Morning Briefing: Ultimatum: Kreml sieht Getreidefrachter als militärische Ziele

Ultimatum: Kreml sieht Getreidefrachter als militärische Ziele / Umbau: Goldman Sachs dampft Privatkundengeschäft ein
Guten Morgen, sehr geehrte Leserinnen und Leser,
wenige Tage nach dem Ende des Getreideabkommens hat Russland nun ein Ultimatum ausgesprochen: Ab heute um Mitternacht osteuropäischer Zeit würden Schiffe, die ukrainische Häfen ansteuern, als „potenzielle Träger militärischer Fracht“ bewertet, so das Verteidigungsministerium in Moskau – eine kaum bemäntelte Drohung, im Zweifel auch Handelsschiffe aus neutralen Staaten anzugreifen.
Der Kreml hatte das Abkommen am Montag nicht mehr verlängert, damit wurden die Garantien für einen sicheren Transport von Agrargütern aus drei ukrainischen Schwarzmeerhäfen aufgekündigt. Moskau behauptet, westliche Staaten hätten die im Abkommen zugesicherten Erleichterungen für russische Dünge- und Nahrungsmittelexporte nicht ausreichend umgesetzt.
In den vergangenen Nächten bombardierte Russland gezielt die Hafenregion Odessa. Durch den Beschuss wurden dort nach ukrainischen Angaben rund 60.000 Tonnen Getreide vernichtet.
Egal, ob russischer Angriff auf die Ukraine, Coronapandemie oder Zinsschock: Immer wieder haben zuletzt unerwartete Ereignisse die Pläne von Unternehmensmanagern über den Haufen geworfen. Doch diese Erfahrung hindert die meisten Konzerne nicht daran, weiterhin recht konkrete Prognosen abzugeben.
18 der insgesamt 40 Unternehmen im Leitindex Dax, und damit zwei mehr als 2022, erreichten in diesem Jahr das höchste Transparenzlevel, wenn es darum geht, Aktionäre über den erwarteten Geschäftsverlauf zu informieren. Das zeigt eine Auswertung der Beratungsfirma Kirchhoff Consult mit der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Die Analyse lag dem Handelsblatt vorab vor. Bewertet wurde anhand von 15 Prognosekriterien zur zukünftigen Geschäftsentwicklung, darunter Umsatz und Ergebnis, Investitionen und Dividende.
Nur die Deutsche Bank fiel mit einer „niedrigen Transparenz“ negativ auf. Allerdings veröffentlichten Airbus und Qiagen gar keinen Prognosebericht, was aus Aktionärssicht wohl mindestens genauso unbefriedigend ist.
Reinraumlabor von BASF: Trotz schwieriger Geschäftslage bietet der Chemieriese seinen Aktionären viel Orientierung im Geschäftsbericht.
Die Deutsche Telekom und BASF erfüllen die meisten Bewertungskriterien. So stellt die Telekom in ihrem aktuellen Geschäftsbericht wichtige Leistungsindikatoren zur Steuerung des Unternehmens in Auflistungen und Tabellen dar. Darüber hinaus erläutert das Management, welche Annahmen den prognostizierten Kennzahlen zugrunde liegen.
Der Kampf gegen das Teilen von Zugangsdaten und ein günstigeres werbefinanziertes Abonnement haben Netflix einen überraschend hohen Quartalsgewinn beschert. In den vergangenen Monaten seien 5,9 Millionen Kunden hinzugekommen, teilte der Streaming-Dienst am Mittwoch mit. Das ist gut dreimal so viel wie erwartet. Der Netto-Überschuss lag mit 3,29 Dollar je Aktie deutlich über der durchschnittlichen Analystenprognose. Der Umsatz war mit 8,187 Milliarden Dollar allerdings leicht hinter den Markterwartungen zurückgeblieben.
Genau das umgekehrte Bild bei Tesla: Dort sorgten Preissenkungen für einen Rückgang der Bruttomarge auf 18,2 Prozent nach 19,3 Prozent im Vorquartal. Das ist der niedrigste Wert in 16 Quartalen. Dafür übertraf der Elektroautobauer mit 24,9 Milliarden Dollar die Umsatzerwartungen. Der Nettogewinn lag bei 3,15 Milliarden Dollar.
Und was bitte ist los bei der einstigen Gelddruckmaschine Goldman Sachs? „Wir befinden uns mitten in einer strategischen Transformation“, sagte CEO David Solomon am Mittwoch. Eine Begründung für miese Zahlen, die ja selbst im SDax nicht mehr besonders originell klingt, geschweige denn an der Wall Street. Zuvor musste Solomon das schlechteste Quartalsergebnis seit drei Jahren verkünden. Der Nettogewinn brach gegenüber dem Vorjahresquartal um 58 Prozent auf 1,2 Milliarden Dollar ein.
Tatsächlich hat Goldman Sachs derzeit zwei große Baustellen, die sowohl die Zahlen als auch die Stimmung belasten.
- Da wäre erstens der teure Rückzug aus dem Privatkundengeschäft. Mit der Onlinebank Marcus wollte Solomon eigentlich eine „digitale Privatkundenbank der Zukunft“ schaffen. Doch der Vorstoß ist nun zu teuer und zu komplex geworden.
- Zweitens sucht die Bank einen Käufer für den Kreditanbieter Green Sky, den sie erst 2021 für 2,2 Milliarden Dollar übernommen hat. Da die Bewertungen für Fintechs seitdem deutlich gesunken sind, verbuchte Goldman auf Green Sky im zweiten Quartal Abschreibungen von 504 Millionen Dollar.
Ein kleines Beben erschütterte gestern das kalifornische Palo Alto: An der Stanford-Universität, der Kader- und Coder-Schmiede des Silicon Valley, erklärte Unipräsident Marc Tessier-Lavigne seinen Rücktritt. Zuvor hatte eine Überprüfung ergeben: Der Neurowissenschaftler war bei seinen Forschungsarbeiten nicht entschieden genug gegen Datenmanipulationen vorgegangen, die er allerdings nicht selbst verursacht hatte.
Wie die Nachrichtenagentur Bloomberg berichtet, hatte ursprünglich die Studierendenzeitung „Stanford Daily“, die Vorwürfe gegen den eigenen Präsidenten erhoben. An der Eliteuni scheinen auch die Nachwuchsjournalisten ziemlich auf Zack zu sein.
Ebendiesen Zack erhoffen wir uns auch von der Fußball-Nationalmannschaft der Frauen. Heute beginnt ihre Weltmeisterschaft in Australien und Neuseeland. Anlass für meine Kolleginnen Anna Gauto und Teresa Stiens (beide selbst fußballbegeistert) nach der Lage des Frauenfußballs in Deutschland zu fragen.
Ergebnis: Gar nicht mal schlecht, Einschaltquoten, Einnahmen, alles wächst und gedeiht – wenn auch von einem ungleich niedrigeren finanziellen Niveau als bei den Männern, wie unsere Grafik zeigt:
Allerdings bleibt mit der Professionalisierung die Bolzplatz-Romantik auf der Strecke. Heute dominieren in der ersten Liga der Frauen Vereine wie Bayern München, VfL Wolfsburg, Eintracht Frankfurt und die TSG Hoffenheim. Alles Namen, die aus dem Männerfußball bekannt sind. Der Frauenfußball-Pionier Turbine Potsdam hingegen ist abgestiegen. So kommt es, dass in der nächsten Saison die SGS Essen der letzte eigenständige Frauenfußballverein der ersten Bundesliga sein wird.
Tja, könnte man sagen, Uniformität ist halt der Preis der Kommerzialisierung: Der amtierende Deutsche Meister der Frauen wie auch der Männer heißt Bayern München. Die Champions League der Frauen gewann der auch bei den Männern nicht ganz erfolglose FC Barcelona. Und um Turbine Potsdam setzt wahrscheinlich demnächst jene nostalgische Verklärung ein, die auch einstige Männerfußball-Größen wie Rot-Weiss Essen (Deutscher Meister von 1955!) umflort.
Ich wünsche Ihnen einen Tag, an dem Sie auch ohne Verklärung herausragen.
Herzliche Grüße
Ihr Christian Rickens
Textchef Handelsblatt