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Soziologin AllmendingerWie die 32-Stunden-Woche der Wirtschaft helfen kann

Jutta Allmendinger erklärt, wie eine 32-Stunden-Woche gegen den Fachkräftemangel wirken könnte. Die Soziologin zeigt auf, was uns für eine bessere Arbeitswelt noch fehlt.Heike Anger, Frank Specht 15.09.2023 - 11:36 Uhr Artikel anhören

Die Soziologin warnt vor Fachkräftemangel in der Sorgearbeit bei steigenden Stunden in der Erwerbstätigkeit.

Foto: imago/photothek

Frau Allmendinger, die IG Metall fordert aktuell für die Stahlindustrie, die wöchentliche Arbeitszeit von 35 auf 32 Stunden bei vollem Lohnausgleich zu verkürzen, als Einstieg in die Viertagewoche. Wie bewerten Sie solche Forderungen?
Viele schlussfolgern, dass eine reduzierte Stundenzahl den Fachkräftemangel erhöht. Aber wenn alle Vollzeit arbeiten würden, könnte das genau dort den Fachkräftemangel erhöhen, wo er bereits heute massiv ist.

Das müssen Sie erklären.
Wir dürfen zunächst nicht nur über die reine Erwerbsarbeit reden, sondern müssen alle Tätigkeiten einbeziehen. Ich spreche deshalb von einer „Tätigkeitsgesellschaft“. Sie verrichtet neben bezahlter Arbeit auch unbezahlte wie Hausarbeit, Kinderbetreuung, Ehrenamt oder die Pflege älterer Menschen. Daneben müssen wir die Situation der Haushalte in den Blick nehmen und nicht nur Einzelpersonen. Denn traditionell sehen wir noch immer den Mann als Familienernährer, der 40 Stunden erwerbstätig ist. Und die Frau, die ihm dies ermöglicht, indem sie mindestens ebenso lange zu Hause produktiv tätig ist. Beides gehört also zusammen.

Mittlerweile arbeitet die Frau zudem meist Teilzeit, 18 oder 20 Stunden. Wenn sie nun auch noch Vollzeit arbeiten soll, dann bräuchten wir deutlich mehr Personal für Kinderbetreuung und Pflege. Wenn aber künftig beide Erwachsenen im Haushalt 32 Stunden arbeiten, bliebe für beide Zeit, sich Sorgearbeit zu widmen. Außerdem kommen wir dann insgesamt auf 64 Stunden – das Arbeitsvolumen würde steigen. Unter dem Strich gewinnt die Volkswirtschaft.

Jutta Allmendinger: „Das neue Normal sollten 32 Stunden sein“

Die Arbeitgeber sehen Branchen „existenziell gefährdet“ bei einer Viertagewoche.
Noch mal: Das ist eine Milchmädchenrechnung. Auf Arbeitgeberseite steht die Vollzeiterwerbsgesellschaft aller Erwachsenen im Mittelpunkt. Aber wer soll dann die unbezahlte Arbeit leisten? Wenn die Betreuung und all die anderen Arbeiten, die jetzt unbezahlt zu Hause geleistet werden, ausgelagert und auf dem Markt angeboten würden, käme es zu mehr Fachkräftemangel. Gerade in den Berufen, wo dieser schon jetzt mit am höchsten ist, würde sich das bemerkbar machen.

Müsste in Zeiten von Fachkräftemangel, Inflation und wirtschaftlichem Abstieg die Work-Life-Balance nicht trotzdem eher wieder Richtung „Work“ gedreht werden?
Ich fordere nicht, die Viertagewoche und pauschal weniger tarifliche wöchentliche Arbeitszeit. Das „neue Normal“ sollten 32 Stunden sein, sodass ein Paarhaushalt die Möglichkeiten hat, zum Beispiel die Kinder am Nachmittag abzuholen, zum Sport und zu anderen Tätigkeiten zu bringen oder Ältere zu pflegen. Das ideale Modell wäre für mich eine Fünftagewoche mit mehr Freiheit. Für die Frauen würde das zusätzliche Arbeitszeit bedeuten. Das wäre auch wichtig, damit sie finanziell auf eigenen Füßen stehen – auch mit Blick auf eine auskömmliche Rente.

Reden wir jetzt über die Umverteilung von Arbeitszeit oder über Arbeitszeitverkürzung mit Lohnausgleich?
Zunächst ginge es um eine 32-Stunden-Woche über den gesamten Lebensverlauf hinweg. Ob das mit Lohnausgleich umgesetzt wird, ist eine andere Frage. Das hängt natürlich auch mit der Höhe der Mindestlöhne und der Lohnstaffelung insgesamt zusammen. Ich wäre für den vollen Lohnausgleich, weil Studien zeigen, dass kürzere Arbeitszeiten mit steigender Produktivität je Stunde einhergehen. Außerdem erhöht sich die Produktivität nicht linear mit den Arbeitszeiten.

„Es gibt immer noch das deutsche Rabenmutter-Moment“

Es gibt Paare, in denen beide Partner heute Vollzeit arbeiten, weil sie sonst nicht über die Runden kommen. Wenn beide auf 32 Stunden gehen, brauchen sie einen Lohnausgleich. Sollen also jetzt die Arbeitgeber auch für die Erledigung familiärer Aufgaben zahlen?
Bei Familien mit mittleren und höheren Einkommen steigt wohl selbst ohne Lohnausgleich das Haushaltseinkommen, wenn beide Partner ihre Arbeitszeit anders aufteilen und zusammen auf 64 Stunden kommen. Das liegt auch daran, dass Frauen dann stärker als bisher Karriereschritte und damit Gehaltserhöhungen offenstehen. Aber sicher gibt es viele Familien, die sich die 64 Stunden aus finanziellen Gründen schlicht nicht leisten können. Hier würde ich gezielt helfen – etwa mit Steuererleichterungen.

Es gibt doch einen Anspruch auf Teilzeit. Beide Partner können ohne Probleme auf 32 Stunden reduzieren und sich Erwerbsarbeit, Sorgearbeit, und Familienarbeit aufteilen. Warum machen das aus Ihrer Sicht denn so wenige?
Die Entscheidungsmöglichkeit gibt es, richtig. Sozial akzeptiert ist sie aber nicht. Es gibt zum Beispiel immer noch das deutsche Rabenmutter-Moment: der Vorwurf an arbeitende Frauen, sie würden sich nicht genug um ihre Kinder kümmern. Wir haben auch strukturelle Hemmnisse wie das Ehegattensplitting und die kostenlose Mitversicherung in der Krankenversicherung.

Mini- und Midijobs setzen ebenfalls falsche Anreize. Auch die Rentenpunkte bemessen sich nach Vollzeiterwerbstätigkeit. Insofern denke ich, dass wir ein neues Normal bei Arbeitszeiten etablieren müssen.

Vita Jutta Allmendinger
Die gebürtige Mannheimerin ist seit 2007 Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB). Zuvor leitete sie vier Jahre lang das Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Von 1999 bis 2002 war Allmendinger als erste Frau Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Soziologie.
Mit ihrem im Jahr 2021 erschienenen Buch „Es geht nur gemeinsam“ machte sich die 66-jährige Soziologin für mehr Geschlechtergerechtigkeit stark. Hauptthese: Trotz gleicher Bildungschancen wie die Männer setzt bei Frauen mit der Geburt der Kinder der Karriereknick ein.

Wenn aber die Frauen ihre Arbeitszeit erhöhen und die Männer sie verkürzen, verlagert sich das Problem der unzureichenden Alterssicherung nur zwischen den Geschlechtern. Dann sammeln vielleicht die Männer künftig zu wenige Rentenpunkte...
In der Tat löst das nur die Ungleichheit zwischen Männern und Frauen. Es würde das Rentenniveau von Männern reduzieren. Eine Möglichkeit wäre, von starren Altersgrenzen für die Rente wegzukommen. Wir brauchen flexible Altersgrenzen, die unterschiedlichen Lebensentwürfen eher gerecht werden.

„Wir müssen strukturelle und kulturelle Hürden abbauen“

Handelsblatt-Chefökonom Bert Rürup sagt, wir brauchen eigentlich Mehrarbeit, um mit Blick auf die Rente zukunftssicher dazustehen. Würden Sie da nicht mitgehen?
Es kann nicht darum gehen, eine höhere Wochen- oder Lebensarbeitszeit für alle festzuschreiben. Aber wir müssen das riesige ungenutzte Bildungsreservoir erschließen und endlich den Anteil von Menschen ohne Berufsabschluss reduzieren. Wir müssen den hohen Anteil jener abbauen, die in den Vorruhestand gehen, indem wir die Arbeitszeit gesünder gestalten und mehr Weiterbildung anbieten. Und es gibt Berufe, in denen es möglich ist, länger zu arbeiten.

Wer ist denn aus Ihrer Sicht gefordert, um in diese von Ihnen beschriebene ideale Welt zu kommen? Sind das die Tarifparteien, wie die IG Metall in der zugegebenermaßen sehr kleinen Stahlbranche? Ist es der Gesetzgeber?
Wir müssen die oben beschriebenen strukturellen und kulturellen Hürden abbauen. Wir müssen Anreize für mehr Partnerschaftlichkeit in den Familien schaffen. Wir brauchen ein besseres Schulsystem und mehr Weiterbildung. Und wir brauchen mehr Flexibilität der Erwerbsarbeit über den gesamten Lebensverlauf.

„Viele sagen, sie wollen sich am Ende des Lebens nicht vorwerfen müssen, dass sie ihre Kinder gar nicht haben aufwachsen sehen.“

Foto: E+/Getty Images

CDU-Chef Friedrich Merz hat gerade eine Grundsatzdebatte über die Leistungsbereitschaft in Deutschland gefordert: Unser Wohlstand und unsere Alterseinkommen ließen sich nur aufrechterhalten, wenn wir uns anstrengen. FDP-Chef Christian Lindner fordert „Lust auf Leistung“. Ist da gar nichts dran?
Das ist zynisch und stößt viele Menschen vor den Kopf. Ich leite ein großes Institut mit vielen Mitarbeitenden. Alle haben Lust auf Leistung. Und viele haben Kinder oder Eltern, die ihre Zuwendung brauchen. Ich verstehe nicht, warum der Leistungsbegriff so eingeengt werden muss und damit die vielen anderen Arbeiten ohne jede Anerkennung bleiben.

BA-Chefin Andrea Nahles hat neulich gesagt, Arbeiten sei kein Ponyhof. Da schwang auch mit, dass Unternehmen ihren Betrieb aufrechterhalten müssen. Können Sie Arbeitgeber verstehen, die fragen, wie das künftig gehen soll, wenn immer neue Arbeitszeitwünsche an sie herangetragen werden?
Ich kann in unseren Studien gar keinen Bruch zur sogenannten Generation Z feststellen. Viele sagen, sie wollen sich am Ende des Lebens nicht vorwerfen müssen, dass sie ihre Kinder gar nicht haben aufwachsen sehen. Diesen Wunsch gab es aber auch schon in früheren Generationen. Heute lässt er sich leichter realisieren, da Frauen so viel besser ausgebildet sind.

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Die Jungen nehmen Arbeit mindestens genauso ernst wie die älteren Generationen, aber sie sehen, dass auch andere Tätigkeiten erfüllt werden müssen und nicht einfach auf Frauen abgeschoben werden können. Und sie können selbstbestimmter auftreten, weil wir heute einen Arbeitnehmermarkt haben, die Arbeitgeber also attraktive Arbeitsbedingungen bieten müssen.
Frau Allmendinger, vielen Dank für das Interview.

Erstpublikation: 13.09.2023, 18:02 Uhr.

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