Anbietervergleich: Diese gesetzlichen Krankenkassen bieten viele Zusatzleistungen
Nach dem Beitragssatz interessieren sich viele Versicherte für die Kostenübernahme der Prophylaxe.
Foto: Imago/Westend61Düsseldorf. „Wir sind immer für Sie da und helfen Ihnen vertrauensvoll weiter“ – mit diesem oder ähnlichen Slogans werben Krankenkassen um Kunden. Manche Versicherte nehmen dieses vollmundige Serviceversprechen zu wörtlich. „Wir hatten einen Versicherten, der vom Flughafen aus anrief und darum bat, dass wir ihm noch vor dem Abflug einen Auslandskrankenschein vorbeibringen“, sagt Claudia Berger, Mitarbeiterin einer BKK in Nordrhein-Westfalen, die ihren echten Namen nicht veröffentlicht sehen möchte. „Ich habe ihm dann erklärt, dass unser Service breit gefasst ist, so weit aber doch nicht reicht.“
Im Fall des Falles hoffen und bauen gesetzlich Versicherte auf die freiwilligen Angebote ihrer Krankenkasse. Die überwältigende Mehrheit schaut allerdings in erster Linie auf einen niedrigen Beitragssatz bei der Wahl eines Anbieters. Das ist das Ergebnis einer Studie zur Kundenorientierung gesetzlicher Krankenversicherungen (GKV), die das Deutsche Finanz-Service Institut (DFSI) zusammen mit dem Vergleichsportal Kassensuche exklusiv für das Handelsblatt erstellt hat.
Dazu hat das Kölner Institut mehr als 40.000 Anfragen ausgewertet, die zwischen Juli 2021 und Juni 2022 über das Portal „gesetzlichekrankenkassen.de“ gestellt wurden. Auf dieser Seite von Kassensuche können gesetzlich Versicherte abfragen, welche Zusatzleistungen einzelne Kassen über den gesetzlichen Standard hinaus anbieten. Dafür steht eine Liste von insgesamt 165 Leistungen zur Verfügung.
Dabei hat das DFSI in den 50 von den Versicherten meistnachgefragten Zusatzleistungen untersucht, welche Krankenkassen den höchsten Erfüllungsgrad in Bezug auf die Vorgaben bieten. In der Tabelle sind aus Platzgründen die sieben am häufigsten genannten abgebildet.
Auf Basis der Anfragen hat das DFSI bewertet, welche Krankenkasse sich mit ihrem Leistungsangebot auf die Wünsche ihrer Versicherten besonders gut einstellt. Die Methodik dabei: Je öfter die Besucher der Seite eine bestimmte Zusatzleistung abgefragt haben, desto höher ist der anteilige Punktewert ausgefallen, den Kassen in der Auswertung einsammeln konnten.
Unabhängig von den Zusatzleistungen müssen alle Krankenkassen die im Sozialgesetzbuch festgeschriebenen Leistungen erfüllen. Bei der Hautkrebsvorsorge ist das zum Beispiel eine Früherkennungsuntersuchung ab dem 35. Lebensjahr. Krankenkassen, die diese Untersuchung bereits für jüngere Menschen anbieten, können in der Bewertung damit Punkte sammeln.
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Ein günstiger Beitragssatz in Kombination mit umfangreichen Zusatzleistungen, mit denen Versicherte Gesundheitskosten sparen können, ist möglich. So landet unter den bundesweit geöffneten Kassen die HKK wie bereits im Vorjahr auf Platz eins. Mit einem Beitragssatz von 15,29 Prozent gehört sie derzeit zu den günstigsten Anbietern am Markt. Ganz oben bei den regional geöffneten Kassen steht die IKK Südwest. Platz zwei belegt die Securvita. Im Vergleich zur HKK sind beide Anbieter zwar um 0,81 Prozentpunkte teurer. Dafür bieten sie ein breites Angebot an Zusatzleistungen.
Im Zeitraum der Auswertung lag der Anteil der Anfragen beim Beitragsrechner des Vergleichsportals mit 77,7 Prozent noch einmal über dem Wert des Vorjahres (75,6 Prozent). Dabei liegen die Beitragssätze günstiger und teurer Kassen am Markt vergleichsweise dicht beieinander. Der Unterschied lag in der Spitze bei 1,3 Prozentpunkten. „Da es sich bei der günstigsten und der teuersten Krankenkasse nur um regional geöffnete Kassen handelt, liegt der Unterschied für die meisten Versicherten nur bei rund einem Prozent. Im Ergebnis können gesetzlich Versicherte durch die Wahl einer günstigen Kasse auch bei höherem Gehalt effektiv gar nicht so viel sparen, denn die Hälfte davon übernimmt der Arbeitgeber“, gibt Thomas Lemke, Geschäftsführer des DFSI, zu bedenken.
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Thomas Adolph, Geschäftsführer des Portals „gesetzlichekrankenkassen.de“, beobachtet, dass viele Versicherte unter Umständen die falschen Prioritäten setzen. „Die Besucher unseres Portals suchen interessanterweise ganz überwiegend nach Zahnleistungen und dort nach eher nicht so wertvollen Merkmalen. Die verhältnismäßig kostengünstige professionelle Zahnreinigung zum Beispiel steht seit Jahren an der Spitze der Abfragen“, konstatiert der Kassenexperte. „Das ist bemerkenswert, weil viele Kassen auf anderem Gebiet zum Teil deutlich wertvollere Zusatzleistungen anbieten – etwa Haushaltshilfe nach einem Unfall oder erweiterte häusliche Krankenpflege.“
Den Ernstfall berücksichtigen
Doch die Frage, wer die Versorgung bei Unfall oder schwerer Krankheit übernimmt, schieben viele Menschen erfahrungsgemäß gern beiseite. Dabei kommen im Fall des Falles für notwendige Zusatzleistungen schnell weit mehr als tausend Euro zusammen. Die Kosten einer umfassenden medizinischen Betreuung zum Beispiel bei einer Schwangerschaft oder Vorsorgeuntersuchungen abseits der Regelleistung, dazu Maßnahmen wie Reiseimpfungen und osteopathische Anwendungen summieren sich schnell auf vierstellige Werte. Ein halber oder ganzer Prozentpunkt weniger beim Beitrag gleicht das kaum aus.
Wo einzelne Kassen also einzelne Leistungen im Gegenwert von 300 oder 400 Euro pro Jahr gewähren, zahlen andere gar nichts beziehungsweise bieten nur den gesetzlichen Standard. Der ist in vielen Fällen gut und ausreichend, und hier kann sich Deutschland sehen lassen im Vergleich zu vielen Nachbarländern. Vielleicht ist auch das ein Grund dafür, dass viele Versicherte eher auf den Preis als auf die Zusatzleistungen schauen. „Wer zum Arzt geht oder ins Krankenhaus kommt, erhält mit Vorlage seiner Versichertenkarte die gleiche Versorgung – unabhängig davon, bei welcher Kasse er versichert ist“, sagt Adolph. „Aber viele Zusatzleistungen bieten den Versicherten einen echten Mehrwert.“
Allerdings: Versicherte können sich nicht sicher sein, dass ihnen Mehrleistungen, die sie heute bekommen, auch in fünf Monaten noch zustehen. Zum Jahreswechsel nämlich werden viele Kassen aller Wahrscheinlichkeit nach an ihren Beitragssätzen schrauben müssen. „Nicht jede Zusatzleistung wird dann noch finanzierbar sein“, prognostiziert Experte Adolph. „Aus der Vergangenheit wissen wir aber, dass die meisten Anbieter auf eine Jo-Jo-Strategie verzichten und eher mit stabilen Leistungen versuchen, ihre Mitglieder bei der Stange zu halten.“