden erlitten hat.
Eine Verselbstständigung und Trennung von margenstarken Beratungsgeschäften und hoheitlicher Prüfungsarbeit käme einer Revolution im Geschäft der „Big Four“ gleich. PwC, EY, KPMG und Deloitte sind voll integrierte Multidienstleister für ihre Mandanten.
Aber ist eine solche Aufspaltung auch der beste Weg, um das über allem stehende Ziel der besseren Bilanztestate zu erreichen? Dafür spricht, dass damit eine saubere Trennung zwischen Beratung von Firmen und der Abschlussprüfung geschaffen wird. Eine organisatorische Trennung beider Geschäfte würde die Prüfer von dem Dauervorwurf der Interessenverquickung – nach dem Motto: „Wer dickes Geld mit Beratung verdient, der prüft nicht mehr genau“ – befreien.
Beraterteams werden immer stärker eingeschränkt
Für diesen Verdacht fehlen allerdings handfeste Beweise, auch der Fall EY/Wirecard gibt diese nicht her. Ohnehin ist es mittlerweile so, dass der Abschlussprüfer eines Unternehmens dieses praktisch überhaupt nicht mehr beraten darf. Der Gesetzgeber hat dem mehr und mehr Riegel vorgeschoben. Die zunehmende Regulierung führt dazu, dass sich die Beraterteams der Gesellschaften immer stärker eingeschränkt fühlen.
Insofern könnte eine Aufspaltung, wie sie EY durchspielt, für die Beratungsteams befreiend sein. Für mehr korrekte und glaubwürdige Bilanztestate braucht es aber im Grunde keine Aufspaltung. Wichtiger ist: Die Wirtschaftsprüfer müssen überzeugend beweisen, dass sie ihr Kerngeschäft der hoheitlichen Bilanzprüfung ernsthaft betreiben. Es geht um Milliardeninvestitionen, die für eine moderne, von Künstlicher Intelligenz gestützte Abschlussprüfung benötigt werden.
Es geht aber auch ganz einfach ums Selbstverständnis als Prüfer, der mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln seine berufsständische Pflicht erfüllt: nämlich dem Mandanten mit einer stets kritischen Grundhaltung gegenüberzutreten. Daran hat es EY bei Wirecard gefehlt.
Die Prüfer haben sich mit dem ungebremsten Ausbau der margenstarken Beratungsgeschäfte selbst in den Verdacht gebracht, dass sie ihre traditionelle Aufgabe der Bilanzprüfung vernachlässigen. Jetzt ist es an der Zeit, dass sie handeln und das Gegenteil beweisen. Angesichts der Bedeutung kann das Ziel nur lauten: Rettet die Wirtschaftsprüfung!