Halbleiter: Schwache Chipzahlen belasten globale Konjunktur
Viele Chipwerke sind derzeit kaum ausgelastet, das ist alarmierend für die Weltwirtschaft.
Foto: Sven Döring für BoschMünchen. Autos, Roboter, Waschmaschinen: Ohne Chips stünde die moderne Welt schnell still. Die Nachfrage nach den Bauteilen ist ein Frühindikator für die wirtschaftliche Entwicklung rund um den Globus. Die jüngsten Nachrichten aus der Halbleiterindustrie sind deshalb beunruhigend: „Die Nachfrage erholt sich langsamer als erwartet“, warnt Clark Tseng vom Halbleiter-Branchenverband Semi.
Derzeit seien die Lager der Hersteller randvoll, sie würden erst Ende 2023 wieder das übliche Niveau erreichen – und damit wesentlich später als prognostiziert. Anfang des Jahres hatten die Konzerne noch mit einem Aufschwung bei den Chips spätestens ab Sommer gerechnet.
Doch danach sieht es erst einmal nicht aus. Die Auslastung der Chipfabriken wird Semi zufolge weiter sinken. Die Konzerne nutzen ihre Werke demnach über die gesamte Industrie hinweg derzeit nur zu gut 70 Prozent.
Halbleiter: Kunden müssen Chips Monate im Voraus bestellen
Es lohnt sich, die Zahlen der Chipbranche genau anzuschauen. Denn die Halbleiterkonzerne stehen am Anfang der Wertschöpfungskette. Es dauert mehrere Monate, die komplexen Bauteile zu fertigen. Entsprechend frühzeitig müssen die Kunden bestellen. Die aktuelle Auftragslage der Chiphersteller spiegelt also die Erwartungen der Abnehmer für deren Geschäft in einigen Monaten.
In der Vergangenheit hätten sich die Chipverkäufe und Weltwirtschaft weitgehend ähnlich entwickelt, meint Peter Fintl, Halbleiterexperte der Beratungsgesellschaft Capgemini. Da die Bauelemente in vielen Produkten eine immer größere Rolle spielten, seien sie als Gradmesser für die Entwicklung der Weltwirtschaft zuletzt noch wichtiger geworden. Wenn Fintl recht behält, ist mit einem weltweiten Aufschwung erst nächstes Jahr zu rechnen.
Konjunktur: Chipbranche steckt seit Monaten in der Flaute
Vor Ausbruch der Coronapandemie im Jahr 2020 sei die Chipindustrie der globalen Konjunktur etwa sechs Wochen vorausgeeilt, so der Branchenverband ZVEI. Es spricht einiges dafür, dass die Chipindustrie die Entwicklung der Weltwirtschaft auch jetzt noch vorwegnimmt – wahrscheinlich mit noch wesentlich mehr Vorlauf als zuvor. Denn als Konsequenz aus den Lieferengpässen der Pandemie ordern viele Kunden früher.
Die Chipbranche steckt bereits seit dem vergangenen Jahr in einer Flaute – genauso wie wichtige Volkswirtschaften wie China und Deutschland. So lag der Umsatz im zweiten Quartal weltweit um 17 Prozent unter dem Vorjahr. Den größten Einbruch verzeichneten die Halbleiterfirmen in Asien mit einem Umsatzminus von gut 20 Prozent.
Das liegt vor allem an den anhaltend schwachen Verkäufen der Computerbauer und Smartphone-Produzenten. Sie sind die wichtigsten Kunden der Chipindustrie. Die Geräte werden hauptsächlich in China und Südostasien gefertigt.
Vorschau: Was die Chipnachfrage über die Weltkonjunktur verrät
Die Chiphersteller hatten Anfang des Jahres nur mit einer kurzen, leichten Delle gerechnet. „Wir prognostizieren, dass der Halbleiterzyklus irgendwann in der ersten Jahreshälfte seinen Tiefpunkt erreichen wird und wir in der zweiten Jahreshälfte 2023 eine Erholung sehen“, sagte der Chef von TSMC, C.C. Wei, im Januar. TSMC ist der weltgrößte Auftragsfertiger. Die Taiwaner bedienen rund 300 Kunden aus der Branche und spüren daher unmittelbar, ob es der Industrie gut oder schlecht geht.
Die erhoffte Wende aber ist ausgeblieben, genauso wie etwa die Konjunkturbelebung in China und wichtigen Industrieländern des Westens. Die USA zeigen sich zwar robuster, aber auch hier wird die Kauflaune der Konsumentinnen und Konsumenten gebremst durch hohe Lebenshaltungskosten.
Halbleiter: TSMC warnt vor schwachem Geschäft
Fürs laufende Jahr kündigte TSMC-CEO Wei jüngst einen Umsatzrückgang von zehn Prozent an. Im Frühjahr war er noch von einem einstelligen Minus ausgegangen. Der Manager hatte das Investitionsbudget bereits im Juni gekappt. So steckt der Konzern dieses Jahr lediglich 32 Milliarden Dollar in neue Werke und Maschinen, vier Milliarden weniger als 2023.
Den Herstellern zufolge bietet sich ein gemischtes Bild: „Einerseits sorgen Elektromobilität und erneuerbare Energien sowie die damit verbundenen Anwendungsbereiche für stabil hohe Nachfrage“, sagte jüngst Jochen Hanebeck, Chef des Münchener Chipproduzenten Infineon. „Andererseits ist der Bedarf zum Beispiel für Consumer-Anwendungen wie PCs und Smartphones nach wie vor gering.“
Bauplatz in Dresden: Ungeachtet der Konjunkturflaute wollen die Taiwaner in Sachsen ein neues Werk errichten.
Foto: dpaImmerhin, alles sieht danach aus, als ginge es mit dem Umsatz der Konzerne nicht weiter bergab. „Die jüngsten Trends deuten darauf hin, dass das Schlimmste vorbei ist. Wir gehen davon aus, dass die Halbleiterfertigung im ersten Quartal 2024 ihren Tiefpunkt erreichen wird“, so Semi-Experte Tseng. Die Marktforscher von Yole erwarten derweil sieben Prozent weniger Umsatz für die Branche in diesem Jahr als 2022.
Eine zaghafte Trendwende ist bereits erkennbar. So stiegen die Einnahmen der Branche insgesamt im zweiten Quartal gegenüber dem Vorquartal um knapp zwei Prozent. Und im Juni sind die Erlöse der Hersteller den vierten Monat in Folge gestiegen. Neuere Angaben liegen noch nicht vor.
Lenovo: Verhaltene Zuversicht von Schlüsselkunden
Das leichte Plus der Chipbranche reflektiert den verhaltenen Optimismus von Schlüsselkunden wie Lenovo, dem größten PC-Produzenten der Welt. „Ich glaube, das letzte Quartal war das schlechteste“, sagte Vorstandschef Yang Yuanqing vergangene Woche dem Finanzinformationsdienst Bloomberg News. So ist der Umsatz zwischen April und Ende Juni um 24 Prozent und der Gewinn um 66 Prozent zurückgegangen.
Im laufenden Quartal werde der chinesische Konzern zwar vermutlich noch schrumpfen. Aber: „Wir haben wahrscheinlich im nächsten Quartal eine gute Chance, einen Anstieg gegenüber dem Vorjahr zu sehen“. 2024 werde dann das Wachstum zurückkehren. Wenn es tatsächlich so kommt, müsste sich das in den nächsten Monaten in niedrigeren Lagerbeständen, sinkenden Leerstandskosten und steigenden Umsätzen der Chiphersteller zeigen.
An den milliardenschweren Expansionsplänen der Chipkonzerne wird die Flaute derweil nichts ändern. So sind Intel, Infineon, TSMC und Wolfspeed gerade dabei, große neue Werke in Deutschland zu errichten. Auch in Japan, Südkorea, den USA und China entstehen riesige Fabriken. Hersteller und Marktbeobachter gehen davon aus, dass sich der Branchenumsatz bis 2030 auf eine Billion Dollar nahezu verdoppeln wird.
Die Autohersteller wollen mehr Chips
„Der globale Halbleiterbedarf wird angesichts der hohen Nachfrage nach erneuerbaren Energien, Rechenzentren und Elektromobilität stark und anhaltend wachsen“, so Infineon-Chef Hanebeck. Der Manager hat sich dieses Jahr entschlossen, erstmals zwei große Fabriken parallel zu bauen, eine in Dresden, eine in Malaysia.
Die Kunden glauben ebenfalls, dass es mit den Chips – und der Nachfrage insgesamt – langfristig aufwärtsgeht. Allein in der Automobilindustrie werde sich der Halbleiterbedarf bis 2030 voraussichtlich verdreifachen, so der Auto-Industrieverband VDA. Für den weiteren Hochlauf der Elektromobilität seien neue Kapazitäten daher zwingend notwendig.
Erstpublikation: 22.08.2023, 04:00 Uhr.