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GetränkeherstellerWarum Gerolsteiner weniger Recycling-Plastik nutzt

Die führende deutsche Mineralwassermarke will nachhaltiger werden, doch Recycling-Plastik ist knapp. Der Gerolsteiner-Chef fordert deshalb ein Vorkaufsrecht für PET aus Altflaschen.Katrin Terpitz 12.07.2023 - 11:05 Uhr Artikel anhören

„Leider mussten wir zum Jahresbeginn den Recycling-Anteil auf 30 Prozent runterfahren“, erklärt Firmenchef Roel Annega.

Foto: Handelsblatt

Gerolstein. Sie sehen aus wie ein Reagenzglas mit Schraubgewinde. Die Flaschenrohlinge aus PET werden in Sekundenschnelle mit Druckluft und Hitze aufgeblasen, runtergekühlt und kurz danach mit Mineralwasser befüllt. 800 Millionen Flaschen werden jedes Jahr hier in Gerolstein in der Vulkaneifel abgefüllt – jeweils ein Drittel in PET-Einweg-, PET-Mehrweg- und Glas-Mehrwegflaschen.

Eine Einwegflasche bestand bisher zu 75 Prozent aus recyceltem PET. „Leider mussten wir zum Jahresbeginn den Recycling-Anteil auf 30 Prozent runterfahren“, erklärt Roel Annega, Vorsitzender der Geschäftsführung bei Deutschlands nach Umsatz führender Mineralwassermarke Gerolsteiner. „Es gibt zu wenig recyceltes PET auf dem Markt, die Preise wurden untragbar für uns“, sagt der Manager zu dem Rückschritt in Sachen Nachhaltigkeit.

Das Problem bestätigt auch Isabell Schmidt, Geschäftsführerin bei der Industrievereinigung Kunststoffverpackungen. „Längst ist ein großer Wettbewerb um den Sekundärrohstoff entbrannt“, sagt sie. So sei aus Getränkeflaschen recyceltes PET seit vielen Jahren teurer als Neuware.

Der Niederländer leitet seit vier Jahren Deutschlands führende Mineralwassermarke Gerolsteiner.

Foto: Handelsblatt

„Zwischenzeitlich waren die Preise doppelt so hoch wie die für Neuplastik, derzeit liegen sie etwa 40 Prozent darüber“, sagt der Gerolsteiner-Chef. Er fordert deshalb: „Wir Getränkehersteller brauchen ein gesetzliches Vorkaufsrecht für recyceltes PET aus unseren Flaschen.“ Nur so könne die Branche klimaneutral werden. Ab 2040 muss PET in der EU mindestens 65 Prozent Rezyklat enthalten.

Nur knapp 45 Prozent aller PET-Flaschen werden wieder zu Flaschen, hat die Gesellschaft für Verpackungsmarktforschung ermittelt. Viele Branchen setzen den Kunststoff in Folien, Stoff oder Armaturenbrettern ein, um so ihre Klimabilanz aufzubessern. „Aus einer Tasche lässt sich nie wieder eine Flasche machen“, sagt Annega.

Gerolsteiner-Chef fordert eigenen Kreislauf für PET-Flaschen

Bei der Rücknahme von Einweg-Flaschen habe der Gesetzgeber 2003 einen historischen Fehler gemacht, findet der Manager. „Sobald eine PET-Einweg-Flasche unseren Hof verlässt, gehört sie nicht mehr uns – anders als Mehrwegflaschen und -Kisten.“ Diese werden in Deutschland fast komplett in einem geschlossenen Kreislauf wiederverwertet. Einweg-PET-Flaschen hingegen werden von Recyclinghöfen meistbietend verkauft.

Gerolsteiner ist nicht der Einzige der Branche, der ein Vorkaufsrecht fordert. „Wir Getränkehersteller brauchen endlich ein Erstzugriffsrecht auf PET aus dem Pfandsystem, um aus Flaschen wieder Flaschen machen zu können“, sagte John Galvin, Deutschlandchef von Abfüller Coca-Cola Europacific Partners, kürzlich dem Handelsblatt. Nur so könne die Branche ihre Nachhaltigkeitsziele erreichen.

Gerolsteiner etwa hat sich verpflichtet, bis 2030 rund 60 Prozent seines CO2-Ausstoßes von 2016 zu senken. Ein Großteil der Emissionen entfällt auf Verpackung und Transport. „60 Prozent unserer Produktion könnten wir per Bahn transportieren. Das würde viel CO2 einsparen“, sagt Annega. Doch das war bisher nicht möglich, weil die Dieselloks in der Eifel keine schweren Güterzugwaggons ziehen konnten.

Die eingleisige Linie nach Köln wurde durch die Flutkatastrophe im Juli 2021 in weiten Teilen zerstört. „Die Strecke wird nun elektrifiziert, was sehr gut ist. Aber wir brauchen Zweigleisigkeit für Transporte“, appelliert der Gerolsteiner-Chef an die Politik. „Als Mineralbrunnen können wir unsere Produktion nicht in verkehrsgünstigere Regionen verlegen.“

Das Wasser aus der Vulkaneifel ist mit natürlicher Quellkohlensäure versetzt und hat einen hohen Mineralstoffgehalt.

Foto: Handelsblatt

Vom Hochwasser war Gerolsteiner direkt betroffen. Das Flüsschen Kyll hatte die beiden Wasserzentralen des Unternehmens zwei Meter überflutet. Dort fließt das Wasser der 26 aktiven Quellen zusammen und wird über unterirdische Pipelines zur Abfüllanlage gepumpt. „Alles war voller Schlamm, rund eine Woche konnten wir nicht produzieren“, sagt Annega. „Hygiene ist für unser naturreines Produkt extrem wichtig.“

„Wir brauchen Wasser für die Ewigkeit“

Das Magma in der Vulkaneifel sorgt für natürliche Quellkohlensäure und einen hohen Mineralstoffgehalt. Gerolsteiner darf 20 Prozent des jährlich neu gebildeten Tiefenwassers in bis zu 250 Meter nutzen. „Wir entnehmen nur zehn Prozent, denn wir brauchen ja Wasser für die Ewigkeit“, sagt Annega.

Sorgen bereitet ihm die hohe Nitratbelastung im Grundwasser in einigen Regionen Deutschlands. An 27 Prozent der Messstellen wurden 2020 laut Umweltbundesamt Grenzwerte überschritten. „Leider gibt es weiterhin in Deutschland Regionen, wo der Import und die Nutzung niederländischer Gülle zum Business Case der Landwirte gehört“ sagt Annega.

Falls das Nitrat nach Jahrzehnten durch tiefe Bodenschichten sickert, bekämen auch Mineralbrunnen ein Problem. Der 59-jährige Niederländer führt Gerolsteiner seit vier Jahren. Zuvor war der Betriebswirt in acht europäischen Ländern tätig. von Irland bis Griechenland, und arbeitete unter anderem bei Coca-Cola und Nestlé.

Seine Heimat Niederlande hat geologisch bedingt keinen einzigen Mineralbrunnen. In Deutschland dagegen gibt es knapp 160 Abfüller, oft seit Generationen inhabergeführt. Gerolsteiner wurde 1888 von Bergwerksdirektor Wilhelm Castendyck gegründet, der beim Bohren nach Kohlensäure auf eine Mineralquelle stieß. Heute gehört das Unternehmen zu 51 Prozent der Bitburger-Gruppe und zu 32 Prozent dem Spezialgaseanbieter Buse KSW. Den Rest halten Privatleute.

Das Unternehmen könnte 60 Prozent seiner Transporte nachhaltig per Bahn abwickeln. Doch es fehlt in der Eifel eine zweigleisige Güterzuganbindung.

Foto: Handelsblatt

Die Mineralbrunnenbranche, die im Jahr 13 Milliarden Liter verkauft, konsolidiert sich gerade. Nestlé nahm 2022 seine Wassermarke Vittel 2022 vom deutschen Markt. Handelskonzerne wie Aldi Nord und Edeka kaufen Brunnen auf. Die französische Alma Group schluckte Rhönsprudel.

Der Konsum von Mineral- und Heilwasser sinkt seit Jahren – von knapp 140 Liter pro Kopf 2019 auf weniger als 130 Liter 2022, ermittelte der Verband Deutscher Mineralbrunnen. Immer mehr Deutsche steigen auf Leitungswasser um – aus Umwelt- und Kostengründen.

Marke Gerolsteiner behauptet sich

Gerolsteiner entwickelte sich zuletzt besser als die Branche. Die Erlöse stiegen 2022 um elf Prozent auf 318 Millionen Euro. Der Absatz liegt über dem Vor-Corona-Niveau, auch wenn sich das Gastro-Geschäft noch nicht ganz erholt hat. Gerolsteiner behauptete sich damit entgegen dem Trend gegenüber Handelsmarken, die aufgrund der Inflation deutlich zulegten.

Der Mineralbrunnen will den Absatz von Schorlen und trendigen Limonade mit neuen Sorten ankurbeln.

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Das Unternehmen hat 2022 seine Preise bewusst stabil gehalten. „Ein Unternehmen muss auch ein bisschen leiden – und nicht alle Mehrkosten auf die Verbraucher abwälzen“, sagt Annega. Erst im Februar hob Gerolsteiner die Preise an – „mit Augenmaß“, wie der Chef betont.

Mehr Umsatz erhofft sich Gerolsteiner von Erfrischungsgetränken. „Wir sind die Nummer eins bei Mineralwasser, aber bei Apfelschorle gerade noch in den Top Ten. Da ist noch viel Luft nach oben“, erklärt Annega. Mit Produkten wie Fruity Water ohne Zucker und Süßstoff, Cold Brew Tea und Limos in Geschmackrichtungen wie „Grilled Watermelon Mint“ will die Traditionsmarke den Geschmack jüngerer Kunden treffen.

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