Theranos: Holmes baute mit Ex-Freund Betrugsfirma auf – jetzt drohen auch ihm 20 Jahre Haft
Der früheren Gründerin von Theranos drohen bis zu 20 Jahre Haft pro Anklagepunkt.
Foto: ReutersNew York. Wichtiges Urteil im Theranos-Skandal: Ramesh „Sunny“ Balwani, der ehemalige Präsident des US-Start-ups und Ex-Freund der Gründerin Elizabeth Holmes, wurde in allen Anklagepunkten für schuldig befunden. Das entschied das Bundesgericht in San Jose, Kalifornien, am Donnerstag. Sechs Monate nach der Verurteilung von Holmes wegen Betrugs an den Investoren urteilten die Geschworenen nun auch in seinem Fall.
Theranos hatte versprochen, die Gesundheitsbranche durch günstige Bluttests zu revolutionieren. Mithilfe nur weniger Tropfen Blut sollte eine breite Palette an medizinischen Tests durchgeführt werden können. Zwischenzeitlich war Theranos zehn Milliarden Dollar wert. Tatsächlich funktionierte die Technik nie.
Balwani drohen bis zu 20 Jahre Haft, ebenso wie Holmes, berichten die Nachrichtenagenturen AP und Bloomberg. Das Strafmaß wird erst zu einem späteren Zeitpunkt verkündet. Balwanis Anwalt äußerte sich enttäuscht über das Urteil. Man erwäge, Berufung einzulegen, erklärte er.
Theranos: Nach Elizabeth Holmes auch Ramesh Balwani wegen Betrugs verurteilt
Holmes und Balwani werden beschuldigt, Investoren und Patienten über die Leistungsfähigkeit der Theranos-Geräte belogen zu haben. Die eigene Technologie wurde zwischen 2003 und 2015 als führend herausgestellt. Tatsächlich wurden wichtige Bluttests nicht auf Theranos-eigenen Apparaten durchgeführt, sondern auf Siemens-Maschinen.
Als die Probleme ans Licht kamen, brach Theranos nach dem Einschreiten der US-Aufsicht und Aktionärsklagen zusammen. Holmes war eine der wenigen weiblichen Gründungspersönlichkeiten im Silicon Valley. Ihre Prominenz – Holmes war unter anderem Gast im Weißen Haus – führte zu einer großen öffentlichen Aufmerksamkeit für den Fall. Inzwischen gibt es Bücher, Dokumentationen und eine Fernsehserie über Theranos.
Wesentliche Rolle von Ramesh Balwani bei Theranos
Holmes, heute 38 Jahre alt, fungierte als das öffentliche Gesicht des Unternehmens. Laut der Staatsanwaltschaft spielte aber auch Balwani, heute 57, eine wesentliche Rolle. E-Mails und Textnachrichten zeigten, dass die beiden sowohl beruflich als auch in einer Liebesbeziehung miteinander verbunden waren.
Balwani wurde in allen Anklagepunkten schuldig gesprochen.
Foto: APDas Gericht vernahm unter anderem einen früheren Laborleiter, Mitarbeiter einer Aufsichtsbehörde und einen Patienten, die noch nicht im Prozess gegen Holmes ausgesagt hatten. Ihre Aussagen sollten unterstreichen, dass auch Balwani mit der Fälschung der Bluttests vertraut war. Die zwölf Geschworenen berieten fünf Tage. Die Urteilsverkündung nahm Balwani still auf.
„Sechs Monate nach den Schuldsprüchen im Prozess gegen Elizabeth Holmes sind die Geschworenen zu dem Schluss gekommen, dass Holmes' Geschäftspartner Ramesh Balwani ebenfalls die Verantwortung für den Betrug an den Theranos-Investoren trägt“, sagte Staatsanwältin Stephanie Hinds aus San Francisco. „Die Geschworenen kamen auch zu dem Schluss, dass Balwani ahnungslose Patienten betrogen hat.“
Die Geschworenen befanden Balwani in zwei Fällen der Verschwörung mit Holmes, in sechs Fällen des Betrugs an Investoren und in vier Fällen des Betrugs an Patienten für schuldig. Holmes war vom Anklagepunkt des Betrugs an Patienten freigesprochen worden.
Missbrauchsvorwürfe gegen Ramesh Balwani
Seth Kretzer, ein US-Strafverteidiger, der nicht in den Fall involviert ist, erklärte, Holmes habe wahrscheinlich ein „höheres Strafmaß“ zu befürchten als Balwani. Schließlich sei sie zu ihrer eigenen Verteidigung in den Zeugenstand gegangen und er nicht: „Die Staatsanwaltschaft wird argumentieren, dass sie durch ihre Falschaussage die Justiz behindert hat.“
Balwani hatte die Vorwürfe zurückgewiesen. Seine Anwälte argumentierten, die Staatsanwaltschaft habe sich nur einen Bruchteil der Bluttests herausgepickt: jene mit besonders schlechten Ergebnissen. Millionen anderer Tests in einer nicht mehr existenten Theranos-Datenbank seien ignoriert worden. Gegen Balwani wurde angeführt, dass er eine Zeit lang das in der Firma streng abgeschottete Labor geleitet hatte.
Holmes hatte Balwani in ihrem Verfahren vorgeworfen, sie sexuell und psychisch missbraucht zu haben. Aus Sicht von Andrey Spektor, einem weiteren externen Anwalt, war das Verfahren gegen Balwani daher einfacher gelagert: Das Gericht habe „sich nicht um das Mitleidsthema kümmern müssen“, das Holmes vorgebracht habe. Balwani bestreitet die Missbrauchsvorwürfe.
Staatsanwaltschaft: Elizabeth Holmes und Balwani waren enge Komplizen
Während seines dreitägigen Schlussplädoyers erklärte Balwanis Anwalt, sein Mandant sei von Holmes genauso geblendet worden wie die Theranos-Investoren und hochrangigen Verwaltungsratsmitglieder, darunter bekannte Ex-Politiker und Ex-Militärs wie Henry Kissinger oder James Mattis. Auch Balwani habe nur „das Charisma, die Tatkraft, die Vision, das Ziel“ der Gründerin gesehen, „und er hat sich diese Vision zu eigen gemacht“, so sein Verteidiger. Balwani habe selbst 4,6 Millionen Dollar in das Unternehmen investiert.
Die Staatsanwaltschaft hingegen argumentierte, Balwani und Holmes hätten eng zusammengearbeitet, um den Betrug, der durch Recherchen des „Wall Street Journals“ ans Licht kam, aufrechtzuerhalten. Hierzu hätten sie unter anderem wichtige Informationen vor den eigenen Mitarbeitern abgeschirmt.
Am 26. September soll das Strafmaß gegen Holmes verkündet werden, am 15. November das für Balwani.
Mit Agenturmaterial.