Neuwahlen: Wo Italiens Wirtschaft besser abschneidet als Deutschland oder Frankreich
Italiens Ökonomie wächst derzeit schneller als die Euro-Zone.
Foto: Bloomberg/Getty ImagesVatikanstadt. Für sein Jahrestreffen hat Italiens Industrieverband einen ganz besonderen Ort ausgewählt: die Vatikanische Audienzhalle, mitten im Kirchenstaat, eine riesige Jesusskulptur ragt über die Marmorbühne. „Unsere Wirtschaft läuft besser als die unserer deutschen und französischen Freunde“, sagt Confindustria-Chef Carlo Bonomi. Aber es gebe auch viele Unsicherheiten: Pandemie, Ukrainekrieg, Energiesicherheit, die „Rückkehr nationalistischer Sirenen“.
Dann kommt der Papst in den Saal, spricht zu den mehr als 4000 Unternehmerinnen und Firmenchefs. Franziskus lobt sie als „wesentliche Komponente“ für den Aufbau des Gemeinwohls, als „Motor für Entwicklung und Wohlstand“. Es scheint fast, als bräuchte Italiens Wirtschaft gerade den himmlischen Beistand – angesichts von hochschnellender Inflation, explodierenden Energiepreisen und einer drohenden Rezession.
Hinzu kommt die ungewisse politische Lage: In anderthalb Wochen wird in Rom ein neues Parlament gewählt. Aktuellen Umfragen zufolge könnte dann ein rechtes Bündnis die Regierung bilden, mit Giorgia Meloni an der Spitze, der Chefin der postfaschistischen Fratelli d’Italia. Dazu kämen die rechte Lega und die Mitte-rechts-Partei Forza Italia von Ex-Premier Silvio Berlusconi.
Italiens Exporte sind längst über dem Vor-Corona-Niveau
Dabei gibt es bei allen Zweifeln viele Indikatoren, die derzeit für Italien sprechen: Die Wirtschaft wächst stärker als im Rest der Euro-Zone. Im zweiten Quartal ist das Bruttoinlandsprodukt um 1,1 Prozent angestiegen, im Vergleich zum Vorjahresquartal sind es sogar 4,7 Prozent. Sowohl die Industrie als auch der Dienstleistungssektor haben stark dazugewonnen.
Der Ökonom Lorenzo Codogno glaubt, dass Italien dadurch eine ausgewachsene Rezession vermeiden kann. „Die italienische Wirtschaft hat sich im zweiten Quartal besser entwickelt als erwartet“, sagt er. Das liege zum einen an der soliden Haushaltspolitik der Regierung und den Milliardengeldern des EU-Wiederaufbaufonds. „Aber auch an einem Anstieg privater Investitionen und einem Boom im Tourismus.“
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Auch die Handelsbilanz spricht für die drittgrößte Volkswirtschaft der Euro-Zone: Im ersten Halbjahr lag der Wert der exportierten Waren um 22 Prozent über dem Vorjahreszeitraum, auch getrieben durch die Preissteigerungen. Während das Geschäft mit Russland zurückgegangen ist, stiegen die Exporte in die Türkei, nach Belgien und in die USA um rund ein Drittel an. Zum Vergleich: Deutschland hat Waren im Wert von 39,5 Milliarden Euro aus Italien importiert, ein Plus von 18 Prozent.
Die Arbeitslosenquote ist zuletzt weiter gefallen auf nun 7,9 Prozent. Im Vergleich zum Juli 2021 haben weitere 463.000 Menschen einen Job gefunden. Das italienische Statistikamt Istat erwartet, dass die Wirtschaft in diesem Jahr um 3,5 Prozent wächst.
Und selbst beim Thema Energie steht Italien besser da als etwa Deutschland: Die Gasspeicher sind zu rund 84 Prozent gefüllt. Durch neue Energieabkommen, etwa mit Algerien oder Katar, konnte die Abhängigkeit von russischem Erdgas rapide heruntergefahren werden. Am Wochenende hat die Regierung zudem beschlossen, die nationale Gasproduktion zu verdoppeln.
Confindustria-Präsident Carlo Bonomi bedankt sich bei Papst Franziskus für dessen Rede.
Foto: APDerzeit geht man in Rom nicht davon aus, dass im Winter Betriebe abgeschaltet werden müssen. „Wenn es keine Gasrationierung für die Produktionsbetriebe gibt, könnte Italien weiterhin die Euro-Zone übertreffen“, meint Codogno. Auch für das Jahr 2023 wird daher noch ein BIP-Wachstum von 1,1 Prozent vorhergesagt. Trotzdem warnt Confindustria-Chef Bonomi: „Wenn wir die Unternehmen stoppen müssen, sind Tausende Arbeitsplätze und Familien in Gefahr.“
Die Energiekrise trifft alle Betriebe hart. Egal, in welchen Sektor man schaue: „Die Gasrechnungen haben sich innerhalb eines Jahrs vervierfacht“, so Bonomi. Schon heute gebe es vorübergehende Stilllegungen, in einigen Unternehmen würden zwangsweise Produktionszeiten angepasst. Confesercenti, der Verband der Selbstständigen, erwartet Strom- und Gasrechnungen in Höhe von elf Milliarden Euro in den kommenden zwölf Monaten für die kleineren Betriebe. Rund 90.000 Unternehmen seien daher von der Pleite bedroht, mahnt der Verband. Auch der Unternehmensverband Confcommercio warnte jüngst davor, dass 120.000 Firmen akut bedroht seien.
Firmen hoffen auf Wiederaufbaufonds
„Es ist wichtig, dass die neue Regierung den Plan des Wiederaufbaufonds weiterführt. Das ist fundamental für die Unternehmen, vor allem im Süden“, sagt Francesco de Stefano, dem eine Logistikfirma in Neapel gehört. „Ein paar Zweifel gibt es daran.“ Immerhin habe es zwölf Jahre lang keine Mitte-rechts-Regierung mehr in Italien gegeben.
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„Die Wahl macht mir keine Angst, das ist der Ausdruck von Demokratie“, sagt hingegen Andrea Piantini, Chef des Industrieverbands für Schiffsmechanik. „Angst habe ich nur vor einem Wahlausgang, bei dem eine Mehrheit herauskommt, die es nicht schafft zu regieren.“
Was fast alle Wahlprogramme eint, sind Steuerentlastungen. „Im Wahlkampf sind offenbar alle damit einverstanden, wir fordern das schon seit Jahren“, sagt Confindustria-Chef Bonomi. Die Frage sei nur, ob nach der Wahl tatsächlich etwas passiere. Die hohe Staatsverschuldung sieht Bonomi nicht als großes Problem, solange das Wachstum stimme.
Generell hinterfragt er aber, was all die Schulden in den vergangenen Jahren gebracht haben. „Wir haben uns in zehn Jahren um 800 Milliarden Euro mehr verschuldet. Haben wir damit die Probleme Italiens gelöst? Nein.“