Morning Briefing: Vom Traum, den Millionen träumen
Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,
der Rom-Korrespondent des Handelsblatts ist ein Mann mit vielen Talenten. Christian Wermke spürt im Hauptberuf italienischen Ministerinnen, Bankiers und Industriellen nach. Nebenbei organisiert er den Verkauf der Handelsblatt-Freitagscover als NFT. Zudem vertreibt er auch eigene Rom-Fotografien als digitale Originale, jedem Käufer verspricht er sogar einen Aperitivo mit il Corrispondente persönlich.
Obendrein, und darum soll es hier gehen, ist Wermke durch zahlreiche Recherchen bestens vernetzt in der so genannten FIRE-Bewegung. Das Kürzel steht für „Financial Independence, Retire Early“, übersetzt: Finanzielle Unabhängigkeit, früher Ruhestand. Es geht um Zeitgenossen, die trotz guter Gehälter extrem bescheiden leben, um dank des Ersparten dem Erwerbsleben möglichst früh den Rücken zu kehren.
Ein Traum, den Millionen Angestellte träumen dürften. Aber nur wenige besitzen das Einkommen und die Disziplin, um ihn Realität werden zu lassen. Für unseren heutigen Wochenendtitel hat Wermke recherchiert, wie sich Inflation, Börsenschwäche und Zinsanstieg auf die ausgeklügelten Spar- und Entnahmepläne der FIRE-Anhängerinnen und -Anhänger auswirken. Nicht gut, möchte man meinen – fast alle in der Szene setzen schließlich auf Aktieninvestments oder bauen ihr Vermögen mit auf Kredit gekauften Eigentumswohnungen auf.
Doch Wermke stieß auf überraschende Gelassenheit: Kursrückschläge gelten hier als Gelegenheit zum günstigen Nachkaufen, und viele FIRE-Fans haben sich aus dem konventionellen Konsum so weit verabschiedet, dass die Inflation sie kaum noch trifft.
Geldanlage-Reporter Markus Hinterberger hat dazu anhand dreier fiktiver Beispielfälle berechnet, wie realistisch ein früher Berufsausstieg trotz erhöhter Inflation derzeit noch ist. Sein Fazit fällt differenziert aus:
- Rente mit 45 – fast unmöglich
- Rente mit 50 – sehr ambitioniert
- Rente mit 55 – ja, das kann klappen
Die meisten FIRE-Anhänger bauen für die Langfristanlage auf Indexfonds, die den globalen Aktienindex MSCI World nachbilden. Wer in diesen Fonds investiert ist, hat finanziell kein einfaches Jahr hinter sich. Das zeigt eine Übersicht, die alljährlich kurz vor Silvester zu meinen Lieblingsrubriken im Handelsblatt zählt: Was wurde im Laufe des Jahres aus 100.000 Euro je nach Anlageklasse? Im Falle des MSCI World waren es 85.360 Euro.
Spüren Sie beim Anblick der Grafik auch dieses zufriedene Gruseln, dass man selbst nie auf den Bitcoin-Zug aufgesprungen ist? Dann wäre nämlich nur noch gut ein Drittel des Geldes übrig. Zugleich die nagende Frage: Hätte man irgendwie voraussehen können, dass sich 2022 türkische Aktien im Wert fast verdoppeln würden?
Über die Innenpolitik in der Ukraine gibt es in deutschen Medien nur selten etwas zu lesen oder zu hören. Umso erhellender ist der aktuelle Streit um ein Gesetz, das die Strafen für Fahnenflucht ukrainischer Soldaten drastisch erhöhen soll. Die Verschärfungen sehen vor, dass Kämpfer, die Befehle missachten oder ihre Positionen oder Einheiten unerlaubt verlassen, zwischen drei und neun Jahre ins Gefängnis müssen – bisher waren mildere Strafen vorgesehen, die zudem oft zur Bewährung ausgesetzt wurden.
Desertion unter feindlichem Feuer wird nun mit bis zu zwölf Jahren Freiheitsentzug geahndet. Auch Kommandanten müssen mit bis zu zwölf Jahren Haft rechnen, wenn sie ihre Untergebenen beleidigen oder bedrohen. Generalstabschef Waleri Saluschni forderte den Präsidenten auf, das Gesetz schnell zu unterzeichnen, denn: „Eine Armee gründet auf Disziplin.“
35.000 Menschen haben in der Ukraine inzwischen eine Petition unterzeichnet, die Präsident Wolodimir Selenski zum Veto gegen das Gesetz auffordert. Auch der als Kriegsheld geltende Unteroffizier und Blogger Juri Hudimenko zählt zu den Kritikern: Die Streitkräfte der Ukraine gingen „durch die Hölle“. Mit diesen Menschen müsse man reden, statt sie zu bestrafen und durch das Gesetz zu demotivieren.
„Der Fußball hat heute den Größten seiner Geschichte verloren – und ich einen einzigartigen Freund.“
So reagierte Franz Beckenbauer auf den Tod von Pelé. Am Donnerstag ist der brasilianische Weltmeister von 1958, 1962 und 1970, der mit vollen Namen Edson Arantes do Nascimento hieß, im Alter von 82 Jahren gestorben. Er war schwer an Krebs erkrankt. Am Tag vor Heiligabend hatte seine Tochter Kely Cristina Nascimento ein Foto mit ihrem Vater im Krankenbett veröffentlicht, beide halten sich in den Armen. „Wir machen hier weiter, im Kampf und im Glauben. Noch eine Nacht zusammen“, schrieb sie. Am Donnerstag dann: „Alles, was wir sind, verdanken wir dir. Wir lieben dich unendlich, ruhe in Frieden.“
Mit 81 Jahren gestorben ist gestern auch die britische Modeschöpferin Vivienne Westwood, die mit ihren Kreationen den Punk laufstegfähig machte. Gemeinsam mit Malcolm McLaren, dem Manager der Band Sex Pistols, führte sie einst eine Boutique in der Londoner King's Road. Anschließend baute Westwood eine globale Modemarke auf, die heute in Europa, Amerika und Asien mit eigenen Geschäften vertreten ist.
Die eine Konstante in diesem Jahr der Umbrüche, das war die Deutsche Bahn. Mit jener Zuverlässigkeit, die wir uns eigentlich von ihr wünschen, hat sie uns 2022 immer neue Abenteuer des Schienenstrangs beschert.
Wer sich bereits bei ein paar Minuten Verspätung und einer umgekehrten Wagenreihung zwischen Hamm und Bielefeld am Rande des Nervenzusammenbruchs wähnt, dem empfehle ich ein Buch, das mir in den Weihnachtstagen viel Freude bereitet hat: „Monsieur Orient-Express“ von Gerhard Rekel. Eine Biographie des belgischen Eisenbahnpioniers Georges Nagelmackers, der in den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg Europa mit einem Netz von Luxuszügen überzog – inklusive dem namensgebenden Orient-Express von Paris nach Istanbul.
Dessen Jungfernfahrt 1883 schildert Rekel als eine Abfolge von Kalamitäten: Ein ausgefallener Speisewagen, ein stundenlanger Umweg, unfreiwillige Fußmärsche der Passagiere auf schlammigen Karpatenpfaden. Aus gutem Grund waren die Reisenden angewiesen worden, ihre Revolver mitzuführen.
Darum zumindest hat mich die Deutsche Bahn noch nie gebeten.
Ich wünsche Ihnen einen friedlichen Jahresausklang ohne umgekehrte Getränkereihung oder Speisenausfälle. Am 2. Januar begrüßt Sie an dieser Stelle noch einmal meine Kollegin Teresa Stiens. Ich bin dann am 9. Januar wieder für Sie da.
Herzliche Grüße, und: Danke für Ihre Treue!
Herzliche Grüße
Ihr
Christian Rickens
Textchef Handelsblatt