Private Equity: Thoma Bravo sucht nach deutschen Softwarefirmen
Irina Hemmers soll das Büro in London personell verstärken und die Präsenz in Europa ausbauen soll.
Foto: Thoma BravoFrankfurt. Thoma Bravo will verstärkt in Europa investieren. Der Private-Equity-Konzern gehört zu den bedeutenden Unternehmen, wenn es um Käufe und Verkäufe von Technologieunternehmen geht.
Erst Ende 2022 hatte er mehrere neue Fonds aufgelegt, darunter den „Thoma Bravo Fund XV“ mit 24,3 Milliarden Dollar für neue Übernahmen und Beteiligungen, vornehmlich mit Blick auf Softwareunternehmen.
Die neuen Finanzmittel sollen jetzt auch vermehrt in Europa eingesetzt werden. Man sei seit rund 20 Jahren in den USA aktiv, und die Konzentration auf den Softwarebereich habe sich als stabiles und hochprofitables Geschäftsmodell erwiesen, sagt Irina Hemmers, Partnerin bei Thoma Bravo, im Gespräch mit dem Handelsblatt.
In der vergangenen Dekade habe es pro Jahr im Durchschnitt einen Deal in Europa gegeben. „Diese Transaktionen haben sich gut entwickelt, jetzt wollen wir mehr in Europa und auch in Deutschland investieren. Dabei hat sich gezeigt, dass es gut ist, wenn man auch vor Ort ist. Zukünftig können wir uns drei bis vier Deals im Jahr vorstellen“, sagt Hemmers, die das Büro in London personell verstärken und die Präsenz in Europa ausbauen soll.
„In Deutschland überzeugen uns vor allem hochqualifizierte Managementteams in den Softwareunternehmen“, so die Managerin. In den vergangenen 20 Jahren hat sich Thoma Bravo bei 440 Unternehmen engagiert und dabei Minderheits- und Mehrheitsbeteiligungen getätigt, der addierte Unternehmenswert erreichte 250 Milliarden Dollar.
Gesunkene Bewertungen locken die Finanzinvestoren an
In den Boomjahren von 2019 bis 2021 habe Thoma Bravo nur sehr selektiv investiert. Jetzt seien die Bewertungen gesunken und es böten sich attraktive Gelegenheiten. „Die Abschläge betragen je nach Profitabilität des Geschäftsmodells bis zu 30 oder 40 Prozent“, betont Hemmers die Chancen niedrigerer Einstiegspreise.
Zu bevorzugten Marktsegmenten für die Investitionen zählen für Thoma Bravo unter anderem die Digitalisierung im Gesundheitswesen – etwa Software für Krankenhäuser – und Softwarelösungen für die Finanz- und Budgetplanung. Beim Thema Cybersecurity ist der Konzern nach eigener Darstellung in den USA einer der führenden Tech-Investoren.
Vor wenigen Tagen konnte der Finanzinvestor einen milliardenschweren Deal verkünden, es ist eine der größten Transaktionen im bisherigen Jahresverlauf in einem ansonsten weltweit eher gedrückten Geschäft mit Fusionen und Übernahmen (M&A). Der Betreiber der US-Technologiebörse Nasdaq kündigte die Übernahme des Finanzsoftwareanbieters Adenza für 10,5 Milliarden Dollar an. Etwa die Hälfte sollen die bisherigen Eigner um Thoma Bravo in bar erhalten. Der Rest soll in Nasdaq-Anteilen beglichen werden.
Adenza verkauft Software an Banken, Vermögensverwalter und Börsenbetreiber, die unter anderem dabei hilft, regulatorische Vorgaben zu erfüllen oder Risiken zu managen. In Deutschland gab es im bisherigen Jahresverlauf relativ viele Deals im Technologiesektor, laut dem Analysehaus Refinitiv waren es 286 Transaktionen im Wert von 7,9 Milliarden Dollar, der Marktanteil des Sektors belief sich auf gut 22 Prozent.
Dominierend waren dabei Käufer aus den USA. „US-Konzerne zahlen in der Regel mehr für Technologiefirmen, insbesondere im KI-Bereich. Hier werden die Zukunftsperspektiven mitberücksichtigt“, sagt Harald Christ, Geschäftsführer von der Beratungsfirma Christ & Company Consulting GmbH.
Künstliche Intelligenz in bestehende Geschäftsmodelle integrieren
Hemmers hat genaue Vorstellungen, wie man aus der Künstlichen Intelligenz (KI) Kapital schlagen kann: „Künstliche Intelligenz sehen wir bei Thoma Bravo nicht isoliert. Vielmehr schafft KI neues Potenzial für bestehende Anwendungen, wir integrieren die neuen Funktionalitäten in schon bewährte Software“, sagt die Thoma-Bravo-Managerin, die ihre Karriere bei der Unternehmensberatung McKinsey startete und danach bei Private-Equity-Gesellschaften tätig war.
Man schaue natürlich auch auf mögliche Disruptionen der Geschäftsmodelle durch KI, bevor man investiere. Firmen, die sich auf manuelle und wiederholende Tätigkeiten stützten, seien durch technologische Entwicklungen in diesem Bereich natürlich durchaus unter Druck.
Zu den größten Risiken zählt Hemmers aktuell die nervösen Börsen und die Knappheit bei den Finanzierungen. Dafür sehe man große Chancen in der aktuellen Marktlage. „Die Einstiegspreise sinken, und die geringere Anzahl an Transaktionen ermöglicht uns eine noch tiefere und auch ausführlichere Prüfung aller Geschäftsmodelle.“