Nutzfahrzeuge: Großfusion in Asien: Daimler Truck und Toyota legen Lkw-Geschäft zusammen
„Es liegt eine große Zukunft vor uns.“
Foto: ReutersWien, Tokio. In Japan entsteht ein neuer Nutzfahrzeugriese mit deutscher Beteiligung: Der weltgrößte Lkw-Bauer Daimler Truck und der japanische Toyota-Konzern wollen ihre Töchter Mitsubishi Fuso und Hino Motors zusammenlegen. Das kündigten die Unternehmen am Dienstag in Tokio an und unterzeichneten eine Absichtserklärung.
Geplant ist demnach eine Fusion unter Gleichen. Viele Details des milliardenschweren Deals müssen aber noch ausgehandelt werden. Klar ist bisher lediglich, dass Daimler Truck und Toyota gleich hohe Anteile halten werden und die neue Gesellschaft in Tokio an der Börse notiert sein soll.
Die Konzerne dürften zusammengerechnet zwar zunächst die Mehrheit an der Gesellschaft behalten. Ein erheblicher Anteil der Aktien ist zugleich aber für weitere Investoren vorgesehen, darunter die bisherigen Minderheitsaktionäre der japanischen Lkw-Gesellschaften.
Als Triebfeder der Transaktion betonten die Partner vor allem die enormen Investitionen, die notwendig sind, um in den kommenden Jahren Hunderttausende Trucks zu dekarbonisieren. Mit Brennstoffzellen, Akku-Antrieben und Dieselmotoren müsse man derzeit drei Antriebstechnologien nebeneinander weiterentwickeln statt wie bisher nur eine. Und zwar, „ohne deshalb einen Truck mehr zu verkaufen“, betonte Martin Daum, Vorstandschef von Daimler Truck. Skaleneffekte seien unerlässlich. „Daher sehen wir jetzt Kooperationen.“
Ein weiterer Grund sei der scharfe Wettbewerb im Segment der leichten und mittelschweren Lastwagen in Asien, erklärte Karl Deppen, Leiter des Asiengeschäfts von Daimler Truck. „Wir sehen viele neue Wettbewerber in der Region.“ Die Kooperation würde beiden Herstellern helfen, noch besser in Südostasien zu bestehen.
Deppen gilt als möglicher CEO der neuen Gesellschaft, die bis Ende kommenden Jahres operativ starten könnte. Jedenfalls werde der Chef des neuen Unternehmens mit hoher Wahrscheinlichkeit von Daimler Truck kommen, heißt es.
Daimler Truck und Toyota wollen Synergien im Truckgeschäft heben
Fuso und Hino könnten sich künftig viele Kosten sparen – neue Antriebsstränge und Plattformen müssen nur noch einmal entwickelt werden. Die Geschäfte der beiden Hersteller würden sich dabei gut ergänzen, sagte Daum dem Handelsblatt.
„Die Zusammenarbeit hat für uns sowohl global Bedeutung, weil es insbesondere im Bereich der Schwerlastkraftwagen darum geht, unsere Plattform zu stärken“, so Daum. Da sei die Zusammenarbeit mit Hino entscheidend. Doch auch im sogenannten Light-Duty-Bereich, also bei allen Fahrzeugen unterhalb von acht Tonnen, sei es ebenfalls „ganz wichtig, einen Partner zu bekommen“. Dort habe Daimler Truck bisher nur das Produkt von Fuso gehabt. Künftig hat der Konzern Zugriff auf deutlich mehr Modelle.
Das Unternehmen stellt in Japan, Indien und Portugal eine Vielzahl von Lastwagen und Bussen her.
Foto: ReutersHino gilt als starker Anbieter von schweren Sattelschleppern, Fuso punktet dagegen vor allem bei sogenannten Leicht-Lkw und kleinen elektrischen Trucks wie dem eCanter, der auch in Portugal hergestellt wird. Darüber hinaus würden sich beide Marken in Südostasien regional sehr gut ergänzen. An der neuen Gesellschaft werde niemand vorbeikommen. „Da bin ich stolz, dass das auch ein Teil der Daimler-Truck-Welt wird.“
Der große Verlierer der Fusion ist absehbar Isuzu. Der japanische Fahrzeughersteller ist in seiner Heimat die Nummer eins im Lastwagengeschäft. Durch die Fusion von Hino und Fuso bekomme der Konzern nun einen „Megawettbewerber“, der sich Motoren und Architekturen teilen könne, heißt es in Branchenkreisen. In der japanischen Lkw-Industrie sei die Ankündigung des Zusammenschlusses wie „ein Erdbeben“ wahrgenommen worden.
Fuso und Hino stehen unter Druck
Gleichzeitig paktieren mit Fuso und Hino künftig auch zwei Unternehmen, die selbst enorm unter Druck stehen. Daimler Truck veröffentlicht zwar keine separate Bilanz von Fuso, aber die japanische Einheit ist für den Großteil des Geschäftsvolumens der Asiensparte des Dax-Konzerns verantwortlich. Und diese Division schwächelt gehörig.
Im vergangenen Jahr konnten Fuso und Daimler Truck Asia zwar den Absatz steigern. Aber der Betriebsgewinn der Schwaben stürzte in Asien von 427 auf 171 Millionen Euro ab. Das entspricht einem Rückgang von 60 Prozent.
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Im ersten Quartal konnte die Asiensparte von Daimler Truck ihre Gewinnspanne zwar auf 4,6 Prozent steigern. Damit ist der Bereich aber weiterhin nicht einmal halb so profitabel wie die US-Gesellschaft. Das liegt auch daran, dass Fuso bis dato strukturell im weniger lukrativen Geschäft mit kleineren Lkw verhaftet ist.
2000 war der damalige Daimler-Chrysler-Konzern beim Autobauer Mitsubishi Motors eingestiegen. Analysten argwöhnten damals, dass Daimler es dabei vor allem auf die Nutzfahrzeugtochter Mitsubishi Fuso abgesehen habe. Genauso kam es: Daimler trennte sich vom kriselnden Pkw-Geschäft und behielt Fuso. Seit 2011 halten die Deutschen gut 90 Prozent der Anteile. Den Rest besitzen verschiedene Konzerne des einstigen Firmenbundes Mitsubishi.
Das Unternehmen stellt in Japan, Indien und Portugal eine Vielzahl von Lastwagen und Bussen her. Fuso verkauft seine Fahrzeuge nach eigenen Angaben in 170 Ländern. Das Unternehmen wurde dabei intern zum Kompetenzzentrum für kleinere elektrische Trucks wie zum Beispiel den eCanter, der inzwischen in zweiter Generation vom Band läuft. Das Hauptquartier in Kawasaki beherbergt zudem ein hochmodernes Designzentrum, das Teil von Daimler Trucks globaler Lkw-Entwicklung ist.
Hino wiederum gehört zum Toyota-Konzern und kämpft in Japan um die Marktführerschaft. Aber das schützt das Unternehmen nicht vor Konsolidierungsdruck. Der einstige Toyota-Chef Akio Toyoda hatte das Unternehmen zu einer engeren Zusammenarbeit mit dem Lokalrivalen Isuzu gedrängt, aus der allerdings nichts wurde.
Ein Skandal um gefälschte Motorenzulassungen erhöhte den Druck auf das Management allerdings noch. Im März des abgelaufenen Bilanzjahrs sackte der Absatz global um 7,6 Prozent auf rund 145.000 Lkw ab. In Japan brach der Verkauf um gleich 38 Prozent auf 21.991 Fahrzeuge ein. Der Nettogewinn schrumpfte um 58 Prozent auf 15,8 Milliarden Yen (105 Millionen Euro).
Daimler Truck und Toyota haben sich daher darauf geeinigt, mögliche Risiken im Zusammenhang mit dem Skandal um die Manipulation von Emissionswerten bei Hino bei der Bewertung der Toyota-Tochter zu berücksichtigen.
Elektrifizierung der Truck-Flotten soll forciert werden
Technologisch verstehen sich die Deutschen und die Japaner blendend. Während etwa die Volkswagen-Tochter Traton (MAN, Scania) bei der Elektrifizierung der Lkw-Flotten ausschließlich auf die Batterie setzt, schwören Toyota und Daimler Truck auch auf die wasserstoffbasierte Brennstoffzelle. Gerade in Asien sehen die Konzerne für Hino und Fuso großes Potenzial.
So entwickelt Daimler Truck gerade gemeinsam mit der Volvo Group eine Brennstoffzelle in Großserie für schwere Sattelschlepper, die künftig auch Hino nutzen dürfte. Auch die Dieselmotoren von Daimler sind für die Japaner attraktiv. Umgekehrt können die Deutschen mit Fuso auf die Wasserstofftechnik von Toyota für kleinere Nutzfahrzeuge und Busse zugreifen. Ein Vorteil für beide Konzerne.
Ein Elektro-Lkw von Daimler Truck steht an einer Ladesäule.
Foto: dpaDie Partner wollen aber nicht nur bei der Antriebstechnik der Zukunft eng zusammenarbeiten, sondern gemeinsam auch in Technologien zur Vernetzung der Fahrzeuge investieren sowie automatisiert fahrende Lkw entwickeln.
„Es liegt eine große Zukunft vor uns – und die heutige Ankündigung ist ein entscheidender Schritt, um diese Zukunft wirtschaftlich zu gestalten und den nachhaltigen Transport anzuführen“, erklärte Daum. Toyota-Chef Koji Sato ergänzte: „Unsere vier Unternehmen werden mit der gemeinsamen Vision zusammenarbeiten, CO2-Neutralität durch die Stärkung der CASE-Technologien zu erreichen.“