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Wendepunkte des KriegesWie Putin in der Ukraine mit allen seinen Zielen gescheitert ist

Seit einem halben Jahr führt Russland einen brutalen Angriffskrieg. Wann fanden die entscheidenden Schlachten statt? Und wie geht es weiter? Eine Übersicht.Benjamin Reuter 24.08.2022 - 13:57 Uhr Quelle: TagesspiegelArtikel anhören

Seit einem halben Jahr führt Russland gegen die Ukraine Krieg.

Foto: dpa

Berlin. Lebt Selenski noch? In den ersten Tagen nach dem 24. Februar war das für viele die erste Frage, die sie sich jeden Morgen nach dem Aufwachen stellten. Und sie war nicht unberechtigt. Lautete doch eines der Kriegsziele Putins, die Regierung in Kiew zu stürzen, den Präsidenten zu entführen oder ihn notfalls umzubringen. Gruppen von Attentätern wurden wohl schon vor Kriegsbeginn in die ukrainische Hauptstadt eingeschleust.

Wie sich einige Monate später herausstellte, kamen Moskaus Spezialeinheiten diesem Ziel näher, als die Öffentlichkeit damals erfuhr. In den ersten Kriegstagen fanden Schusswechsel in unmittelbarer Nähe des Präsidialamtes statt. Wolodimir Selenski bekam laut dem „Time“- Magazin von seinen Personenschützern ein Gewehr in die Hand gedrückt, um sich im Notfall verteidigen zu können. Er musste davon keinen Gebrauch machen. Verstecken wollte er sich auch nicht.

Am Abend des 25. Februar hatte Selenski mit seinen Beratern und wichtigsten Ministern vor dem Präsidialamt in der Bankowa-Straße ein 33-sekündiges Selfie-Video aufgenommen, das der Welt endgültig zeigen sollte: Er würde bleiben und mit ihm die Ukraine als unabhängiger Staat.

Die russische Offensive auf Kiew, die zusammen mit Vorstößen im Osten und Süden des Landes begonnen hatte, scheiterte einige Wochen später.

Der Plan Moskaus läuft schon am Anfang fehl

Die Fehler, die die russischen Truppen zu Kriegsbeginn machten, wirken bis heute nach. So gelang es ihnen in den ersten Stunden nicht, die ukrainische Luftwaffe und Luftverteidigung gänzlich auszuschalten. Die Ukrainer hatten das meiste Gerät in Erwartung eines Angriffs schon verlegt. Bis heute haben es die Russen deshalb nicht geschafft, die Hoheit über den ukrainischen Luftraum zu gewinnen – eine zentrale Voraussetzung in modernen Kriegen für erfolgreiche Offensiven.

Der Antonow-Flughafen in Hostomel steht in Flammen.

Foto: Maxar Technologies via AP/dpa

Der Plan Moskaus sah vor, in den ersten Stunden des Krieges den Flughafen in Hostomel in der unmittelbaren Nähe Kiews zu besetzen. Er ist groß genug, um mit Transportmaschinen massenweise Truppen und Gerät einzufliegen. 18 dieser Maschinen, so die Informationen des ukrainischen Geheimdienstes, sollten in Hostomel landen. Dann sollte der Sturm auf Kiew beginnen.

Tatsächlich eroberten die Russen mit Hubschraubern und Spezialeinheiten am 24. Februar den Flughafen. Die Videos von den Kämpfen, die der CNN-Reporter Matthew Chance live sendete, gingen um die Welt.

Doch die geplante Verstärkung für die russischen Truppen traf nie ein. Das war vor allem zwei ukrainischen Spezialeinheiten zu verdanken, die in den Folgetagen den Flughafen angriffen und die Landung der großen Flugzeuge zu riskant werden ließen.

Moskau setzte auf Plan B: Ein Dutzende Kilometer langer Konvoi aus Belarus sollte die Truppen über den Landweg in Richtung Kiew schaffen. Der aber blieb wegen schlechter Planung als großer Stau vor den Toren der Hauptstadt stecken und wurde zu einem Symbol der chaotischen russischen Kriegsführung.

Die Satellitenaufnahme zeigt einen Konvoi russischer Militärfahrzeuge am 27. Februar nahe Kiew.

Foto: AFP Satellite image 2022 Maxar Technologies

Nach mehr als vier Wochen erbitterter Kämpfe fiel der Flughafen in Hostomel wieder an die Ukraine. Es war der Beginn eines in weiten Teilen überstürzten Abzugs der russischen Truppen aus dem Norden der Ukraine. Bis jetzt hat sich Putins Armee von diesen Verlusten nicht erholt.

Zwei Städte in der Nähe des Flughafens wurden Anfang April zur Chiffre der bestialischen russischen Kriegsführung: Irpin und Butscha. Erst Anfang August beendeten ukrainische Ermittler ihre Suche nach Verstorbenen in Butscha. Das Ergebnis: Knapp 460 Leichen sind gefunden worden. 419 wurden erschossen, totgeschlagen oder zu Tode gefoltert. Nach Butscha, so sagte es die Regierung in Kiew, seien Verhandlungen mit Russland unmöglich geworden.

Es folgt die sinnlose Verwüstung

Moskau stellte den Abzug als Geste des guten Willens dar, nur um dann eine noch brutalere Kampagne im Osten der Ukraine zu beginnen. Mit der Offensive im Donbass startete im April auch die zweite Phase des Krieges. Offiziell verkündete der Kreml nun, sein einziges und eigentliches Kriegsziel sei die vollständige Eroberung der schon seit 2014 umkämpften Gebiete Luhansk und Donezk.

Eine Frau geht auf einer Straße mit zerstörten russischen Militärfahrzeugen.

Foto: Rodrigo Abd AP dpa (3.4.)

Allerdings gehen westliche Geheimdienste davon aus, dass Putin nichts an seinen ursprünglichen Kriegszielen geändert hat: Ein russlandfreundliches Regime in Kiew zu installieren und nur ganz im Westen des Landes einen kleinen, unabhängigen Rumpfstaat übrig zu lassen.

Aber auch im Donbass, wo nun der Großteil der russischen Truppen und Artillerie versammelt war, verwehrten die Ukrainer Putin den Erfolg. Mehrere Versuche scheiterten, große Kontingente ukrainischer Streitkräfte einzukesseln.

Tausende Tote und kein Erfolg

Fortan verlegten sich die russischen Truppen darauf, mit ihrer Artillerie ganze Landstriche zu verwüsten und die ukrainischen Verteidiger zurückzudrängen statt zu umschließen und sie zur Aufgabe zu zwingen. Mehr als 20.000 Artilleriegeschosse sollen die Russen pro Tag im Donbass abgefeuert haben. Den Ukrainern fehlte es über Wochen an Munition und Artillerie, um den Beschuss zu erwidern.

Nachdem der erste Teil des Krieges vor allem der russischen Armee hohe Verluste beibrachte, wurden ukrainische Truppen bei der Verteidigung des Donbass aufgerieben. Hunderte Tote und mehrere hundert Verletzte beklagten die Ukrainer an einigen Tagen.

Ukrainischer Soldat in der Region Donezk.

Foto: REUTERS Serhii Nuzhnenko

In den sechs Monaten seit Kriegsbeginn sollen laut Angaben aus Kiew 9000 ukrainische Soldaten gestorben sein. Zum Vergleich: In den acht Jahren von 2014 bis 2022 verloren rund 4400 ukrainische Soldaten bei Kämpfen im Osten des Landes ihr Leben. Auf russischer Seite könnten bisher 50.000 bis 80.000 Soldaten getötet und schwer verwundet worden sein, schätzen westliche Experten. Wie vieles in diesem Krieg sind diese Zahlen nicht endgültig zu verifizieren.

Bis heute hat Moskau nicht den gesamten Donbass erobert. Als größter Erfolg steht der Einmarsch in die Zwillingsstädte Sjewjerodonezk und Lyssytschansk im Juni. Seitdem schafften es Putins Truppen nur noch an wenigen Stellen vorzurücken.

Ein symbolträchtiger Erfolg blieb Putin allerdings von der Offensive im Osten: die vollständige Eroberung der Hafenstadt Mariupol. Mehr als tausend Kämpfer hatten zusammen mit einigen hundert Zivilisten über Wochen im Asow-Stahlwerk ausgeharrt, während von oben tonnenschwere Bomben fielen. Erst Ende Mai ergaben sich die letzten. Ihnen soll nun der Prozess vor russischen Gerichten gemacht werden, die Todesstrafe droht.

Ukrainische Soldaten verlassen das Asov-Stahlwerk in Mariupol.

Foto: IMAGO/SNA

Die Stadt Mariupol gleicht nach den wochenlangen Kämpfen einer Steinwüste. Bauarbeiter haben im Auftrag Moskaus begonnen, ganze Straßenzüge mit Baggern zu planieren. Die Verbrechen hier werden, anders als in Butscha, vielleicht nie dokumentiert werden.

Spur der Zerstörung. Blick auf das Stahlwerk von Mariupol.

Foto: IMAGO/Cover-Images

Die Himars-Wende

Den Start der dritten Phase des Krieges markiert ein Tweet. Am 23. Juni verkündete der ukrainische Verteidigungsminister Oleksij Resnikow auf dem Kurznachrichtendienst, dass die ersten Himars-Raketenwerfer aus den USA eingetroffen seien. Sie schießen über 80 Kilometer weit und auf den Punkt genau, ihre Raketen sind für die russische Luftabwehr nicht abzufangen.

Ein Himars-System im Einsatz in der Ukraine.

Foto: VIA PAVLO NAROZHNYY via REUTERS

Die westlichen Waffensysteme ermöglichen es der Ukraine seither, Ziele weit hinter den russischen Linien anzugreifen. Dutzende Munitionslager, Kommandoposten und Armee-Unterkünfte wurden von den Raketen zerstört. Der Artilleriebeschuss der russischen Truppen auf ukrainische Stellungen ging in der Folge deutlich zurück.

Verunsicherung versucht Kiew auch mit Anschlägen auf Separatisten und Spezialeinheiten und Angriffen mit eigenen Raketensystemen und Drohnen bis auf die Krim zu schaffen. Bis vor wenigen Tagen noch für viele Russen ein Urlaubsparadies, ist die seit 2014 von Moskau besetzte Halbinsel nun Kriegsgebiet.

Und jetzt?

So haben es die Ukrainer in den vergangenen Wochen geschafft, das Heft des Handelns zu übernehmen. Das Kalkül: Die russischen Truppen solange zu zermürben, bis ihre Positionen unhaltbar werden und sie sich zurückziehen.

Mehr Handelsblatt-Artikel zum Ukraine-Krieg:

Auf der Schlangeninsel hat die Ukraine das im Kleinen schon geschafft. Russland verlor wegen der weitreichenden westlichen Waffen die sicheren Nachschubwege. Ende Juni flohen die russischen Truppen von der Insel. Einen Sicherheitsabstand zur ukrainischen Küste hatte die russische Schwarzmeerflotte schon seit Mitte April gehalten, als die Ukrainer den Kreuzer „Moskwa“ versenkt hatten.

Ende Juni flohen die russischen Truppen von der Insel.

Foto: dpa
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In der von Russland besetzten Region Cherson im Süden soll diese Strategie als nächstes greifen. Bis Ende des Jahres soll das Gebiet zurückerobert sein, im nächsten Frühjahr sollen Putins Truppen laut Kiew dann aus dem ganzen Land vertrieben sein. Die Voraussetzung, das wird Kiew nicht müde zu betonen: dass der Westen weiter Waffen liefert.

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