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Künstliche IntelligenzKI-Unternehmerin warnt vor Abwanderung von Geschäftsbereichen

Dagmar Schuller ist eine der erfolgreichsten KI-Unternehmerinnen Deutschlands. Doch die Gründerin klagt über die ausufernde Regulierung.Luisa Bomke 27.09.2023 - 19:30 Uhr Artikel anhören

Schüller gründete das KI-Start-up Audeering. Das Softwareunternehmen kann Emotionen in Stimmen erkennen und so sogar Krankheiten erkennen.

Foto: Handelsblatt

Düsseldorf. Alles am Start-up von Dagmar Schuller sieht nach einer Erfolgsgeschichte aus. Mithilfe Künstlicher Intelligenz (KI) kann die Software von Audeering über 50 Emotionen in Stimmen erkennen. Das Unternehmen beschäftigt rund 70 Mitarbeitende und wurde mit zahlreichen Forschungspreisen ausgezeichnet. Seit dem vergangenen Jahr macht Audeering sogar Gewinn. Dennoch sagt Gründerin Schuller: „Wir können in Deutschland aktuell nicht mithalten.“

US-amerikanische Konkurrenten des Start-ups hätten an ihrem Standort nicht nur einen deutlich besseren Zugang zu Kapital, auch die Regulierung sei dort technologiefreundlicher als in Deutschland. Die deutsche Bundesregierung setze dagegen zu wenig Anreize, zu schwierig sei der Datenaustausch und zu gering die Förderung und das Wagniskapital, das KI-Start-ups wie Audeering in der Wachstumsphase zur Verfügung stehe, erklärt die Unternehmerin.

Mit ihrer Kritik steht Schuller nicht allein. „Erklärtes Ziel Deutschlands ist es, eine der führenden Nationen in KI zu werden“, sagt Andreas Liebl, CEO der Initiative Applied AI. „Allerdings gibt es keine Maßnahmen, um tatsächlich dort hinzukommen.“

Im vergangenen Jahr hatte die Bundesregierung zwar eine Digital- und Datenstrategie sowie einen KI-Aktionsplan vorgelegt. Doch damit ist die Branche insgesamt nicht zufrieden.

„KI-Start-ups in Deutschland finden kein positives Wachstumsklima vor“, sagt Thomas Koenen, Leiter des Bereichs Innovationen beim Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) und Mitglied des Beirats Digitalstrategie der Bundesregierung.

Konkrete Maßnahmen fehlen in Deutschlands Digitalstrategien

Über die Gründe dafür sind sich die Kritiker weitgehend einig: Niemand in der Regierung trage die Gesamtverantwortung für den digitalen Fortschritt und die Entwicklung des KI-Standorts.

Die Gelder des KI-Aktionsplans flössen zum großen Teil in bereits vorhandene Vorhaben. Bei einigen sei sogar der KI-Bezug fraglich. Und die Datenstrategie der Bundesregierung, die den Austausch von Daten zwischen Forschung und Wirtschaft verbessern soll, habe große Lücken. Es fehle an konkreten Maßnahmen und zeitlichen Zielen, sagt unter anderem der Bundesverband Digitale Wirtschaft.

>> Lesen Sie hier: In welche Projekte die Millionen von Stark-Watzinger wirklich fließen

Und unter den Start-ups, die sich auf Künstliche Intelligenz spezialisiert haben, wächst die Angst vor weiterer staatlicher Regulierung. Aktuell verhandelt die EU über den AI Act, in dem klarere Regeln für die Schlüsseltechnologie festgelegt werden sollen. Das könnte den KI-Standort Deutschland in der internationalen Konkurrenz weiter zurückwerfen, sind Koenen und Schuller überzeugt.

Muss der Datenschutz umgekehrt werden?

Audeering-Gründerin Schuller warnt sogar davor, dass Audeering wichtige Geschäftsbereiche von Deutschland in die USA verlegen könnte, „wenn der AI Act mit dem aktuellen Stand kommt“. Die Unternehmerin fürchtet, dass die EU den wichtigen Zugang zu Daten aus der Forschung mit dem AI Act zusätzlich erschweren könnte. Dabei seien Daten der Dreh- und Angelpunkt bei der KI-Entwicklung.

Die Technologie von Audeering wertet Stimmen mithilfe von KI aus, um Rückschlüsse auf den emotionalen und gesundheitlichen Zustand der Sprecherinnen und Sprecher zu ziehen. Eingesetzt wird die Technologie in der Marktforschung und in Callcentern. Zukünftig soll Audeering auch in Pflegerobotern eingesetzt werden, um den Gesundheitszustand von Patienten zu erkennen.

Audeerings Stimmerkennungssoftware analysiert mit Hilfe von KI Sprache, um Krankheiten wie Alzheimer oder Depressionen möglichst früh zu erkennen.

Foto: audEERING

Deshalb bräuchten ihre Entwickler möglichst große und vollständige Datensätze – also viele verschiedene Stimmproben –, um die KI so zu trainieren, dass sie erkrankte Personen von gesunden unterscheiden könne. In Deutschland würden allerdings kaum Stimmproben bei ärztlichen Untersuchungen genommen, das erschwere die Forschung ungemein.

Impulsvortrag in Brüssel: Schuller will den AI Act in letzter Minute verändern

Schuller, selbst Professorin für Wirtschaftsinformatik und Juristin, setzt sich darum selbst auf europäischer Ebene für eine Start-up-freundliche Regelung ein. Ende Oktober ist sie in Brüssel und will den Parlamentariern die realen Arbeitsbedingungen eines KI-Unternehmens und seine Herausforderungen in einem Impulsvortrag deutlich machen.  

Patrick Glauner, Professor für Künstliche Intelligenz an der Hochschule Deggendorf, ist verwundert, dass so wenige Unternehmen ihre Interessen gegenüber der Politik artikulieren. Denn die Eckpunkte des AI Acts seien bereits 2021 klar gewesen: „Hätte sich die Wirtschaft vor einigen Monaten so positioniert, wäre es deutlich einfacher gewesen, Einfluss zu nehmen.“ 

Schuller glaubt, dass es noch nicht zu spät ist. Sie will versuchen, den AI Act in der aktuellen Fassung zu verhindern, und hat fünf Forderungen an die Politik:

  • Die Definition von Künstlicher Intelligenz und Foundation Models sei zu breit formuliert und müsse neu definiert werden. Sonst bestehe die Gefahr, dass auch konventionelle Software unter den AI Act fallen könnte.  
  • Die EU sollte sich bei der Regulierung auf die Anwendungen von KI konzentrieren, nicht auf die Basistechnologie. Das fordern neben Schuller auch deutsche KI-Forscher in einer in der vergangenen Woche veröffentlichten Petition 
  • Die Zertifizierung von KI-Modellen sollte vereinfacht werden.
  • Datenschutz müsse umgekehrt gedacht werden. Es sei sinnvoller, die Nutzer angeben zu lassen, wofür ihre Daten nicht genutzt werden sollen.
  • Einen möglichst geringen bürokratischen Aufwand für die Bestimmung der Risikogruppe, in die KI-Systeme eingruppiert werden, die in der Medizin, in kritischer Infrastruktur oder zum Beispiel an Universitäten eingesetzt werden. Derzeit vorgesehen ist eine detaillierte Analyse der potenziellen Risiken und Auswirkungen der KI-Systeme, die vor allem kleine Unternehmen nur schwer leisten könnten.  
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Vanessa Cann, Gründerin des Berliner Start-ups Nyonic und ehrenamtliches Mitglied des KI-Bundesverbands, sieht der EU-Regulierung entspannter entgegen: „Es gibt technische Lösungen, um die Anforderungen des AI Acts zu erfüllen.“ Nyonic baue seine Sprachmodelle so, dass Kundendaten nicht in das Modell integriert werden. Das ist technisch allerdings nicht bei allen großen Sprachmodellen möglich.

Vor allem eine Forderung von Schuller unterstützt Cann: „Wir sollten KI nicht generalistisch regulieren, sondern wir sollten uns überlegen, welche Anwendungen wir in Europa nicht haben wollen.“ Schuller gibt sich vor den Trilog-Verhandlungen kämpferisch: „Manchmal begegnen wir dem Schicksal genau an dem Punkt, um es abzuwenden. An dem Punkt sind wir jetzt.“ 

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