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Morning Briefing Plus – Die WocheWarten auf das Wartungsende, Billiger Euro birgt Risiken, „Neue Klasse“ bei BMW: Der Wochenrückblick der Vize-Chefredakteurin

Der Begriff der „Aeroderivativen Gasturbine“ wird zum Grundrepertoire der Handelsblatt-Redaktion. Alle Blicke liegen auf dem Ende der Nord-Stream-Wartung.Kirsten Ludowig 16.07.2022 - 08:19 Uhr Artikel anhören

Guten Morgen allerseits,

wenn jemand vor ein paar Wochen in unserer Redaktionskonferenz gefragt hätte, was eine „Aeroderivative Gasturbine“ ist, dann hätte wohl allenfalls mein Kollege, der über Siemens Energy schreibt, antworten können – und der Rest der Runde hilflos dreingeschaut, mich eingeschlossen. 

Jetzt weiß ich, wie viele andere, dass diese Turbine ursprünglich für Flugzeuge entwickelt wurde, aber auch in der Öl- und Gasindustrie zum Einsatz kommt. Und warum habe ich jetzt Wissen, das die Welt (zumindest meine) bislang nicht brauchte? Weil aus einer alljährlichen Routine, nämlich der Wartung der Ostseepipeline Nord Stream 1, ein Politikum geworden ist – und die „Aeroderivative Gasturbine“ zum vermeintlichen Vorwand.  

Schon seit Wochen liefert Russland weniger Gas über Nord Stream 1 und gibt eben dieser im kanadischen Siemens-Energy-Werk gebauten Turbine die Schuld, weil sie nach Wartungsarbeiten vor Ort wegen der Sanktionen nicht zurückgeschickt werden konnte. Seit Montag nun ist der Gasfluss aus Russland komplett gestoppt, weil die Pipeline gewartet wird – und alle fragen sich: Fließt das Gas danach weiterhin gedrosselt, wieder normal oder gar nicht mehr?  

Da Kanadas Regierung just an dem Montag signalisiert hat, die Turbine doch zu liefern, geht es nun weiter im Vorwand-wechsel-dich-Spiel. Zwar stellt das russische Außenministerium eine Wiederaufnahme der Gaslieferungen nach der Wartung in Aussicht, knüpft das aber an Bedingungen. „Was die künftige Arbeit der Gas-Pipeline anbelangt, so wird viel von der Nachfrage unserer Partner abhängen und von illegitimen Sanktionen“, sagte Sprecherin Maria Sacharowa am Donnerstag in Moskau. 

Berlin und Brüssel planen weitere Sanktionen, etwa ein Importverbot für Gold aus Russland, und wollen sich nicht von Wladimir Putin „erpressen“ lassen. Das heißt, dass die EU-Staaten im Ernstfall auf gegenseitige Gaslieferungen angewiesen sind. Obwohl sie schon seit Jahren vorhaben, entsprechende Regelungen zu treffen, ist bis jetzt nicht viel passiert. Es schlägt also die Stunde der Solidarität – mit Deutschland als Nehmerland. Wie es so weit kommen konnte, das können Sie in unserem Report „Rekonstruktion eines Staatsversagens: Wie Deutschland in Putins Energiefalle lief“ nachlesen.  

Die Ministeriumssprecherin verwies auch auf die in Kanada gewartete Turbine, die zur Wiederinbetriebnahme von Nord Stream 1 nach russischen Angaben unverzichtbar ist.

Foto: IMAGO/SNA

Erstmals hat die EU-Kommission in dieser Woche auch Kriterien genannt, nach denen sie entscheiden will, welche Bereiche der Wirtschaft vom Netz genommen werden sollen, wenn das Gas nicht für alle reicht. Sie geht sogar weiter als die Bundesregierung und nennt Beispiele für Branchen, bei denen das Abschalten einen zu großen Schaden anrichten würde.

Und dann gab es noch den Vorstoß von Robert Habeck. Der Wirtschaftsminister hat es gewagt, die bisher vorgesehene Priorisierung von privaten Haushalten gegenüber der Industrie bei der Zuteilung von knappem Gas infrage zu stellen. Bei allem Verständnis für die Kritik, insbesondere der Verbraucherschützer: Darüber zu diskutieren, halte ich für richtig und wichtig. Schließlich hilft eine warme Wohnung nur bedingt, wenn man den Job verliert.  

Was uns diese Woche sonst noch beschäftigt hat

1. Überall herrscht düstere Stimmung, überall? Nein, nicht bei den Strategieberatern. McKinsey, die Boston Consulting Group (BCG) und Bain haben ihre Umsätze 2021 in Deutschland um rund 20 Prozent gesteigert. Und auch für dieses Jahr rechnet die Branche mit einem starken Plus. Das zeigt eine exklusive Auswertung eines Forschungsinstituts für das Handelsblatt, denn traditionell geben sich die Berater zugeknöpft, wenn es um ihre Zahlen geht. Sie liefert drei spannende Insights: 1. McKinsey ist nur noch knapp vor BCG, 2. Bain wächst am stärksten und 3. die Fluktuation ist bei allen so hoch wie lange nicht mehr.

2. Nächtelang lieferten sich Investoren ein Bieterrennen um die 33.000 Funktürme der Deutschen Telekom, den meine Kollegen Philipp Alvares de Souza Soares und Arno Schütze nachzeichnen. Am Ende sicherte sich ein Investor aus Florida den Zuschlag. Eine kleine Überraschung bei einem großen Deal. Der Telekom fließen 10,7 Milliarden Euro an Barmitteln zu, mit denen CEO Timotheus Höttges Schulden zurückzahlen will. Damit ist er gut beraten. Der Schuldenstand liegt aktuell auf einem Rekordwert von 132 Milliarden Euro. 

3. Apropos Schulden: Schon im nächsten Jahr wird Finanzminister Christian Lindner laut Etatentwurf 29,6 Milliarden Euro für Zinsen ausgeben müssen. Damit zahlt der Bund auf einen Schlag viel mehr für seine Schulden, was nur zum Teil an den gestiegenen Zinsen liegt. Denn: Um die „schwarze Null“ im Haushalt zu erreichen, hat der Bund laut Finanzexperten jahrelang bei der Aufnahme neuer Schulden getrickst – und das rächt sich nun.

4. Von Schulden zum Vermögen: Nach vielen guten Jahren werden die Vermögensverwalter 2022 unter der schmerzhaften Korrektur an den Börsen leiden. Der Abschwung trifft auch die unabhängigen Asset Manager – allerdings gibt es bemerkenswerte Ausnahmen: Keiner ist so profitabel wie Flossbach von Storch, wie die Grafik zeigt. Bei der wichtigsten Erfolgskennziffer schlagen die Kölner sogar die großen Banken-Fondshäuser.

5. Kann man seine Geldanlage auf einen Dritten Weltkrieg ausrichten? Zugegeben, die Vorstellung, dass es zu einer Eskalation zwischen Russland und der Nato kommt, schiebt man am liebsten ganz weit weg, aber viele Deutsche haben Angst davor. Und manche treffen konkrete Vorbereitungen, um das Land schnell verlassen zu können. Was sie zu dieser Form des Preppertums bewegt, das beschreiben wir in unserem Report.

6. Am Dienstagvormittag wurde Geschichte geschrieben: Erstmals seit 20 Jahren kostete der Euro nur noch einen Dollar. Hinter dem Wertverfall steckt die Sorge vor einer Energie- und Wirtschaftskrise in der Währungsunion und die deutlich höheren Zinsen in den USA. Experten befürchten, dass der Euro noch weiter fällt und die Abwertung derzeit mehr Risiken als Chancen bringt. Euro-Gruppen-Chef Paschal Donohoe versuchte zu beruhigen. „Wir haben in den vergangenen Jahren bewiesen, dass der politische Wille da ist, die Widerstandsfähigkeit des Euros zu erhalten.“ Skepsis bleibt trotzdem.

7. Auch der Chef des weltgrößten Hedgefonds Bridgewater, Ray Dalio, ist skeptisch und setzt bei 29 europäischen Unternehmen auf fallende Aktienkurse. Der Wert dieser Short-Positionen beträgt aktuell knapp zehn Milliarden Dollar. Es ist nicht das erste Mal, dass Dalio gegen den europäischen Aktienmarkt wettet. Daraus können Anlegerinnen und Anleger für die aktuelle Situation lernen, zeigt eine Handelsblatt-Analyse. Denn in der Vergangenheit eigneten sich seine Short-Wetten, um ein Ende der Korrektur vorherzusagen. 

8. Italien steckt in einer Regierungskrise – mal wieder. Premierminister Mario Draghi will zurücktreten, aber der Staatspräsident lässt ihn nicht. Die neuen Chaostage in Rom begannen am Donnerstag. Der Senat stimmte über ein milliardenschweres Konjunkturpaket ab. Und eine der größten Regierungsparteien, die Fünf-Sterne-Bewegung, enthielt sich komplett. Draghi sah darin einen Vertrauensentzug. Die Italiener sind solches Durcheinander gewohnt, weiß unser Korrespondent Christian Wermke, aber selten kam es so zur Unzeit: „Italien droht eine monatelange Instabilität, die auch Auswirkungen auf den Rest der Euro-Zone hätte“, kommentiert er. Ein Hoffnungsschimmer: Noch ist Draghi da. 

9. Wer bei den Preisen auf Entspannung hofft, der muss sich in Geduld üben, denn die Rally dürfte sich noch über Jahre fortsetzen. Bis 2024 werden wir in Deutschland einer Studie zufolge deutliche Preissteigerungen durch teures Gas und Öl sehen. Weil diese als Energieträger und Grundstoffe überall gebraucht werden, wirkt sich das auf die gesamte Wirtschaft aus: In fast allen Branchen steigen die Preise noch weiter (siehe Grafik), und ein merklicher Rückgang ist danach nicht zu erwarten.

10. Aus dem einstigen Elektropionier BMW ist nach einigen Fehleinschätzungen in Sachen Strom ein Nachzügler geworden. Unter den zehn meistverkauften Elektroautos in Deutschland sind die Münchener mit keinem einzigen Fahrzeug vertreten. Jetzt plant BMW-Chef Oliver Zipse den Neustart und wir haben exklusive Einblicke in die Entwicklung der „Neuen Klasse“ – den größten Modell-Umbruch seit Jahrzehnten – bekommen. Was das mit einem Sitzungsraum namens „Bonecrusher“ zu tun hat, lesen Sie in unserem großen Freitagstitel.

Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende

Herzlichst
Ihre

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Kirsten Ludowig

Stellvertretende Chefredakteurin Handelsblatt

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