Verbraucherpreise: Inflation in Großbritannien steigt auf über zehn Prozent
Der Gouverneur der Bank of England steht zusehends im Kreuzfeuer der Politik.
Foto: ReutersLondon. Die Inflation in Großbritannien ist im Juli zum ersten Mal seit 40 Jahren wieder zweistellig gestiegen. Gegenüber dem Vorjahr kletterten die Verbraucherpreise um 10,1 Prozent, teilte die nationale Statistikbehörde ONS mit. Im Juni waren es noch 9,4 Prozent.
Neben den hohen Energiekosten wurde die Inflation im Sommer vor allem durch steigende Lebensmittelpreise nach oben getrieben. Nahrungsmittel sind fast 13 Prozent teurer als vor einem Jahr.
Der erneute Inflationsschub setzt sowohl die Bank of England (BoE) als auch den nächsten Premierminister unter enormen Handlungsdruck. An den Finanzmärkten wird bereits darauf gewettet, dass die britische Notenbank bei ihrer nächsten Sitzung im September die Leitzinsen erneut um 50 Basispunkte erhöhen wird. Der frühere Notenbanker Andrew Sentance rechnet damit, dass die Zinsen in Großbritannien bis zum Jahresende auf bis zu vier Prozent steigen könnten. Im Moment liegt das Zinsniveau bei 1,75 Prozent.
Die BoE hatte erst Anfang Juni die Zinsmarke um einen halben Prozentpunkt nach oben geschraubt, um die Inflation unter Kontrolle zu bekommen. Zugleich sagte die Notenbank eine Rezession voraus, die bis Anfang 2024 dauern könnte.
Die Zentralbanker rechnen damit, dass die Verbraucherpreise in den kommenden Monaten weiter steigen und bei etwa 13 Prozent ihren Höhepunkt erreichen. Das Inflationsziel der Notenbank liegt bei zwei Prozent. Grund für die wachsende Diskrepanz ist vor allem einer erneuter Schub im Oktober, wenn die staatlich regulierten Preise für Gas und Strom noch einmal erhöht werden. James Smith, Ökonom bei der niederländischen Großbank ING, rechnet damit, dass die Energierechnungen für einen britischen Durchschnittshaushalt von derzeit rund 2000 Pfund bis April 2023 auf etwa 5000 Pfund steigen könnten.
Konservative Politiker werfen dem Notenbankchef Andrew Bailey Versagen im Kampf gegen die Inflation vor und fordern, das Mandat der Zentralbank zu überprüfen. Bailey wiederum macht für den Inflationsschub vor allem globale Faktoren wie die Lieferengpässe nach der Pandemie und den Krieg in der Ukraine verantwortlich. Dagegen sei die Bank of England machtlos.
Auch bei Dienstleistungen zeigt sich die Preissteigerung
Tatsächlich werden die Preissteigerungen zu mehr als der Hälfte von steigenden Energie- und Lebensmittelkosten getrieben. Der starke Preisanstieg in Restaurants und Hotels zeigt jedoch, dass sich die Inflation auch im Dienstleistungsbereich festsetzt.
Auf den nächsten Premierminister wächst unterdessen der Druck, die stark steigenden Lebenshaltungskosten durch staatliche Hilfen zu mindern. Liz Truss, die Favoritin auf den Vorsitz der Konservativen Partei und damit auf den Einzug in den Regierungssitz 10 Downing Street, weigert sich jedoch bislang, den notleidenden Briten mit direkten Finanzhilfen unter die Arme zu greifen. Die amtierende Außenministerin setzt stattdessen auf Steuersenkungen.
Bis zum 5. September wollen die Tories den Nachfolger von Boris Johnson bestimmen. Oppositionsführer Keir Starmer von der Labour-Partei hatte am Montag einen Preisstopp für Energie gefordert.
„Es wird einen Nothaushalt geben“, kündigte Sajid Javid an. Der frühere Finanzminister unterstützt Truss und wollte auch kurzfristige Hilfen für einkommensschwache Familien nicht ausschließen.
Lediglich die Preise für Kleidung und Schuhe sanken im Monatsvergleich.
Foto: APDie Johnson-Regierung hatte im Mai Nothilfen von rund 15 Milliarden Pfund (etwa 17,7 Milliarden Euro) beschlossen. Das renommierte Institut for Fiscal Studies (IFS) in London hat ausgerechnet, dass weitere zwölf Milliarden Pfund notwendig wären, um die Hilfsversprechen zu erfüllen.
Der Grund: Die Inflation hat die Not weiter vergrößert. Der wachsende Finanzbedarf könnte auch den gerade konsolidierten Staatshaushalt wieder in eine Schieflage bringen.
„Wir haben die Inflationsrisiken viel zu spät erkannt“, sagte Stuart Rose, der ehemalige Chef des Handelskonzerns Marks & Spencer, dem Radiosender BBC. Der Topmanager kritisierte das politische Führungsvakuum in London: „Wir können nicht auf einen Nothaushalt im Dezember warten, wir müssen jetzt etwas tun.“
Er widersprach dem Plan von Truss, die Inflation durch eine angebotsseitige Wachstumspolitik zu bekämpfen. „Wir können nicht aus der Inflation herauswachsen. Man muss das Übel zuerst killen.“ Dabei werde es nicht immer fair zugehen können.
Inflation drückt Reallöhne auf niedrigsten Stand seit 20 Jahren
Wie unfair die Inflation ist, zeigt sich auf dem britischen Arbeitsmarkt. Dort sind die Reallöhne im zweiten Quartal nach Angaben des ONS um drei Prozent gesunken, der stärkste Rückgang seit 20 Jahren. Und das, obwohl die nominalen Lohnsteigerungen mit durchschnittlich fast fünf Prozent deutlich über dem Niveau liegen, das mit dem Inflationsziel der Notenbanker vereinbar ist.
Grund dafür ist, dass die weitaus höhere Inflationsrate die Lohnsteigerungen zunichte und die Arbeitnehmer ärmer macht. Diese reagieren darauf mit höheren Lohnforderungen und Streiks. Da die Arbeitslosigkeit in Großbritannien mit 3,8 Prozent immer noch nahe dem historischen Tiefstand liegt und fast 1,3 Millionen Stellen unbesetzt sind, haben die Gewerkschaften gute Chancen ihre Forderungen auch durchzusetzen.
„Die Gefahr ist, dass die hohen Lohnsteigerungen die Inflation weiter anheizen“, warnte Sentance, der heute als Ökonom die Denkfabrik Cambridge Econometrics berät. Die BoE habe viel zu spät reagiert und laufe jetzt der Entwicklung hinterher.
„Etwas ist schiefgelaufen“, kritisierte kürzlich auch Wirtschaftsminister Kwasi Kwarteng die Bank of England. Der Truss-Anhänger wird als nächster Finanzminister gehandelt und hätte dann direkten Zugriff auf die Notenbank.
Anders als etwa bei der EZB setzt in Großbritannien die Regierung das Inflationsziel. Das gäbe der neuen Regierung die Möglichkeit, die Unabhängigkeit der Notenbank einzuschränken und stärker Einfluss auf ihre Geldpolitik zu nehmen.