Adipositas: Wie sich Übergewicht bis 2035 weltweit verbreiten soll
Die Verbreitung von Adipositas ist aktuell in keinem Land der Welt rückläufig.
(Foto: Franziska Kraufmann/dpa)
Düsseldorf. Das Bundesgesundheitsministerium will die Fettleibigkeit hierzulande künftig stärker bekämpfen. Anfang April hat es die Einführung eines speziellen Disease-Management-Programms angekündigt. Dabei handelt es sich laut der Deutschen Adipositas-Gesellschaft um ein langfristiges Behandlungsangebot, um das Körpergewicht und das damit verbundene Risiko für Folgeerkrankungen wie Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu senken.
Übergewicht und Adipositas sind allerdings laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) längst nicht mehr nur ein Problem von Ländern mit hohem Lebensstandard und Durchschnittseinkommen. So fordert Übergewicht nach Angaben der WHO inzwischen mehr Menschenleben auf der Welt als das gegenteilige Extrem – Untergewicht.
In diesem Überblick erfahren Sie, wie Übergewicht und Adipositas entstehen und wie sie sich in den sechs WHO-Weltregionen entwickeln. Zudem zeigen Daten des World Obesity Atlas 2023 die mögliche Entwicklung bis 2035 in den zehn Länder mit den höchsten und niedrigsten Adipositasraten weltweit auf.
Was ist der World Obesity Atlas?
Den World Obesity Atlas veröffentlicht die Internationale Vereinigung zur Erforschung von Adipositas einmal jährlich. Er gibt Einblicke in globale Trends zur Verbreitung von Übergewicht und Adipositas. Die Einschätzungen des Berichts basieren auf Daten der NCD Risk Collaboration (NCD-RisC), einem Netzwerk von Gesundheitswissenschaftlern aus aller Welt. Sie erstrecken sich vom Zeitraum zwischen 1975 bis 2016 und bilden die Grundlage für die Prognosen des Jahres 2035.
Adipositas-Definition: Wann gelten Erwachsene als übergewichtig oder adipös?
Die WHO definiert Übergewicht und Adipositas als über das Normalmaß hinausgehende Fettansammlung, die gesundheitliche Probleme verursachen kann. Um Übergewicht und Fettleibigkeit einzustufen, zieht die WHO üblicherweise den Body-Mass-Index (BMI) heran. Er errechnet sich aus dem Körpergewicht einer Person (in Kilogramm) geteilt durch die Körpergröße in Metern zum Quadrat.
So gelten Erwachsene ab 18 Jahren mit einem BMI von 25 oder höher als übergewichtig und einem BMI von 30 oder höher als fettleibig oder adipös. Wichtig ist, dass der BMI als Indikator für Übergewicht und Fettleibigkeit nur begrenzt aussagekräftig ist und nicht alle individuellen Aspekte der Gesundheit und Körperzusammensetzung berücksichtigt.
Adipositas-Grade 1 bis 3: Wann spricht man von Adipositas permagna?
Die WHO unterteilt Adipositas in drei Schweregrade und eine Vorstufe, die anhand des Body-Mass-Index (BMI) gemessen werden. Die Vorstufe, Präadipositas genannt, liegt bei einem BMI zwischen 25 bis 29,9 vor. Ab einem BMI von 30 wird Adipositas Grad 1 diagnostiziert. Grad 2 liegt ab einem BMI von 35 vor und Grad 3, auch Adipositas permagna genannt, ab einem BMI von 40. Die Deutsche Adipositas-Gesellschaft (DAG) stuft das Risiko für Folgeerkrankungen bei Grad 3 als „sehr hoch“ ein.
Wie entsteht Übergewicht?
Übergewicht resultiert in den Ernährungswissenschaften aus einer einfachen Rechnung: Menschen nehmen prinzipiell mehr Kalorien zu sich, als sie verbrauchen. Dieser Umstand wird laut WHO zusätzlich verstärkt durch einen weltweit zunehmenden Konsum von kalorienreichen, fett- und zuckerhaltigen Lebensmitteln, während sich die Menschen gleichzeitig immer weniger bewegen. Der globale Statusbericht über körperliche Aktivität von 2022 zeigte, dass weltweit 81 Prozent der Jugendlichen und 27,5 Prozent der Erwachsenen die von der WHO empfohlenen Richtlinien für körperliche Aktivität nicht erreichen.
Für welche Krankheiten ist Übergewicht ein Risikofaktor?
Die gesundheitlichen Folgen dieser Entwicklung sind alarmierend. Ein hoher BMI ist nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) für zahlreiche schwerwiegende Krankheiten mitverantwortlich, darunter Herzkreislauf-Erkrankungen, Typ-2-Diabetes, Erkrankungen des Bewegungsapparates sowie verschiedene Krebsarten.
Besondere Sorgen bereiten die Folgen von starkem Übergewicht im Kindesalter. Übergewicht in jungen Jahren legt den Grundstein für eine erhöhte Gefährdung im Erwachsenenalter. Betroffene Kinder sehen sich nicht nur mit Atemproblemen konfrontiert, sondern tragen auch ein erhöhtes Risiko für Knochenbrüche, Bluthochdruck, frühe Anzeichen von Herzkreislauf-Erkrankungen sowie psychologische Auswirkungen.
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Die globale Entwicklung von 1975 bis 2016
Gemäß den Daten der NCD-RisC waren im Jahr 2016 mehr als 1,9 Milliarden Erwachsene (39 Prozent) über 18 Jahren übergewichtig. Davon waren mehr als 650 Millionen Menschen (13 Prozent) fettleibig. Zum Vergleich: Im Jahr 1975 waren lediglich fünf Prozent der Erwachsenen weltweit adipös – das entspricht einer dreimal niedrigeren Rate zu 2016.
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Die Verbreitung von Adipositas ist aktuell in keinem Land der Welt rückläufig oder nähert sich realistisch dem von der WHO festgelegten Ziel an, den Anstieg der Fettleibigkeit bis 2025 zu stoppen. Auch eine Verbesserung der Situation ist nicht in Sicht: Schätzungen des World Obesity Atlas 2023 legen nahe, dass im Jahr 2035 mehr als vier Milliarden Menschen weltweit von Übergewicht und Adipositas betroffen sein könnten – sofern keine konkreten Maßnahmen ergriffen werden.
Adipositas und Übergewicht: Die Entwicklungen in den Weltregionen der WHO
Platz 1: Amerika
Nord-, Mittel- und Südamerika wird laut des World Obesity Atlas bis 2035 einen der global stärksten Anstiege der Fettleibigkeit bei Kindern und Jugendlichen verzeichnen. Besonders bei Jungen wird ein Anstieg von 20 Prozent im Jahr 2020 auf 31 Prozent im Jahr 2035 vorhergesagt.
Den Wissenschaftlern zufolge werden in Amerika künftig mit Abstand die meisten Menschen mit Übergewicht leben. Dort rechnen sie mit einem Anteil von knapp der Hälfte der Erwachsenen (47 Prozent der Männer und 49 Prozent der Frauen) und einem Anstieg insgesamt von durchschnittlich 13,5 Prozent. Im Vergleich zu den Adipositas-Zahlen von 2020, die zwischen 32 bis 37 Prozent lagen, ein bedenklicher Anstieg.
Platz 2: Westpazifik
Im Westpazifik sticht vor allem eins hervor: Die drastische Zunahme der Fettleibigkeit unter Kindern und Jugendlichen. Von 2020 bis 2035 rechnen die Forscher mit einem Anstieg um durchschnittlich 20,5 Prozent der Prävalenz von Adipositas. Das stellt den größten Anstieg unter Kindern und Jugendlichen weltweit dar. Gemäß dem aktuellen World Obesity Report werde sich die Zahl der stark übergewichtigen Jungen bis 2035 verdoppeln, während sich die Zahl der betroffenen Mädchen sogar verdreifachen werde. Bei den Erwachsenen zeichnet sich eine Verdopplung ab. Bei Männern von acht auf 19 Prozent und bei Frauen von 9 auf 16 Prozent.
Eine wachsende Zahl an fettleibigen Menschen bescheinigt die Prognose des World Atlas 2023 zahlreichen Inselstaaten im Pazifik. Dazu zählen unter anderem Tonga, Kiribati, Samoa, Französisch-Polynesien und Mikronesien. Allesamt bilden sie die Spitze der voraussichtlich fettleibigsten Nationen im Jahr 2035. In Tonga und Kiribati etwa werden zwei Drittel der Bevölkerung (67 Prozent) stark übergewichtig sein.
Platz 3: Europa
Im Jahr 2022 wies die WHO darauf hin, dass weit mehr als die Hälfte der Erwachsenen in Europa (knapp 60 Prozent) und nahezu jedes dritte Kind im Grundschulalter übergewichtig oder adipös sei. Starkes Übergewicht tritt bei Frauen (24 Prozent) in Europa häufiger auf als bei Männern (22 Prozent). Dabei stehen Übergewicht und Adipositas als Risikofaktoren für frühzeitigen Tod an vierter Stelle in Europa – nach Bluthochdruck, Ernährungsrisiken und Tabakkonsum.
Im Vergleich zu anderen Weltregionen erwartet Europa im Zeitraum von 2020 bis 2035 einen moderaten Anstieg. Ein WHO-Bericht über Adipositas in der Region Europa aus dem Jahr 2022 unterstreicht, dass starkes Übergewicht im europäischen Raum Ausmaße einer Epidemie erreicht habe. Der World Obesity Atlas prognostiziert, dass der Anteil an adipösen Männern in der europäischen Region von aktuell 22 auf 39 Prozent im Jahr 2035 und an adipösen Frauen von 24 auf 35 Prozent zunimmt. Bei Jungen und Mädchen werden noch etwas stärkere Anstiege erwartet.
Platz 4: Östlicher Mittelmeerraum
Auch im östlichen Mittelmeerraum, der Nordafrika und den Nahen Osten umfasst, erwartet der World Obesity Atlas mehr fettleibigen Menschen. Demnach zeichnet sich vor allem bei jungen Menschen von 2020 bis 2035 eine Verdopplung ab – von derzeit 11 auf 23 Prozent. Bei Frauen und Männern bahnt sich in dem Zeitraum jeweils ein Anstieg von 11 Prozent an. Bei Männern von 20 auf 31 Prozent und bei Frauen von 30 auf 41 Prozent.
Der Trend rührt Studien zufolge daher, dass sich traditionelle Ernährungsmuster, die viel Obst, Gemüse und Vollkornprodukte enthalten, zu einer zunehmend zuckerhaltigen Ernährung entwickeln. Ähnlich wie in den USA wird auch im Ostmittelmeerraum eine ungesunde Lebensweise durch Lebensmittel-Marketing gefördert.
Platz 5: Südostasien
Im Jahr 2020 noch sehr geringe Adipositasraten, erwartet die Forschung auch in Südostasien einen starken Zuwachs von Fettleibigkeit. Für den Zeitraum von 2020 bis 2035 sagt der Obesity Atlas einen Anstieg von drei auf elf Prozent der Mädchen und von fünf auf 16 Prozent der Jungen voraus. Die Raten für Erwachsene werden sich voraussichtlich verdoppeln, bei Männern von vier auf zehn Prozent und bei Frauen von acht auf 16 Prozent.
Allen voran die Globalisierung und Verstädterung verändern die Lebensgewohnheiten in der Region. Ungesunde Lebensmittel, schlechte Ernährungsmuster und Bewegungsmangel sind laut WHO auch in Südostasien allgegenwärtig. Hinzu kommt, dass die Bevölkerung eine doppelte Belastung trägt. Während die Länder mit niedrigem bis mittlerem Einkommen in der Region nach wie vor mit Unterernährung kämpfen, konfrontieren Länder mit höherem Einkommen einen rasanten Anstieg von Übergewicht.
Die USA an erster Stelle unter den Industrienationen
Der Spitzenreiter unter den Industrienationen sind die USA. Im Jahr 2035 werden schätzungsweise 58 Prozent der Bevölkerung in den Vereinigten Staaten von Adipositas betroffen sein. Im Jahr 2016 noch auf Platz 14, rangieren die USA 2035 voraussichtlich auf Platz fünf weltweit.
Die Gründe für die Zunahme von Adipositas im Land sind vielfältig. Dazu zählen laut der Autoren des World Obesity Atlas ein hoher Junk-Food-Konsum, der begrenzte Zugang zu frischen Lebensmitteln sowie eine Industrie, die durch gezieltes Marketing ungesunde Essgewohnheiten begünstigt. Erheblicher Bewegungsmangel in der Bevölkerung trage ebenfalls zu diesem Problem bei.
Deutschland: Anteil der Fettleibigen im europäischen Vergleich
Für Deutschland prognostiziert der World Obesity Atlas von 2023, dass 36 Prozent der erwachsenen Bevölkerung 2035 an Fettleibigkeit leiden könnte. Dies entspricht dem Medianwert aller Mitgliedsländer der Europäischen Union. Laut der RKI-Studie Gesundheit in Deutschland aktuell (GEDA) von 2021 waren zwischen 2019 und 2020 fast 24 Millionen Menschen (34,5 Prozent) übergewichtig und knapp 13 Millionen Menschen (19 Prozent) adipös.
EU-weit wird die Fettleibigkeitsrate im Jahr 2035 voraussichtlich in einem breiten Spektrum zwischen 24 und 47 Prozent je nach Land liegen. Dabei fällt auf, dass selbst die EU-Staaten mit der niedrigsten Rate weit über dem gesunden Bereich liegen.
Top-3 EU-Länder mit der niedrigsten Adipositas-Rate 2035:
- Frankreich (24%)
- Estland, Italien (28%)
- Slowenien, Slowakei (31%)
Top-3 EU-Länder mit der höchsten Adipositas-Rate 2035:
- Irland (47%)
- Malta (40%)
- Zypern, Griechenland, Finnland, Portugal (39%)
Ranking: Top-10 der Länder mit der höchsten Adipositas-Rate 2035
*geschätzter Anteil der fettleibigen Erwachsenen ab 18 Jahren im Jahr 2035 in Prozent
Quelle: World Obesity Atlas 2023
Ranking: Top-10 Länder mit der niedrigsten Adipositas-Rate 2035
Quelle: World Obesity Atlas 2023
In vielen Ländern dieses Rankings, etwa Eritrea, Äthiopien und Nordkorea, leiden Menschen unter Unterernährung.
Mehr: Globale Trends: Adipositas, die ignorierte Epidemie
Erstpublikation: 11.09.2023, 15:56 Uhr (zuletzt aktualisiert: 16.04.2024, 11:30 Uhr).