Arzneimittel: Bayer, Boehringer, Merck: Deutsche Pharmariesen kämpfen um den Anschluss
Um seine Position in der Branche zu halten, braucht der Konzern mittelfristig weitere Zulassungen aus neu gestarteten Forschungsprojekten und Allianzen.
Frankfurt. Mit dem Riesenerfolg in der Covid-Impfstoff-Entwicklung ist die Mainzer Biotechfirma Biontech auf einen Schlag unter die größten deutschen Pharmahersteller aufgestiegen. Auch global gesehen rangiert der Newcomer im Mittelfeld der Branche.
Das Trio der etablierten deutschen Konzerne Bayer, Boehringer Ingelheim und Merck dagegen hat sich in den vergangenen Jahren schwergetan, seine internationale Position zu halten. Gemessen an den Umsätzen der Branche, wie sie von der britischen Analysefirma Evaluate Pharma oder dem Marktforschungsunternehmen Iqvia geschätzt werden, hat es zuletzt leicht an Marktanteil verloren. In Summe bestritten die Firmen 2021 noch etwa 4,5 Prozent der globalen Pharmaerlöse, etwa 0,5 Prozentpunkte weniger als 2017.
Bayer ist als globale Nummer 16 der größte deutsche Pharmahersteller. Doch der Rückstand zu den führenden Konzernen ist auch durch Großfusionen gewachsen. Lag Bayer Anfang des vergangenen Jahrzehnts umsatzmäßig noch etwa sechs Milliarden Dollar hinter der Nummer zehn der Branche zurück, beträgt dieser Abstand inzwischen fast zwölf Milliarden Dollar.
Pharmakonzerne schließen Allianzen für neue Krebstherapien
Die Firmen investieren daher in neue Allianzen, um ihre Forschungsprogramme und längerfristigen Perspektiven zu stärken. Den jüngsten Deal vereinbarte kurz vor Weihnachten Merck mit Mersana Therapeutics. Der Darmstädter Dax-Konzern will in der Partnerschaft mit dem US-Biotechunternehmen zwei neuartige Krebsmedikamente auf Basis sogenannter Antikörper-Wirkstoff-Konjugate entwickeln.
Ziel ist es dabei, Antikörper mit einer immunstimulierenden Substanz zu kombinieren und gezielt auf das Tumorgewebe auszurichten. Merck zahlt für die Kooperation 30 Millionen Dollar direkt an Mersana und hat darüber hinaus erfolgsabhängige Zahlungen von bis zu 800 Millionen Dollar zugesagt.
Wenige Tage zuvor erweiterte Boehringer eine bestehende Allianz mit der US-Firma Click Therapeutics, die das Ziel verfolgt, digitale, App-basierte Therapien gegen Schizophrenie zu entwickeln. Der neue Deal umfasst Meilensteinzahlungen von bis zu 460 Millionen Dollar, zusätzlich zu potenziellen Zahlungen von bis zu 500 Millionen Dollar, die Boehringer bereits im September zugesagt hatte.
Bayer wiederum besiegelte Mitte Oktober über die Tochterfirma Vividion eine Partnerschaft mit Tavros Therapeutics, ebenfalls aus den USA, für die Entwicklung neuartiger Krebstherapien. Bayer zahlte in diesem Fall 17 Millionen Dollar direkt an Tavros, die Meilensteinzahlungen im Erfolgsfall können mehr als 900 Millionen Dollar erreichen.
In den beiden Jahren zuvor hatte Bayer bereits gut zwei Dutzend solcher Partnerschaften und kleinere Akquisitionen abgeschlossen. Die Leverkusener erwarben dabei unter anderem den Wirkstoffspezialisten Vividion und bauten die Forschung im Bereich der Gen- und Zelltherapien stark aus.
Begrenzte Risikobereitschaft
Die neuen Allianzen stehen beispielhaft für die Strategien der drei großen deutschen Pharmakonzerne bei Forschung und Entwicklung. Während etwa der US-Konzern Amgen für 28 Milliarden Dollar zukauft, setzen sie schwerpunktmäßig auf kleinere Übernahmen und Allianzen, die vergleichsweise niedrige direkte Zahlungen, aber zum Teil umfangreiche Erfolgsprämien umfassen.
Dieses Vorgehen bietet den großen Vorteil, dass sich die finanziellen Risiken in Grenzen halten. Andererseits geht es überwiegend um Projekte, die sich zum Teil noch in präklinischen Forschungsphasen befinden. Bis das Potenzial daraus in der Bilanz sichtbar wird, dürften in den meisten Fällen noch Jahre vergehen. Auf das operative Geschäft haben die Deals vorerst kaum Einfluss.
In dieser Hinsicht zeigt sich aktuell ein zwiespältiges Bild. Die führenden deutschen Pharmakonzerne entwickeln sich zwar solide, können mit der globalen Marktentwicklung aber nicht ganz Schritt halten. Auch im laufenden Jahr dürften die drei Unternehmen insgesamt nochmals an Marktanteil verlieren. Denn auf globaler Ebene erhält die Pharmabranche unter anderem nochmals Schub durch hohe Covidumsätze.
Auf Dollar-Basis wiesen die führenden 30 Unternehmen der Branche für die ersten neun Monate ein aggregiertes Umsatzwachstum von gut sechs Prozent aus. Bereinigt um die starke Aufwertung des Dollars dürfte sich das reale Branchenwachstum in den ersten drei Quartalen bei etwa elf Prozent bewegen.
Patentabläufe bremsen Wachstumsperspektiven
Am Covidgeschäft ist auf deutscher Seite nur der Aufsteiger Biontech beteiligt. Die etablierten deutschen Pharmariesen dagegen sind auf diesem Feld – anders als etwa Pfizer, Merck & Co, Astra-Zeneca und Glaxo-Smithkline – nicht vertreten. Sie verbuchten auf Dollar-Basis insgesamt nur stagnierende Erlöse. Währungsbereinigt sind sie in den ersten neun Monaten im Schnitt immerhin um gut sechs Prozent gewachsen.
Dabei legte Boehringer mit plus 11,8 Prozent im ersten Halbjahr deutlich stärker zu als Bayer und Merck. Der nicht börsennotierte deutsche Pharmakonzern profitiert aktuell vor allem vom starken Geschäft mit dem Diabetesmittel Jardiance, das in mehreren großen Studien auch positive Wirkung gegen Herzinsuffizienz und Nierenversagen zeigte.
Darüber hinaus verbucht Boehringer hohe und steigende Lizenzeinnahmen mit dem Schuppenflechte-Medikament Skyrizi, das der US-Konzern Abbvie vertreibt. Auf der anderen Seite schrumpfen die Erlöse bei Altprodukten wie dem Atemwegsmedikament Spiriva. Und ab 2027 laufen erste Patente für den Blockbuster Jardiance in den USA aus.
Bayer verbuchte in den vergangenen beiden Jahren wichtige Zulassungserfolge mit dem Krebsmittel Nubeqa und dem Nierenmedikament Kerendia. Zudem lieferte eine Studie mit einer lang wirkenden Version des Augenmedikaments Eylea positive Daten.
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Das alles dürfte den bevorstehenden Patentablauf beim Hauptprodukt Xarelto abfedern, aber eine Wachstumsdelle nicht komplett vermeiden. Um seine Position in der Branche zu halten, braucht Bayer mittelfristig weitere Zulassungen aus den neu gestarteten Forschungsprojekten und Allianzen.
Ähnlich ist die Situation des Merck-Konzerns, dessen Pharmasparte derzeit unter anderem von der Neuzulassung des Krebsmittels Tepmetko, einer erweiterten Zulassung für das Krebsimmunmittel Bavencio und dem vor einigen Jahren neu eingeführten Multiple-Sklerose-Mittel Mavenclad profitiert. Andererseits bestreitet der Konzern noch immer mehr als die Hälfte des Geschäfts mit patentfreien Altprodukten, die leicht unter Preisdruck geraten können.
Für die kommenden Jahre stellt Merck für sein Pharmageschäft ein Wachstum um mittlere einstellige Prozentsätze in Aussicht. Das dürfte nur knapp ausreichen, um mit der erwarteten globalen Marktentwicklung Schritt zu halten.
Zudem verbuchte Merck in der Pharmaforschung in den letzten Jahren etliche Rückschläge. Auch daher muss der Konzern seine Forschungspipeline durch zusätzliche Deals verstärken.