Künstliche Intelligenz: ChatGPT schnappt Anwalt Mandate weg
ChatGPT wird eingesetzt, um menschliche Eingaben in Textform zu verstehen, Übersetzungen durchzuführen, Antworten auf Fragen zu geben und menschenähnliche Texte zu generieren, einschließlich juristischer Vermerke, Verträge und Schriftsätze.
Foto: ReutersDüsseldorf. Der Rechtsberatungsmarkt ist im Wandel. Alternative Geschäftsmodelle haben an Bedeutung gewonnen, darunter juristische Prozess-Outsourcing-Unternehmen, Legal Services Provider, Online-Rechtsdienstleister und Legal-Tech-Unternehmen, die insbesondere im B2C-Bereich neue, auf wiederholbares Massengeschäft zugeschnittene Dienstleistungen anbieten.
Die klassische Anwaltskanzlei ist unter Druck, auch weil immer weniger Juristen den Anwaltsjob ergreifen und immer weniger Anwälte ihm treu bleiben.
In diese Periode fällt nun der Einsatz Künstlicher Intelligenz (KI) durch Rechtsanwälte. KI-basierte Lösungen im Rechtsbereich wie Watson, Kira und zuletzt Harvey können bestimmte Informationen in Textdokumenten erkennen, verstehen und verarbeiten oder anwendbares Recht und einschlägige Gerichtsentscheidungen finden. Dadurch können Anwälte Verträge und andere Dokumente effizienter prüfen und rechtliche Fragestellungen schneller auflösen.
All dies ist jedoch nichts angesichts des jüngsten Aufkommens von Large Language Models (LLM) mit Namen wie ChatGPT, Bing, Bard, Claude oder Llama. Das sind KI-Modelle, die speziell für die Verarbeitung natürlicher Sprache entwickelt wurden.
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Sie werden eingesetzt, um menschliche Eingaben in Textform zu verstehen, Übersetzungen durchzuführen, Antworten auf Fragen zu geben und menschenähnliche Texte zu generieren, einschließlich juristischer Vermerke, Verträge und Schriftsätze.
Ihre Funktionsweise basiert auf einer Kombination von Techniken des Maschinenlernens und der Künstlichen Intelligenz, insbesondere auf Deep Learning und neuronalen Netzwerken. Sie sind in der Lage, lange Sequenzen von Wörtern zu verarbeiten und dabei Zusammenhänge zu berücksichtigen.
Anhand großer Textmengen wird ein LLM trainiert und lernt, Muster in den Daten zu erkennen, einschließlich der Struktur der Sprache, grammatikalischer Regeln und thematischer Zusammenhänge.
Grenzen der Sprachmodelle
Das ist zugleich die wesentliche Limitation der Modelle. Sie „verstehen“ die Texte und ihre Bedeutung nicht, sondern liefern ihre Analyse und Ausgabe basierend auf den statistischen Mustern und Wahrscheinlichkeiten von Wortkombinationen, die sie während des Trainings gelernt haben. Die Qualität der Trainingsdaten bestimmt wesentlich das Ergebnis. Die großen kommerziellen juristischen Datenbanken in Deutschland stehen LLM noch nicht als Quelle zur Verfügung.
Für die Bewältigung juristischer Aufgaben reicht das allerdings aus. Jüngst sorgte der Bericht eines österreichischen Anwalts für Aufsehen, dessen Mandat die Übersetzung und Adaption eines englischen Vertragskonvoluts – an das österreichische Recht – vorsah. Noch bevor der Anwalt die Arbeit beginnen konnte, übersandte der Mandant das Arbeitsergebnis, mustergültig erledigt durch ChatGPT.
So meint Tom Braegelmann, Experte für KI in Kanzleien, sogar: „Die heutigen LLM können allesamt Juristendeutsch simulieren und werden deswegen schon längst zur Vertragsgestaltung und Rechtsprüfung eingesetzt, auf Gedeih und Verderb, aber mit Erfolg: Es muss ja nur besser als Google und nicht besser als ein Anwalt sein. Faktisch ist damit das außergerichtliche Rechtsberatungsmonopol der Anwaltschaft beseitigt worden.“ Andere sehen bereits wissenschaftliche Mitarbeiter und Referendare durch LLM ersetzt. Den Anwalt ersetzen sie hingegen nicht. Weder können sie den juristisch relevanten Sachverhalt erfassen, noch sich selbst die richtigen Fragen stellen. Insbesondere aber können sie nicht selbst erkennen, ob die Informationen, mit denen sie zum Ergebnis gelangen, korrekt, vollständig und kohärent sind.
Tobias Neufeld ist Digitalexperte und Partner der Kanzlei ARQIS. Er ist ständiger Autor der Fachzeitschrift „Betriebs-Berater“.