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  4. Inflation: Von Thatcher, Reagan, Truss und den Rezepten eines Gescheiterten

Globale TrendsDer Kampf gegen die Inflation: Von Thatcher oder Reagan lernen

Großbritanniens voraussichtlich neue Premierministerin eifert großen Vorbildern nach. Ihre Pläne gleichen aber eher den Rezepten eines Gescheiterten.Torsten Riecke 05.09.2022 - 10:47 Uhr Artikel anhören

Handelsblatt-International-Correspondent Torsten Riecke analysiert jede Woche in seiner Kolumne interessante Daten und Trends aus aller Welt. Sie erreichen ihn unter riecke@handelsblatt.com

Foto: Klawe Rzeczy

London. Mit Vorbildern ist das so eine Sache: Erst verehrt man sie, und dann verfolgen sie einen. „Es ist ziemlich frustrierend, dass weibliche Politiker immer mit Margaret Thatcher verglichen werden, während männliche Politiker nicht mit Ted Heath konkurrieren müssen“, lamentierte kürzlich Liz Truss – schließlich steht die voraussichtlich neue Premierministerin Großbritanniens stets im Schatten der Tory-Ikone.

„Be careful what you wish for“, kann man da nur sagen. Der konservative Premier Edward „Ted“ Heath versuchte 1973 mit Steuersenkungen die horrende Inflation zu bekämpfen, die damals wie heute bei etwa zehn Prozent lag. Das Ergebnis war fatal: Heath konnte weder die Rezession noch die Teuerung stoppen, musste ein Jahr später zurücktreten, und seine Tories verloren die nächsten Wahlen.

Dennoch will Truss die aktuelle Stagflation – eine Kombination aus wirtschaftlicher Stagnation und Inflation – in Großbritannien mit dem Rezept von Ted Heath bekämpfen, sollte sie das Rennen um die Nachfolge von Boris Johnson gewinnen.

Die aktuelle Lage heute ähnelt durchaus der Krise in den 1970er-Jahren. Nicht nur ist die Inflationsrate erneut zweistellig, auch eine Rezession gilt als sicher.

Paul Johnson, Direktor des angesehenen Institute for Fiscal Studies (IFS) in London, zieht ebenfalls Parallelen zur damaligen Zeit: „Steuersenkungen und ein wachsendes Defizit angesichts der hohen Inflation erinnern deutlich an Ted Heath im Jahr 1973“, twitterte der Ökonom und legte noch eins drauf: Mit Thatcher hätten die Pläne der Möchtegern-Premierministerin Truss jedenfalls nichts zu tun.

Ganz stimmt das nicht. Auch die Eiserne Lady senkte bei ihrem Amtsantritt 1979 die Steuern. Richtig aber ist, dass sie die Steuerschraube 1981 wieder anzog, um neben der Inflation die ausufernden Staatsdefizite in den Griff zu bekommen. Zwar verspricht Truss, dass ihre Steuerpläne den Abbau der Defizitquote innerhalb der nächsten drei Jahre nicht gefährden würden. Ihre Rechnung wurde jedoch von dem wachsenden Finanzbedarf zur Bekämpfung der Energiekrise überholt.

Notenbank sollte zuerst die Inflation bekämpfen

Folgt man dem ökonomischen Lehrbuch, scheint Truss auf den ersten Blick zwar die besseren Argumente zu haben: Wenn die Konjunktur einbricht, sollte der Staat Bürgern und Unternehmen nicht in die Tasche greifen, sondern sie entlasten. Nur dann, so argumentiert Truss, könne die Wirtschaft wieder wachsen. Da die aktuelle Krise die Briten jedoch wie ein Doppelschlag aus Rezession und Inflation trifft, ist die Sache komplizierter.

Die konservative Politikerin plant Steuersenkungen.

Foto: AP

Die Erfahrung lehrt, dass Notenbanker und Politiker in einer Stagflation zunächst die Inflation stoppen müssen, bevor sie sich um eine konjunkturelle Erholung kümmern können. Selbst der frühere US-Präsident Ronald Reagan, der die Wirtschaft ebenfalls mit Steuersenkungen aus dem Schlamassel ziehen wollte, überließ die „Drecksarbeit“ der Inflationsbekämpfung seinem Notenbankchef Paul Volcker. Der konterte zweistelligen Inflationsraten mit zweistelligen Leitzinsen.

Auch Thatcher und die damals politisch noch nicht unabhängige Bank of England folgten diesem Rezept und bekamen damit die Inflation wieder unter Kontrolle.

Es war Gordon Brown, der als Labour-Finanzminister die Notenbank 1997 in die Unabhängigkeit entließ und so dafür sorgte, dass die Inflation in Großbritannien seitdem im Durchschnitt ziemlich genau dem Zielwert der Währungshüter von zwei Prozent entsprach. Erst der Krieg des russischen Präsidenten Wladimir Putin und der dadurch ausgelöste Energiepreisschock haben die Bilanz der Notenbanker ruiniert.

Bank of England muss um ihre Unabhängigkeit fürchten

Dass Truss heute über „Gordon-Brown-Economics“ spottet, zeugt von einem selektiven Erinnerungsvermögen. Zwar ist es ihr gutes Recht, zu fragen, was denn da in der Bank of England schiefgelaufen ist, sollte sie am Dienstag in Downing Street Nummer 10 einziehen. Aber die Notenbank erneut an die politische Leine zu nehmen wird die Inflation kaum bändigen.

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Eines hat die neue „Eiserne Lady“ allerdings doch mit ihrem berühmten Vorbild gemeinsam: Truss glaubt wie Thatcher an einen kleinen Staat. Jede Zeit sucht sich ihre politischen Führer, heißt es. Während die Tory-Ikone mit ihrer „Revolution“ den Zeitgeist traf und weit über Großbritannien hinaus die Wirtschaftspolitik veränderte, könnte Truss am falschen Timing scheitern. Sieht es doch angesichts von Energienotstand, geopolitischen Konflikten und Klimakrise eher danach aus, als würde der Staat mehr denn je gebraucht.

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