Kurz vorm ChatGPT-Hype: Novartis dampfte ambitioniertes KI-Projekt ein
Das mit großen Ambitionen verbundene KI-Projekt des Schweizer Pharmakonzerns ist offenbar gefloppt.
Foto: Imago [M]Zürich, Frankfurt. Das Novartis-Management um CEO Vas Narasimhan hatte offenbar die Geduld mit den hauseigenen IT-Experten verloren: Die Führungsriege des Baseler Pharmariesen entschied, ein Ende 2019 unter dem Namen „Data42“ gestartetes Projekt zur Nutzung von Künstlicher Intelligenz bei der Erforschung neuer Medikamente radikal einzudampfen. Das hat das Handelsblatt von mehreren mit dem Projekt vertrauten Personen erfahren.
Der Entschluss fiel demnach im Zuge einer Sparrunde, bei der Mitte 2022 sieben Prozent der Belegschaft entlassen wurde – und nachdem Novartis bereits mehr als 100 Millionen Dollar in das Projekt gesteckt hatte. Eine mit dem Projekt vertraute Person sagte dem Handelsblatt, es wurde „kurz vor dem offiziellen Go-Live gekippt, die meisten Leute wurden entlassen, und es wurde als kleine Abteilung in die Novartis integriert“.
Ein zweiter Insider bestätigt, das Projekt sei einer „Rationalisierung“ zum Opfer gefallen. Ein dritter Branchenexperte mit Kenntnis der Vorgänge sagt: „Data42 ist eine Misserfolgsgeschichte.“ Er erinnere sich noch daran, dass „Data42“ mit großem medialem Aufwand an den Start gegangen sei, sagt der Analyst einer Schweizer Bank, der Novartis abdeckt. „Seither habe ich nie wieder etwas davon gehört.“
Novartis-Finanzvorstand Harry Kirsch betonte am Dienstag auf Nachfrage, dass digitale Datenanalytik und Künstliche Intelligenz für den Konzern bei der Entwicklung von Medikamenten in den fünf Therapiegebieten eine sehr wichtige Rolle spielten. Doch er räumt ein: „Der ursprüngliche Plan bei Data42 war es, eine Industrieplattform zu bauen. Es hat sich aber herausgestellt, dass es zu komplex für uns ist.“
Novartis habe daher entschieden, den Aufwand zu begrenzen. „Wir haben uns fokussiert: Digitale Datenanalytik und Künstliche Intelligenz sind aber nicht weniger wichtig für uns“, versicherte Kirsch.
Novartis setzt KI weiterhin ein
Eine Novartis-Sprecherin ergänzte: „Wir setzen weiterhin Data42 ein, ein neuartiges, exploratives Tool mit KI-Funktionen, das anonymisierte Daten von zwei Millionen Patienten enthält.“ Es helfe den Novartis-Forschern bei der Beantwortung wichtiger Fragen in Forschung und Klinik und unterstütze bei der Gestaltung von Pipelineprojekten und Entscheidungen. „Das Tool gehört zu einer Reihe von Initiativen, bei denen wir Datenwissenschaft, fortschrittliche Analytik und KI nutzen, um die Forschung und Entwicklung zu verbessern.“
Die Führungsriege des Baseler Pharmariesen entschied, ein Ende 2019 unter dem Namen „Data42“ gestartetes Projekt zur Nutzung von Künstlicher Intelligenz bei der Erforschung neuer Medikamente radikal einzudampfen.
Foto: NovartisZum Start ruhten große Hoffnungen auf dem Projekt: Ziel von Data42 war es, Daten von Hunderttausenden Patienten aus einer Vielzahl medizinischer Studien zu digitalisieren, mithilfe von Künstlicher Intelligenz zu analysieren und so auf mögliche neue Therapien zu stoßen. Zwischenzeitlich arbeiteten Novartis zufolge mehr als 100 Software- und KI-Experten an Data42.
Im März 2020 schrieb der Konzern auf einem firmeneigenen Blog über das Team, dieses wolle „die verborgenen Erkenntnisse aus der riesigen Menge an Forschungs- und klinischen Studiendaten von Novartis gewinnen und einen starken technologischen Trend anzapfen, der auch branchenfremde Akteure wie Google und Amazon in die Pharmazie gezogen hat“.
Ursprünglich war geplant, eine Analyseplattform zu entwickeln, die auch anderen Pharmafirmen offensteht. Dafür hatte der Baseler Konzern eigens die Tochterfirma Novartis Data42 gegründet.
Projekt kurz vor dem KI-Hype eingedampft: „Timing ungünstig“
Doch von den einst ambitionierten Zielen ist Novartis abgerückt. Achim Plückebaum, von Beginn an Projektleiter von Data42, ist Ende Oktober 2022 aus dem Führungsgremium des Novartis-Tochterunternehmens ausgeschieden, wie aus dem Schweizer Handelsregister hervorgeht.
Guylaine Vachon, Strategiechefin bei Novartis Global Development Operations, zog sich gleichzeitig aus dem Verwaltungsrat der Tochterfirma zurück – ebenso wie weitere Top-Manager des Baseler Pharmakonzerns.
Ein Insider sagt: „Das Team war sehr früh dran, aber hat es nicht schnell genug geschafft, gegenüber der Geschäftsleitung zu zeigen, welchen Wert es beitragen kann.“ Das Timing der Sparrunde sei jedoch sehr ungünstig. „Jetzt, wo die KI-Technologie aufgeholt hat, ist es sehr schade, dass Novartis das Team aufgelöst hat.“
Die Branche knüpft große Hoffnungen an den Einsatz von Künstlicher Intelligenz in der Pharmaforschung. Experten wie Ashwini Ghogare, Leiterin des Bereichs „AI and Automation in Drug Discovery“ bei der Merck-Tochter MilliporeSigma, schätzt, dass sich Dauer und Kosten für die Entwicklung neuer Medikamente um bis 70 Prozent reduzieren könnten.
Milliardenschwere Chance
Neue Medikamente könnten künftig vielleicht schon in drei Jahren auf den Markt kommen. Und es dürfte mehr neue Therapien geben, erwarten die Biotech-Analysten von Morgan Stanley.
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Das Medikamentengeschäft von Novartis läuft derzeit gut: Die Umsätze des Herzmittels Entresto kletterten um 37 Prozent auf über 1,5 Milliarden Dollar, wie Novartis Dienstag bei der Vorlage der Quartalszahlen mitteilte. Die Verkäufe des Multiple-Sklerose-Medikaments Kesimpta verdoppelten sich auf knapp eine halbe Milliarde.
„Auch neu herausgebrachte Medikamente haben sich gut entwickelt“, lobte Vontobel-Analyst Stefan Schneider. In der Vergangenheit hatten einige Analysten Zweifel geäußert, dass Novartis auch in den nächsten Jahren noch genügend neue Produkte für seinen Wachstumskurs in der Entwicklung hat. Vielversprechende Studiendaten bei dem Brustkrebsmedikament Kisqali sowie Zukäufe haben das Bild aber geändert. Insbesondere der Kauf der US-Biotechfirma Chinook, für das Novartis bis zu 3,5 Milliarden Dollar zahlen will, dürfte die Medikamentenpipeline stärken.
Das Medikamentengeschäft von Novartis läuft derzeit gut.
Foto: imago stock&peopleDas Unternehmen entwickelt unter anderem zwei Wirkstoffe zur Behandlung einer seltenen und schweren chronischen Nierenerkrankung, die derzeit in fortgeschrittenen klinischen Studien getestet werden.
Novartis hebt Prognose erneut an
Insgesamt wuchs der Pharmariese im zweiten Quartal währungsbereinigt mit neun Prozent auf 13,62 Milliarden Dollar stärker als von den meisten Analysten erwartet. Der um Sonderfaktoren bereinigte operative Gewinn zog um 17 Prozent auf 4,67 Milliarden Dollar an. Der Nettogewinn stieg um 54 Prozent auf 2,32 Milliarden Dollar.
Novartis hob daher am Dienstag die Prognose für das Gesamtjahr zum zweiten Mal in diesem Jahr an. Finanzvorstand Kirsch betonte, das Unternehmen generiere große Mengen Cash. Das Geld soll an die Aktionäre ausgeschüttet werden: Novartis legte am Dienstag ein bis 2025 laufendes neues Aktienrückkaufprogramm über 15 Milliarden Dollar auf.
Erstpublikation: 18.07.2023, 11:35 Uhr.