Huk-Coburg: Chef Heitmann rechnet mit hohen Verlusten für den Kfz-Versicherer
Die Preise für Autoteile stiegen der Huk Coburg zufolge im Schnitt der letzten zehn Jahre um mehr als das Doppelte der Inflationsrate.
Foto: IMAGO/Future ImageMünchen. Auf Deutschlands Autofahrer kommen deutlich höhere Versicherungsprämien zu. Auslöser sind massiv gestiegene Kosten im Schadenfall sowie eine zunehmende Zahl an Unfällen nach dem Ende der Coronapandemie.
Klaus-Jürgen Heitmann, Chef des Branchenführers Huk-Coburg, rechnet für die Kfz-Versicherer in diesem Jahr mit hohen Verlusten. „Wir werden ein tiefrotes Ergebnis sehen“, sagte er im Gespräch mit dem Handelsblatt. Auch die weiteren Jahre werden für die Branche rote Zahlen bringen, erwartet er.
Auch wenn er es selbst so nicht ausspricht: Die Lage könnte sich wohl nur mit deutlichen Prämienerhöhungen bessern.
Kfz-Versicherung: Schaden-Kosten-Quote laut Huk-Coburg 2023 sehr hoch
Lange Jahre verdienten die Versicherer im Geschäft mit den Autofahrern gutes Geld. In keinem anderen Bereich der Sachversicherung waren die Prämieneinnahmen so hoch wie in der Kfz-Sparte.
So lieferten sich die Anbieter eine Rabattschlacht um Marktanteile, sehr zum Vorteil der Kunden, die hierzulande teils deutlich geringere Prämien zahlten als in Italien oder Großbritannien.
Die vergangenen Jahre haben jedoch vieles durcheinandergewirbelt. Mit dem Ausbruch der Coronapandemie sank das Verkehrsaufkommen und damit die Unfallhäufigkeit. Das Schadenaufkommen ging 2020 deutlich zurück, was im Umkehrschluss hohe Gewinne für die Versicherer bedeutete.
Der Trend hielt ebenfalls im Jahr 2021 an, auch wenn die Flutkatastrophe im Ahrtal allein bei Huk-Coburg zu Schäden an über 9000 kasko-versicherten Autos führte. Bei insgesamt rund 13,7 Millionen Versicherungsverträgen war das dennoch eine überschaubare Zahl.
Daher hielten sich die Kfz-Versicherer mit Preissteigerungen zurück und wurden im vergangenen Jahr dann von der stark steigenden Inflation und der höheren Schadenhäufigkeit überrascht. In der Folge rutschten viele Anbieter in die Verlustzone.
Der Chef der Huk-Coburg, rechnet für die Kfz-Versicherer in diesem Jahr mit hohen Verlusten.
Foto: Huk-CoburgDie Schaden-Kosten-Quote der Branche dürfte Heitmann zufolge in diesem Jahr bei 108 bis 110 Prozent liegen. Plakativ gesagt, kämen jetzt auf 100 Euro Einnahmen 110 Euro Ausgaben, veranschaulicht Heitmann die Lage. Das sei eine historische Größenordnung.
Die zu geringen Prämienerhöhungen werden nun also zum Problem. Denn selbst zum Jahreswechsel 2023 waren die Durchschnittsbeiträge in der Branche nur um zwei bis drei Prozent gestiegen. Zuletzt hatte Jörg Asmussen, Hauptgeschäftsführer des Versichererverbands GDV, davor gewarnt, dass die nur leicht steigenden Beitragseinnahmen die hohen Schadenkosten nicht kompensieren könnten.
Er sollte wohl recht behalten. „Auch die Huk wird 2023 rote Zahlen schreiben“, erklärt nun Heitmann. Aber man könne relativ gesehen gut damit umgehen, da das Unternehmen ein hohes Maß an Schwankungsreserve habe.
„Um langfristig wieder in die Gewinnzone zu gelangen, müssten die Unternehmen die Beiträge im zweistelligen Prozentbereich anpassen“, urteilte Dennis Wittkamp von der Ratingagentur Assekurata erst kürzlich. Für eine Schaden-Kosten-Quote von 100 Prozent wäre ein Beitragsplus von neun bis elf Prozent notwendig, für eine Quote von 95 Prozent sogar von 14 bis 17 Prozent.
Huk-Coburg-Chef: „Ein Monopolmarkt, dem wir ausgeliefert sind“
Ob sich die Anbieter in der kommenden Wechselsaison an solche Preissteigerungen heranwagen, ist fraglich. „Weil der Konkurrenzkampf hoch bleibt, wird es in der Branche eine Gratwanderung zwischen Wettbewerbsfähigkeit und notwendigen Sanierungsmaßnahmen geben“, erwartet Huk-Chef Heitmann.
Statt an die Kunden die Preise weiterzugeben, die betriebswirtschaftlich notwendig wären, dürften es viele Anbieter mit Gegenmaßnahmen wie Einsparungen im eigenen Haus oder einem Anzapfen der in den vergangenen Jahren aufgebauten Reserven versuchen.
Doch diese Maßnahmen dürften nicht ausreichen, um den starken Preisauftrieb auszugleichen: So stiegen die Preise für Autoteile den Berechnungen der Huk zufolge im Schnitt der vergangenen zehn Jahre um mehr als das Doppelte der Inflationsrate.
„Hier haben wir einen Monopolmarkt, dem wir ein Stück weit ausgeliefert sind“, sagt Heitmann. „Bei einer Werkstattbindung sehen wir immer noch Stundenlöhne, die sich um die 100 Euro bewegen. Andere Werkstätten verlangen in speziellen Fällen bereits über 300 Euro pro Stunde.“
Allianz: Mehr reparieren statt Neuteile einsetzen
Zudem müssen die Werkstätten in Deutschland bei sichtbaren Teilen an Fahrzeugen im Gegensatz zu Ländern wie Frankreich oder Großbritannien die Originalteile der Hersteller verwenden. Erst bei künftigen Modellgenerationen gibt es hier eine Änderung.
Wettbewerber Allianz, mit knapp neun Millionen Verträgen die Nummer zwei am deutschen Kfz-Markt, hatte im vergangenen Jahr gefordert, im Sinne von mehr Nachhaltigkeit verstärkt Teile zu reparieren, statt sie durch Neuteile zu ersetzen. Huk sieht darin eher eine längerfristige Lösung: „Wir schauen uns auch gebrauchte Ersatzteile an“, sagt Heitmann. Aber hier sei der relevante Markt der Lieferanten noch nicht ausreichend entwickelt. Auch die Akzeptanz beim Verbraucher sei zu beachten.
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Am Markt für Kfz-Versicherungen zeichnen sich bereits die ersten Konsequenzen ab. Vor allem die Insurtechs, die in den Vorjahren versucht hatten, in den damals noch lukrativen Markt vorzustoßen, fahren das Geschäft zurück.
Wefox hat beispielsweise die besonders günstigen Switch-Tarife, die Kunden zum Wechseln animieren sollten, ausgesetzt. Getsafe hat das Neugeschäft in der Kfz-Versicherung sogar komplett eingestellt.
„Start-ups haben inzwischen die Erkenntnis gewonnen, dass der Zugang zu neuen Kunden sehr teuer ist“, beobachtet Huk-Chef Heitmann. Sie müssten sich das Geschäft über Vergleichsportale einkaufen. Dort müsse man günstig sein, um den Zuschlag zu bekommen.
Huk Coburg dringt vor ins Geschäft der Hersteller und Autovermieter
Generell stellen die Versicherer bei den Kunden massive Veränderungen im Umgang mit Mobilität fest. Der Anteil an Elektroautos nimmt zu. Das führt aus Sicht der Versicherer dazu, dass die bisherigen Unterschiede im Schadenverlauf gegenüber Verbrennern verschwinden. Weil Fahrer von E-Autos anfangs sehr umsichtig unterwegs waren, gewährte Huk-Coburg ihnen „großzügige Rabatte“ auf die Prämie, berichtet Heitmann: „Aktuell bieten wir noch fünf Prozent Nachlass und werden diesen in Zukunft möglicherweise komplett abschaffen.“
Um dem Druck von Herstellern und Autovermietern standzuhalten, will Huk-Coburg in Zukunft weiter in deren Geschäft eindringen. „Wir bauen ein Ökosystem um das Thema Mobilität“, kündigt Heitmann an. So hat der Versicherer bereits einen Gebrauchtwagenhandel aufgebaut und ist zu einem Viertel bei der Werkstattkette Pitstop eingestiegen.
Wer sein Auto verkaufen will, kann es in Zukunft zur Begutachtung dort vorfahren. Hinzu kommt ein Abo-Modell für Autos, wie es auch Hersteller und Vermieter anbieten. „Sie sind in dem Fall auch unsere direkten Konkurrenten“, sagt Heitmann.
Erstpublikation: 27.06.2023, 13:42 Uhr (zuletzt aktualisiert: 28.06.2023, 08:53 Uhr).