Kommentar: Die Gaskrise ist noch nicht vorbei

Zwei eisige Winterwochen reichen, um die Gaspreise sprunghaft steigen zu lassen und zumindest einige Unternehmen wieder in die Bredouille zu bringen.
Foto: dpaVor rund einem Jahr herrschte in Europa Angst. Wörter wie „Gasmangellage“, „Versorgungsengpass“ und „Gaslieferstopp“ bestimmten die Schlagzeilen. Menschen kauften hektisch Wärmepumpen und Solarzellen, um unabhängiger vom Gas zu werden, Unternehmen suchten unter Hochdruck nach alternativen Energiequellen. Die Lage – so dramatisch sie war – wirkte als Beschleuniger eines längst überfälligen Wandels.
Eines aber ging besonders schnell: die Wiederinstandsetzung der Gaslieferinfrastruktur Deutschlands. Im Rekordtempo baute das Land sein erstes LNG-Terminal auf. Der Begriff „Deutschlandgeschwindigkeit“ wurde geboren. Sie stand nicht für eine rasante Energiewende, sondern für eine Sicherstellung der weiteren Versorgung mit Gas – nur jetzt per Schiff statt per Pipeline.
Dass das so schnell funktioniert hat, ist gut und wichtig. Deutschland ist noch lange nicht bereit, auf Gas zu verzichten. Große Teile der Industrie hängen davon ab, und die zunehmend auf Wind und Solar basierende Stromversorgung hat ohne Gaskraftwerke kein Back-up für dunkle, windarme Tage.
Aber das Abwenden der akuten Krise hat auch für trügerische Entspannung gesorgt. Dabei ist der Wandel so nötig wie zuvor. Nicht nur weil der Klimawandel immer spürbarer voranschreitet. Sondern auch weil unsere Gasversorgung nach wie vor auf einem wackeligen Fundament steht.
Zwei eisige Winterwochen reichen, um die Gaspreise sprunghaft steigen zu lassen und zumindest einige Unternehmen wieder in die Bredouille zu bringen. Denn wenn Deutschland sehr viel Gas auf einmal zum Heizen benötigt, können auch noch so volle Speicher alleine nicht genügend liefern.
Empfindliche Infrastruktur
Deshalb ist Deutschland nach wie vor auf Gaslieferungen angewiesen. Wenn diese empfindliche Infrastruktur gestört wird, führt das zu Problemen. Das sieht man aktuell am Leck in der Pipeline Balticconnector zwischen Estland und Finnland.
Der Vorfall bedroht Europa zwar nicht akut. Denn der Balticconnector hat nur maximal 2,6 Milliarden Kubikmeter Gas pro Jahr transportiert – nicht mal ein Hundertstel der Mengen, die Europa pro Jahr importiert.
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Trotzdem ließen die Nachrichten über das Leck die Gaspreise am europäischen Markt erheblich steigen. Das zeigt, wie nervös die Händler sind. Denn sie wissen, wie wenig Puffer die europäische Gasversorgung derzeit hat und wie sehr sie darauf angewiesen ist, dass die Infrastruktur überall funktioniert.
Würden Pipelines aus Norwegen beschädigt oder fiele ein wichtiger LNG-Lieferant aus, dürfte Europa vor erheblichen Herausforderungen stehen. Und es ist davon auszugehen, dass Akteure wie Russland nach wie vor ein Interesse daran haben, Europa zu schaden.
Sicherer wird unsere Energieversorgung dann, wenn unsere Abhängigkeit von einzelnen Energieträgern, einzelnen Lieferanten und großen Pipelines schrumpft.