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TürkeiStaatliche Banken stoppen Stützungskäufe – Lira fällt um sieben Prozent

Die neue Regierung gibt ihre Lira-Ankäufe auf, die den Wechselkurs stabilisieren sollten. Dabei verzeichnet die Währung den größten Tagesverlust seit zwei Jahren.Ozan Demircan 07.06.2023 - 11:53 Uhr aktualisiert Artikel anhören

Die Märkte haben bereits darauf spekuliert: Die staatlichen Interventionen gehen unter dem neuen Finanzminister zurück.

Foto: Reuters

Istanbul. Die türkische Lira ist am Mittwoch gegenüber dem US-Dollar so stark gefallen wie seit mehr als einem Jahr nicht mehr. Händler berichteten, dass die staatlichen Banken ihre Stützungskäufe – also den Ankauf von Lira und den Verkauf von Dollar – eingestellt haben.

Die Lira verzeichnet am Mittwochvormittag den größten Tagesverlust seit zwei Jahren. Dollar und Euro stiegen im Gegenzug um jeweils rund sieben Prozent auf Rekordhochs von 23,185 beziehungsweise 24,824 Lira.

Vor der Präsidentschaftswahl in der Türkei Ende Mai, die mit einer Wiederwahl Recep Tayyip Erdogans endete, hatten staatliche Banken die Lira monatelang vor allem mit dem Ziel gestützt, die Kaufkraft der Türkinnen und Türken vor dem Urnengang zu stärken. Diese Strategie hatte jedoch die Reserven der Zentralbank aufgebraucht.

Mitte Mai hatten offizielle Daten der Zentralbank gezeigt, dass die Nettowährungsreserven vor der Wahl auf 2,33 Milliarden US-Dollar gefallen sind. Das ist der niedrigste Stand seit über 20 Jahren.

Die staatlichen Banken der Türkei äußern sich nicht zu ihren Interventionen auf dem Devisenmarkt. Seit der zweiten Runde der türkischen Wahlen am 28. Mai hat die Lira gegenüber dem Dollar mehr als zwölf Prozent an Wert eingebüßt.

Damit ist die Ernennung von Mehmet Simsek zum Schatz- und Finanzminister vorerst verpufft. Der ehemalige Merrill-Lynch-Stratege, der bereits 2009 und 2018 Finanzminister war, hatte am Wochenende die Rückkehr seines Landes zu „rationalen Grundlagen“ in der Wirtschafts- und Finanzpolitik angekündigt.

„Ein Finanzminister macht noch keinen geldpolitischen Sommer“

Eine solche Rückkehr hin zu einer orthodoxeren Wirtschaftspolitik mit weniger staatlichen Interventionen sollte die Lira theoretisch unterstützen. Aber offensichtlich sind Investoren noch skeptisch, wie nachhaltig die Kehrtwende in der Türkei ausfällt, erklärt Commerzbank-Experte Ulrich Leuchtmann: „Ein Finanzminister macht noch keinen geldpolitischen Sommer.“

Die Ernennung sei „eine vielleicht notwendige, aber keinesfalls hinreichende Bedingung für einen tatsächlichen dauerhaften U-Turn in der Geldpolitik“, meint Leuchtmann und erinnert an das Jahr 2018. Damals erwies sich ein Kurswechsel als nur vorübergehend. „Marktteilnehmer vergessen solche schmerzlichen Erfahrungen nicht so schnell, scheint mir“, sagt Leuchtmann.

20,3
Prozent
hat die Lira seit Jahresbeginn gegenüber dem Dollar in der Spitze verloren. (Quelle: Refinitiv)

Die Märkte warten nun auf die Ernennung eines neuen Zentralbankgouverneurs. Denn die Türkei steckt in einer Krise und kämpft mit hoher Inflation, die im vergangenen Jahr zeitweise bei mehr als 85 Prozent lag. Als ein Grund dafür gilt, dass die Zentralbank den Leitzins nicht gemäß der ökonomischen Lehre angehoben, sondern auf Erdogans Wunsch gesenkt hat.

Angesichts von Erdogans Wirtschafts- und Währungspolitik hat die türkische Lira seit Jahresbeginn gegenüber dem Dollar um rund 20 Prozent nachgegeben. 2021 und 2022 stürzte sie um 44 beziehungsweise 30 Prozent ab. Die schwache Landeswährung macht Importe, auf die das rohstoffarme Land angewiesen ist, merklich teurer.

Und der Kursverfall könnte noch weitergehen, warnen die Analysten von Goldman Sachs. Die Experten der US-Bank haben kürzlich ihre Prognose für den Wechselkurs der Lira zum Dollar nach oben korrigiert und begründen dies mit dem zunehmenden Druck auf die Währung.

Eine Korrektur hin zur rationalen Wirtschaftspolitik?

Laut einem Bericht vom 3. Juni geht die Bank davon aus, dass die Lira in zwölf Monaten auf 28 Lira pro Dollar abwerten wird, anstatt auf die von der Bank ursprünglich prognostizierten 22 Lira pro Dollar. Die Commerzbank veranschlagt derzeit bis Ende 2024 sogar einen Wechselkurs von 30 Lira je Dollar.

Eine schwächere Währung könnte allerdings bei einem anderen Problem Abhilfe schaffen: dem Handelsdefizit. Dieses war durch die Stützungskäufe der Zentralbank in die Höhe getrieben worden.

Das dürfte sich jetzt ändern. Denn wenn der Wechselkurs schwächer wird, kaufen Haushalte und Firmen in der Regel weniger im Ausland ein. Dadurch sinken die Importe des Landes. Gleichzeitig steigen die Exporte, weil die Produkte im Ausland billiger werden. In der Summe wird das Handelsdefizit verringert und in der Folge sinkt der Druck auf die Landeswährung.

Die aktuelle Lira-Schwäche könnte daher eine notwendige Korrektur sein, die für Simseks Rückkehr zu einer rationalen Wirtschaftspolitik notwendig ist.

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Mit Material von Bloomberg und Reuters.

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