Morning Briefing Plus – Die Woche: Marktturbulenzen, Versorgungskrise, Gasüberfluss: Der Wochenrückblick der Vize-Chefredakteurin
Guten Morgen allerseits,
in der vergangenen Woche gab es keinen Tag, an dem uns die Turbulenzen an den Märkten nicht auf Trab gehalten haben: Die internationalen Aktienbörsen haben das schlechteste Halbjahr seit Jahrzenten hinter sich. Erst verdarb die Angst vor steigenden Zinsen die Stimmung, jetzt sorgt die wachsende Furcht vor einer weltweiten Rezession für heftige Kursschwankungen. Am Dienstag fiel der Dax mit 12.390 Punkten auf ein neues Jahrestief.
Am Devisenmarkt ist der Euro auf dem niedrigsten Stand seit 20 Jahren und nähert sich dem Dollar immer mehr an. Schon bald dürften beide Währungen gleichauf sein, glauben Experten. Das liegt aus ihrer Sicht vor allem an der Dollar-Stärke. Zwar gibt es auch in den USA die Sorge vor einer Rezession wegen der Zinswende durch die Fed, aber sie ist weniger groß als die Sorge vor einer Rezession in der Eurozone wegen einer Energiekrise.
Auch Rohstoffpreise gaben nach: Am Mittwoch fiel der Ölpreis zum ersten Mal seit April wieder unter 100 Dollar, der Kupferpreis sackte auf den tiefsten Stand seit November 2020.
Als Wirtschafts- und Finanzjournalisten ist es uns zwar ganz recht, wenn bei Aktien, Anleihen, Devisen, Rohstoffen und Co. Bewegung drin ist. Alles ist besser als Stillstand. Aber das ständige Auf und Ab an den Märkten beunruhigt auch uns. Zumal Experten wie Mohamed El-Erian davon ausgehen, dass sich die Turbulenzen fortsetzen werden.
Der prominente US-Ökonom sieht drei Risiken: steigende Zinsen, schwächere Unternehmensgewinne, und dass die Märkte in Teilen nicht mehr richtig funktionieren könnten. „Das Liquiditätsrisiko steigt“, warnt El Erian im Gespräch mit meiner Kollegin Astrid Dörner und erinnert an Extremsituationen wie im Frühjahr 2020 nach Ausbruch der Coronapandemie. Damals fanden selbst auf gewöhnlich extrem liquiden Märkten, wie dem Markt für US-Staatsanleihen, Anbieter und Nachfrager nicht mehr problemlos zueinander.
Die Schwankungen an den Märkten werden uns in der Redaktion also noch länger beschäftigen, und ich befürchte auch noch intensiver. Ob Berichte, Analysen oder Anlagetipps – bei uns finden Sie alles, was Sie wissen müssen.
Bei der Gelegenheit: Wenn Sie mit dem Gedanken spielen, jetzt Aktien zu kaufen, dann sollten Sie den VDax kennen – und den Artikel meines Kollegen Jürgen Röder lesen.
Was uns diese Woche sonst noch beschäftigt hat
1. Kurz vor der parlamentarischen Sommerpause hat der Bundesrat am Freitag noch einige wichtige gesetzliche Änderungen beschlossen, zum Beispiel den Einsatz von mehr Kohlekraftwerken, den schnelleren Ökostrom-Ausbau und Erleichterungen bei staatlichen Hilfen für angeschlagene Energiefirmen wie Uniper.
Deutschlands größter Gashändler ruft nun auch offiziell nach Unterstützung aus Berlin. „Die Bundesregierung hat die nötigen Instrumente dafür geschaffen, jetzt hoffen wir auf eine schnelle Lösung“, sagte Uniper-Chef Klaus-Dieter Maubach. Bei den aktuellen Gaspreisen häufe man in den nächsten Monaten Verluste von bis zu zehn Milliarden Euro an.
2. Mit dem drohenden Stopp der russischen Gaslieferungen steht Deutschland ein Notstandswinter bevor. Was passiert, wenn es hart auf hart kommt, und wie es perspektivisch weitergehen soll mit der deutschen Energiepolitik, das beschreibt unser Wochenendtitel „Kalt, dunkel, teuer“.
3. Apropos Ökostrom: Die Windkraft soll die wichtigste Energiequelle der Zukunft werden, aber der Ausbau geht in Deutschland kaum voran. Woran das liegt und wie man die Probleme lösen kann, darüber spricht unsere Energieexpertin Kathrin Witsch in der neuen Folge ihres Podcasts Handelsblatt Green mit Windkraftgegnern, Unternehmen und Experten.
4. Auf den ersten Blick scheint die Lage in Russland überraschend entspannt: die Supermarktregale sind gefüllt, der Nahverkehr funktioniert, der Rubel ist trotz der aktuellen Abwertung stärker als vor dem Inkrafttreten der Sanktionen. Darunter aber brodelt eine Gemengelage, die die russische Wirtschaft für Jahrzehnte schädigen wird, glaubt man Expertinnen und Experten, mit denen meine Kollegin Mareike Müller gesprochen hat. Die Grafik zeigt: Schon im laufenden Jahr dürfte das Bruttoinlandsprodukt massiv einbrechen.
Haben Sie sich eigentlich mal gefragt, was Russland mit dem Gas macht, das jetzt nicht exportiert wird? Ja? Dann empfehle ich Ihnen unsere Geschichte „Plötzlich zu viel Gas“.
5. Am Freitagfrüh erreichten uns schockierende Nachrichten und Bilder: Japans langjähriger Regierungschef hält eine Wahlkampfrede, als plötzlich ein Schuss fällt. Shinzo Abe geht zu Boden. Auf dem Weg ins Krankenhaus setzt sein Herz aus. Die Ärzte können dem 67-Jährigen nicht mehr helfen. Unser Tokio-Korrespondent Martin Kölling erklärt, welche Folgen das tödliche Attentat für das Land haben könnte.
Obendrein fällt es in eine Zeit, in der Hedgefonds massiv gegen Japans Notenbank wetten und die traditionelle Niedrigzinspolitik das Land sehr bald ins Chaos stürzen könnte.
6. Erste Dax-Konzerne stocken wegen der hohen Inflation ihre Gehaltsbudgets auf. Das ist das Ergebnis einer Handelsblatt-Umfrage unter den 40 größten börsennotierten Unternehmen des Landes. Im Juni sank die Inflationsrate in Deutschland zwar leicht, wie die Grafik zeigt. Das führten Experten jedoch auf Sondereffekte wie das Neun-Euro-Ticket und den Tankrabatt zurück und warnen vor weiteren Preisschüben für Energie und Lebensmittel.
7. Die deutlich gestiegenen Preise in den Supermärkten merken viele Verbraucherinnen und Verbraucher in Deutschland schon jetzt – und können sich den Lebensmitteleinkauf kaum noch leisten. Das zeigt eine Untersuchung von mehr als 600.000 Kassenbons, die der Marktforscher Smhaggle exklusiv für das Handelsblatt ausgewertet hat. Selbst das Ausweichen auf Discounter bringt keine Entlastung.
8.Wir haben in dieser Woche Wetten abgeschlossen: War es ein Skandal zu viel für Boris Johnson oder kriegt er, wie so oft, nochmal die Kurve? Als dann am Donnerstag erste Berichte kamen, der britische Premierminister wolle als Parteichef der Konservativen zurücktreten und sich im Laufe des Tages an die Nation wenden, blickten wir gespannt auf die Tür am Regierungssitz 10 Downing Street. Erst als er rauskam und die Meldungen bestätigte, konnten wir es kaum glauben.
Doch Johnson wäre nicht Johnson, wenn er so einfach gehen würde. Er will bis zur Wahl eines Nachfolgers im Amt bleiben, was nicht nur Mitglieder der Labour-Partei erzürnt. Da unser London-Korrespondent Torsten Riecke unzählige Texte zum Regierungschaos in London in den letzten Tagen geschrieben hat, klicken Sie am besten auf unsere Webseite handelsblatt.com und suchen nach seinem Namen.
9. Die Steuerlast in Deutschland ist gestiegen. Und immer mehr Steuerzahler rutschen in den Spitzensteuersatz. Das zeigen neue Daten der Bundesregierung. Sie räumen mit einigen Steuer-Mythen auf und dürften für manchen überraschende Erkenntnisse bereithalten. Aber sehen Sie selbst!
Zum Schluss noch Zahlen, die uns sehr freuen: Das Handelsblatt ist einer der Gewinner der diesjährigen Leseranalyse Entscheidungsträger in Wirtschaft und Verwaltung, kurz LAE 2022. Die crossmediale Reichweite, die sich aus den durchschnittlichen Leserinnen und Lesern pro Ausgabe der Print-Titel sowie der monatlichen Nutzerzahl der Online-Angebote und Apps zusammensetzt, konnten wir um 7,8 Prozent auf mehr als eine Million Entscheiderinnen und Entscheider steigern (digital sind es 771.000). Als einziger Titel im gesamten deutschen Zeitungssegment konnten wir auch die Print-Reichweite im Vergleich zum Vorjahr steigern.
Herzlichst
Ihre
Kirsten Ludowig
Stellvertretende Chefredakteurin Handelsblatt
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