Dax-Konzern: Rekordzukauf: Deutsche Börse will Softwarefirma Simcorp übernehmen
Die Deutsche Börse will das Unternehmen Simcorp kaufen.
Foto: dpaFrankfurt. Die Deutsche Börse steht vor der größten Übernahme ihrer Geschichte: Der Dax-Konzern will die dänische Finanzsoftwarefirma Simcorp für 3,9 Milliarden Euro erwerben. Deutsche-Börse-Chef Theodor Weimer sprach am Donnerstag von einem „Quantensprung“ für sein Unternehmen.
Mit der Übernahme würde Deutschlands größter Börsenbetreiber unabhängiger von den Schwankungen an den Märkten werden. Der Anteil des Daten-, Analytik- und Softwaregeschäfts an den Gesamterlösen würde von 15 auf 24 Prozent steigen.
Weimer hat diesen Geschäftsbereich bereits durch die Übernahmen des US-Softwarekonzerns Axioma 2019 und des Stimmrechtsberaters ISS 2021 gestärkt. „Die Übernahme von Simcorp ist strategisch sinnvoll, weil sie unser bestehendes Daten- und Analytikgeschäft perfekt ergänzt“, sagte der Vorstandschef.
Simcorp hat seinen Hauptsitz in Kopenhagen und beschäftigt mehr als 2200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Die Firma bietet Investment-Management-Software für große Investoren wie Asset-Manager, Pensionsfonds und Zentralbanken an.
Durch die Übernahme stärkt die Deutsche Börse ihr Geschäft mit Investoren (Buy-Side) und reduziert ihre Abhängigkeit von Banken und Händlern (Sell-Side). Da das Daten-, Analytik- und Softwaregeschäft am Markt höher bewertet wird als andere Geschäftsfelder der Börse, hofft Weimer mittelfristig auf einen deutlichen Kursanstieg.
Kurzfristig überwog am Markt jedoch die Skepsis. Deutsche-Börse-Aktien fielen am Donnerstag um 7,7 Prozent und waren damit die größten Verlierer im Leitindex Dax. Experten führen dies vor allem auf den hohen Übernahmepreis zurück, der 39 Prozent über dem Simcorp-Schlusskurs vom Mittwoch lag.
Mehr als 50 Prozent der Aktionäre müssen zustimmen
„Wir haben es nach vielen intensiven Verhandlungsrunden geschafft, dass der Angebotspreis deutlich angehoben wurde“, erklärte Simcorp und zeigte sich mit dem Ergebnis zufrieden. Die Firmenspitze will den Anteilseignern eine Annahme des Angebots empfehlen, sobald dies offiziell vorliegt. Zudem wird das Management alle eigenen Aktien an die Deutsche Börse verkaufen.
Analyst Ian White von Autonomous Research kritisiert, die Deutsche Börse verbrauche mit dem Simcorp-Kauf für absehbare Zeit ihre Ressourcen für größere Übernahmen, obwohl der Gewinnbeitrag der Dänen aktuell überschaubar sei. Zudem sei unklar, wie sich die Deutsche Börse mit ihren Angeboten von anderen großen Finanzdatenkonzernen absetzen wolle.
>>Lesen Sie hier: Deutsche Börse stellt alles auf den Prüfstand
Die Übernahme von Simcorp kommt nur zustande, wenn mehr als 50 Prozent der Aktionäre die Offerte über 735 dänische Kronen annehmen. Das offizielle Übernahmeangebot will die Deutsche Börse innerhalb der nächsten vier Wochen vorlegen. Es soll dann sieben Wochen laufen und kann bei Bedarf noch verlängert werden.
„Wir sind sehr zuversichtlich, dass alles glattgeht“, sagte Weimer. Dass Konkurrenten den Deal mit Gegenofferten torpedieren, erwartet der langjährige Investmentbanker nicht. Ohne die Unterstützung von Simcorp sei eine solche Übernahme schwierig. Zudem sei das Marktumfeld anspruchsvoll.
Die Deutsche Börse will den Zukauf mit Barmitteln und Fremdkapital finanzieren und bis Ende September abschließen. Es wäre die teuerste Übernahme in der Geschichte des Unternehmens. Der bisher größte Zukauf war die Akquisition der US-Optionsbörse ISE 2007 für 2,8 Milliarden Dollar.
Dass der eigene Aktienkurs bei der Ankündigung einer so großen Transaktion am ersten Tag etwas zurückgehe, sei nicht ungewöhnlich, sagte Weimer. „Wir sind absolut überzeugt davon, dass wir das Richtige tun.“
US-Töchter sollen fusionieren und an die Börse gehen
Neben der Rekordübernahme kündigte die Börse auch an, ihre Daten- und Analytik-Tochter Qontigo mit dem Stimmrechtsberater ISS zusammenzulegen. Die Fusion der beiden US-Firmen sei schon länger geplant gewesen und werde für mehr Effizienz und zusätzliches Wachstum sorgen, sagte Weimer.
Der Finanzinvestor General Atlantic, der bereits an Qontigo beteiligt ist, werde im Zuge der Zusammenlegung frische Mittel zur Verfügung stellen. An der fusionierten Tochter soll er rund 20 Prozent halten. Mittelfristig wird ein Börsengang der Tochter angepeilt.
„Der Börsengang kann frühestens 2025 stattfinden, wir haben aber auch nicht vor, ihn deutlich später zu machen“, betonte Weimer. Der genaue Zeitpunkt hänge von den Marktbedingungen ab.
Durch den anvisierten Börsengang bekomme General Atlantic eine Möglichkeit zum Ausstieg, erläuterte Weimer. Außerdem könne bei der fusionierten ISS-Qontigo-Tochter eine zusätzliche Dynamik entstehen, wenn beispielsweise 30 Prozent gelistet würden. Die Komplexität, die dadurch für die Deutsche Börse entstehe, halte sich in Grenzen.
Durch die Übernahme von Simcorp und die Zusammenlegung von Qontigo sowie ISS erwartet die Deutsche Börse binnen drei Jahren Synergien von 90 Millionen Euro pro Jahr, von denen 55 Millionen Euro aus Einsparungen kommen sollen. Vorher fallen jedoch einmalige Kosten von 100 Millionen Euro an.
Analyst White moniert, Axioma habe sich bisher deutlich schlechter entwickelt als bei der Übernahme vor vier Jahren in Aussicht gestellt. „Es ist unklar, ob die heutige Ankündigung das stillschweigende Eingeständnis ist, dass der Axioma-Deal nicht die Ergebnisse gebracht hat, die 2019 erwartet worden waren.“
Theodor Weimer: „Wir sind keine Deal-Junkies“
Die Bekanntgabe der neuen Strategie „Horizon 2026“, die eigentlich für diesen Sommer avisiert war, verschiebt die Deutsche Börse auf den Herbst. Der Konzern hofft, dass er die Simcorp-Übernahme bis dahin abgeschlossen hat und dann detaillierte Ziele für die kommenden Jahre vorlegen kann.
Durch den Simcorp-Deal zeichnet sich jedoch bereits jetzt ab, welche Schwerpunkte die Deutsche Börse dabei setzen will. Während das Vorhandelsgeschäft gestärkt wird, dürften größere Zukäufe im Nachhandelsgeschäft erst mal nicht anstehen.
„Wir sind keine Deal-Junkies“, sagte Weimer auf die Frage nach einem möglichen Angebot für die Fondsplattform Allfunds. Der ganze Fokus liege aktuell auf der Übernahme von Simcorp.