Drogen: Cannabis für alle: Thailand legalisiert die Droge und will Bürgern Pflanzen schenken
Hanfkonsumenten freuen sich, dass sie nun beim Konsum von Cannabis keine Strafen mehr riskieren.
Foto: IMAGO/ZUMA WireBangkok. Das jüngste Entlastungspaket, mit dem Thailands Bevölkerung in wirtschaftlich schwierigen Zeiten unterstützt werden soll, bringt weder Steuersenkungen noch Finanzhilfen – sondern ein berauschendes Gewächs: Eine Million Cannabis-Pflanzen will die Regierung kostenlos an die Bürger verteilen.
Vizepremierminister Anutin Charnvirakul sieht darin den Startschuss für eine neue Wachstumsbranche, die den Thailändern nach seinen Worten Hunderte Millionen Dollar an zusätzlichen Einnahmen bescheren soll.
Hinter dem Vorhaben steht eine drogenpolitische Kehrtwende in Südostasiens zweitgrößter Volkswirtschaft. Jahrzehntelang setzte das Land auch bei weichen Drogen auf eine harte Strafverfolgung. Wer mit Marihuana erwischt wurde, dem drohten bislang mehrere Jahre Gefängnis.
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Die Regierung in Bangkok setzt darauf, dass die Freigabe der Pflanze der Landbevölkerung neue Verdienstmöglichkeiten eröffnet – und der angeschlagenen Tourismuswirtschaft einen neuen Schub geben wird.
Ein kräftiger Impuls wäre dringend notwendig: Obwohl die Corona-Einreisebeschränkungen größtenteils weggefallen sind, erwartet die lokale Tourismusbehörde für das Gesamtjahr maximal zehn Millionen Besucher – das entspricht lediglich einem Viertel der Besucherzahlen, die das Land vor Beginn der Pandemie verzeichnete. Gleichzeitig leidet die Bevölkerung an der höchsten Inflationsrate seit 13 Jahren und schwachen Wachstumsaussichten von rund drei Prozent.
Anutin, der die Cannabis-Legalisierung bereits im Wahlkampf versprach und anschließend im Kabinett entscheidend vorantrieb, beschrieb den Schritt in der Vergangenheit als Win-win-Situation, die den Menschen Zugang zu der Pflanze verschaffe und gleichzeitig die Wirtschaft anschiebe.
Thailands Regierung setzt große Hoffnung auf Hanf, möchte aber vermeiden, dass sich das Land in ein Kifferparadies verwandelt.
Foto: APDoch trotz der neuen Zuneigung zu der früher geächteten Pflanze will die gesellschaftspolitisch konservative Regierung in Bangkok den Eindruck vermeiden, dass Thailand zum neuen Kifferparadies wird. Der Zwiespalt spiegelt sich in einer Reihe von Unklarheiten zum Start der Hanffreigabe wider.
Regierung plädiert gegen den Marihuanakonsum als Freizeitdroge
Klar ist, dass die Menschen in Thailand ab dem 9. Juni Cannabis-Pflanzen in beliebigen Mengen anbauen dürfen. Nur wer kommerzielle Absichten verfolgt, muss dafür noch eine Genehmigung einholen, in allen anderen Fällen reicht eine einfache Registrierung per App.
Verboten bleiben lediglich Extrakte aus den Pflanzen – wie etwa Öle – mit mehr als 0,2 Prozent des psychoaktiven Wirkstoffs THC.
Für die Pflanzen selbst gilt dieses Wirkstofflimit zwar nicht. Wie sie genau verwendet werden dürfen, ist aber noch immer nicht genau festgelegt. Entsprechende Regulierungen müssen erst noch vom Parlament verabschiedet werden.
Geplant ist, dass der Konsum im Privaten zugelassen wird. Allerdings betonen die Behörden, dass sie sich gegen den Konsum von Marihuana als Freizeitdroge aussprechen. Stattdessen soll Cannabis für medizinische Anwendungen zum Einsatz kommen.
Auch als Kochzutat könne die Pflanze – inklusive ihrer THC-haltigen Blüten – genutzt werden, teilte die Arzneimittelaufsicht mit. Wie genau die Behörden die Unterscheidung von medizinischer Nutzung und Freizeitkonsum festlegen und kontrollieren wollen, ließen sie bisher offen.
Legalisierungsbefürworter gehen davon aus, dass die Frage bewusst in einem Graubereich gelassen werde, um den Widerstand drogenpolitischer Hardliner zu verringern.
Touristinnen ließen sich im April mit einem Aktivisten fotografieren, der für die Legalisierung von Hanf protestierte. Nun ist es so weit.
Foto: IMAGO/Pacific Press Agency„Solange der Konsum im Privaten stattfindet, sollte es keine Probleme geben“, sagt Arun Avery, Mitgründer der Aktivistengruppe Highland und Mitglied im Cannabis-Forschungskomitee an einem Krebskrankenhaus der Provinz Udon Thani in Thailands Nordosten.
Die Umsatzerwartungen, die Gesundheitsminister Anutin vorgegeben hat, hält er aber nur für realistisch, wenn die Regierung jegliche Form des Privatgebrauchs erlaubt. „Auch für Investitionen großer Unternehmen ist die Lage wohl noch zu unklar“, sagt er. Cannabis-Einzelhandelsketten wie in Teilen der USA wird es in Thailand damit wohl zunächst nicht geben.
In den vergangenen Jahren, als Thailand bereits erste Legalisierungsschritte ging und Hanfprodukte mit kaum nachweisbarem THC-Gehalt erlaubte, zeigten Unternehmen und Konsumenten jedoch bereits großes Interesse an dem Thema: Bars verkaufen inzwischen „mit Cannabis angereicherten“ Limettensaft, an Kaffeeautomaten lassen sich Getränke wie „Iced Cannabis Americano“ bestellen, Restaurants servieren lokale Spezialitäten wie grünes Curry oder Garnelensuppen mit Hanfbeigabe – aufgrund der Regeln, die bisher galten, allerdings vollkommen rauschfrei.
Die künftig gelockerten Bestimmungen wurden von einigen Hanfanbauern in den vergangenen Wochen bereits vor dem offiziellen Inkrafttreten angewandt – allerdings nicht ohne juristisches Risiko: Eine 56 Jahre alte Frau wurde Ende Mai wegen des Besitzes einer Cannabis-Pflanze vorübergehend festgenommen.
Die Polizei stufte die Festnahme hinterher aber als unangemessen ein – mit Blick auf die bevorstehende Legalisierung in wenigen Tagen hätten die Beamten ein besseres Urteilsvermögen an den Tag legen sollen, hieß es.