Morning Briefing: Bündnis mit Vorbehalten: Was die BRICS-Staaten zusammenhält

Bündnis mit Vorbehalten: Was die BRICS-Staaten zusammenhält
Guten Morgen, sehr geehrte Leserinnen und Leser,
„Elf Freunde müsst Ihr sein!“, hieß es früher bisweilen im Fußball. Das gelingt schon im Sport höchst selten. Wie soll das Prinzip erst in diesem seltsamen Club funktionieren, der da gestern in Johannesburg zusammenfand? Zum bestehenden BRICS-Bündnis aus der kommunistischen Diktatur China, dem faschistischen Russland und den drei Demokratien Indien, Südafrika und Brasilien sollen noch die schwerreichen Vereinigten Arabischen Emirate hinzukommen, der ökonomische Serienabsteiger Argentinien, die fundamentalistische Monarchie Saudi-Arabien und ihr ewiger Widersacher Iran. Dazu Äthiopien und Ägypten.
Das Wesentliche, was diese zusammengewürfelte Elf eint, ist die Ablehnung dessen, was als Dominanz des politischen Westens wahrgenommen wird. Und diese Ablehnung herrscht offenbar nicht nur dort, wo wir sie ohnehin vermutet hätten, also im Kreml, im Pekinger Politbüro oder bei den Mullahs in Teheran. Sondern auch in so westlich anmutenden Hauptstädten wie Brasilia, Pretoria oder Buenos Aires.
In einem Punkt sind sich BRICS-Staaten einig: Für sie ist klar, dass die aktuelle internationale Ordnung den Westen begünstigt.
Foto: IMAGO/UPI PhotoVieles, was uns in Europa als verantwortungsbewusste Politik im Interesse des globalen Südens erscheint, wird in den BRICS-Staaten offenbar als Bevormundung gesehen: Unser Pochen auf Umwelt- und Sozialstandards etwa, festgehalten zum Beispiel im deutschen Lieferkettengesetz. Oder unsere Neigung, uns in die Politik anderer Staaten einzumischen, wenn dort Menschen- oder Völkerrecht verletzt wird. Kritisch registriert wird auch die Angewohnheit des Westens, die eigenen hehren Standards schnell zu vergessen, wenn sie den eigenen Interessen in die Quere kommen.
Der indische Außenpolitikexperte Manoj Kewalramani sagt im Interview mit dem Handelsblatt: „Die Zeit nach dem 11. September 2001 hat zu einer Erosion der Glaubwürdigkeit des Westens und insbesondere Amerikas geführt. Die USA haben Kriege geführt und sich aus den Ländern wieder zurückgezogen, so wie es ihnen passte – auch unter Umgehung des UN-Sicherheitsrats, der so entscheidend geschwächt wurde. Das Verhalten wird als heuchlerisch wahrgenommen.“
Die Herausforderung für den Westen wird in den kommenden Jahren darin bestehen, solche Kritik ernster zu nehmen, ohne deshalb gleich seine eigenen Interessen und Ideale zu verraten.
Das Gute: Die wenigsten BRICS-Mitglieder und -Aspiranten stehen ideologisch gefestigt im antiwestlichen Lager. Sie erhoffen sich dort lediglich den besseren Deal. Es ist jetzt an uns, dass wir sie nicht vollends an Peking und Moskau verlieren. Was schon allein deshalb wichtig ist, weil die wirtschaftliche Bedeutung der Elf in den kommenden Jahren nahezu zwangsläufig zunehmen wird.
Alles über den neuen Elfer-Klub, sein ökonomisches Potenzial und seine politische Zerrissenheit lesen Sie heute im Freitagstitel des Handelsblatts.
Viele Unternehmen sorgen sich, dass sie künftig nicht genügend erneuerbar erzeugten und bezahlbaren Strom bekommen könnten.
Foto: dpaDie Debatte um einen Industriestrompreis sorgt für den nächsten Ampelkrach: Die Grünen, allen voran Wirtschaftsminister Robert Habeck, machen sich für staatlich subventionierte Elektrizitätspreise stark, mit denen die energieintensive Industrie beim grünen Umbau unterstützt werden soll. Die FDP sperrt sich gegen die teure Maßnahme, auch der Wirtschaftsdachverband DIHK hat Bedenken: Eine Senkung der Stromsteuer und eine schnellere Ausweitung des Stromangebots seien die bessere Alternative, heißt es dort. Davon könnte die deutsche Wirtschaft in der gesamten Breite profitieren.
Gestern hat die SPD-Fraktion einen Sechs-Punkte-Plan entwickelt, der dem Handelsblatt vorliegt. Sie fordert einen „Transformationsstrompreis“ von fünf Cent pro Kilowattstunde für stromintensive Industrieunternehmen, der zunächst für fünf Jahre gelten soll. Das ist etwa ein Viertel dessen, was Industrieunternehmen im zweiten Halbjahr 2022 für Strom bezahlt haben. Bundeskanzler Olaf Scholz hingegen hat bislang zumindest den Eindruck erweckt, gegen einen Industriestrompreis zu sein.
In Teilen der Industrie sorgt die kritische Haltung von FDP und Finanzminister Christian Lindner für Unverständnis. Der Chef der Münchener Wacker Chemie, Christian Hartel, sagte dem Handelsblatt: „Der Finanzminister spart am falschen Ende.“
Ein zeitlich begrenzter Industriestrompreis werde sich letztlich volkswirtschaftlich bezahlt machen. „Deshalb müsste der Finanzminister eigentlich der Erste sein, der sich dafür ausspricht.“
Vermutlich haben sowohl Lindner als auch Scholz die Goldene Regel aller Subventionen im Hinterkopf: Je fester man sich vornimmt, dass sie nur übergangsweise gewährt werden, desto länger normalerweise das Leben, das ihnen beschieden ist.
Das einst hochbewertete Startup steht am Abgrund.
Foto: ReutersVor vier Jahren war Wework noch Star-Start-up mit einer Bewertung von 47 Milliarden Dollar, jetzt ist es ein Pleitekandidat: Eine Gruppe von US-Fonds, die dem Bürovermieter Geld geliehen hat, prüft einem Bericht des „Wall Street Journal“ zufolge die Möglichkeit eines Antrags auf Gläubigerschutz. Die Kreditgeber, zu der Blackrock, King Street Capital und Brigade Capital gehörten, führten danach erste Gespräche über die Umstrukturierungsoptionen des Unternehmens. Die Fonds hätten angedeutet, dass sie einen Antrag auf Gläubigerschutz nach Chapter 11 unterstützen würden.
Allein in den ersten sechs Monaten des Jahres hat Wework nach eigenen Angaben 646 Millionen Dollar verbrannt, Ende Juni verfügte das Unternehmen noch über Barmittel von 205 Millionen Dollar. Der Trend zum hybriden Arbeiten nach der Corona-Pandemie und der Stellenabbau im Technologiesektor machen Wework zu schaffen. Die 777 Standorte in 39 Ländern sind im Schnitt nur zu 72 Prozent belegt. Bereits vor zwei Wochen hatte das Unternehmen gewarnt: Man brauche frisches Geld oder müsse die Regeln des Insolvenzrechts nutzen.
Der spanische Fussball-Chef steht vor dem Rücktritt.
Foto: WITTERSÄhnlich unerfreulich geht die Woche für Spaniens Fußball-Chef Luis Rubiales zu Ende. Bei einer außerordentlichen Generalversammlung des Verbandes RFEF heute in Madrid steht offenbar sein Rücktritt bevor. Der 46-Jährige hatte bei der WM-Siegerehrung die spanische Spielerin Jennifer Hermoso ungefragt auf den Mund geküsst.
In Spanien ist deswegen die Empörung groß. Nicht zuletzt, weil bekannt wurde, dass Rubiales schon in der Vergangenheit mit dem Vorwurf übergriffigen Verhaltens konfrontiert gewesen war. Der Weltverband FIFA leitete am Donnerstag ein Disziplinarverfahren gegen Rubiales ein. Von dessen elf Freunden sind offenbar nur noch recht wenige übriggeblieben.
Ich wünsche Ihnen einen Wochenausklang ohne Auswechslungsgefahr.
Herzliche Grüße
Ihr Christian Rickens
Textchef Handelsblatt
P.S: Wir wollten in dieser Woche von Ihnen wissen: Ist die Vier-Tage-Woche ein tragbares Modell oder eher ein Produktivitätskiller? Hier finden Sie unsere Leserdebatte dazu.