Künstliche Intelligenz: G7 beschließt elf Gebote für KI
Die EU-Vertreterin Vera Jourova konnte bei den G7 viele Forderungen der Europäer zur KI-Regulierung durchsetzen.
Foto: picture alliance / AATokio, Brüssel. Die Künstliche Intelligenz soll in elf Geboten geregelt werden. Darauf haben sich zumindest die sieben führenden Industriestaaten am Wochenende in Kyoto geeinigt und damit erstmals Leitlinien zum Umgang mit der Technologie beschlossen. Ein Entwurf der noch unveröffentlichten Regeln liegt dem Handelsblatt vor.
Unter dem sperrigen Titel „Internationale Leitprinzipien für Organisationen, die fortgeschrittene KI-Systeme entwickeln“ stellen die Staaten Grundregeln für alle Akteure auf, die KI entwickeln oder nutzen. Die unverbindlichen Leitlinien sollen trotz des Titels nicht nur für KI-Entwickler gelten, sondern auch für Forscher im akademischen Bereich und die Zivilgesellschaft ebenso wie für den privaten und öffentlichen Sektor.
Die Einigung war nicht einfach, denn die G7-Länder haben unterschiedliche Vorstellungen davon, wie stark KI reguliert werden sollte. Die EU, die ebenfalls bei den G7-Treffen dabei sein darf, ist bei der Regulierung schon weiter als die anderen Länder. Sie hat bereits eine KI-Verordnung („AI Act“) auf den Weg gebracht, die derzeit mit dem Europaparlament verhandelt wird. Das Gesetz verpflichtet KI-Firmen zu einem Mindestmaß an Transparenz, Risikomanagement und Kontrollen ihrer Produkte.
Die USA, Großbritannien und Japan hingegen stehen einer Regulierung der noch jungen Branche skeptischer gegenüber. Deshalb heißt es in dem Papier, dass unterschiedliche Jurisdiktionen ihren eigenen Ansatz bei der Umsetzung der Leitlinien wählen dürfen. Die Regeln sind relativ vage gehalten und erlauben einen breiten Interpretationsspielraum.
Die Unterhändler der EU, geführt von Kommissionsvize Vera Jourova, konnten aber einige wichtige Punkte durchsetzen:
- So sollen die Unternehmen Methoden entwickeln, um KI-generierte Inhalte als solche zu kennzeichnen – etwa mit einem digitalen Wasserzeichen. Damit wollen die Regierungen das zunehmende Problem der Desinformation im Internet bekämpfen. Im kommenden Jahr stünden weltweit die meisten Wahlen der Geschichte an, heißt es in Kommissionskreisen. Die Diskussion über „Deepfakes“, also täuschend echte Falschmeldungen, Bilder und Videos, werde daher immer wichtiger.
- Ebenso wichtig ist aus EU-Sicht, dass alle Organisationen über die Folgen ihres KI-Einsatzes Rechenschaft ablegen sollen. Freiwillige Regeln seien nur wirksam, wenn es einen Kontrollmechanismus gebe, heißt es in Kommissionskreisen.
- Den Leitlinien zufolge sollen Firmen schon während der Produktentwicklung mögliche Risiken identifizieren und auch nach dem Einsatz die auftretenden Schwächen feststellen und die Erkenntnisse öffentlich berichten.
- Zudem sollen die Akteure sicherstellen, dass der Zugang zu ihrer KI und den Daten gegen Zugriff von außen gesichert ist. Deshalb sollen Firmen auch die Forschung zur Risikominderung und Sicherheit von KI priorisieren.
- Das G7-Papier enthält auch ein Bekenntnis zu universalen Menschenrechten und demokratischen Werten. Der Einsatz von KI, der zu Verstößen gegen diese Werte führe, sei „inakzeptabel“, heißt es im Eingangstext vor den elf Prinzipien.
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Die Leitlinien werden nun in einer öffentlichen Konsultation zur Debatte gestellt. In den kommenden Wochen soll auf dieser Basis ein Verhaltenskodex für KI-Entwickler erstellt werden. Dieser werde präziser sein als die Leitlinien, heißt es aus Verhandlungskreisen.
Die japanische G7-Präsidentschaft würde den Kodex gern bis Ende des Monats fertigstellen und in einer Videoschalte mit den G7-Regierungschefs verkünden. Damit käme sie der britischen Regierung zuvor, die im November eine globale KI-Konferenz in London abhält. Noch ist jedoch kein Termin für die Schalte gefunden.
Fujitsu-Vorstand sieht Grenzen der Regulierung
Vivek Mahajan, Chief Technology Officer von Fujitsu, einem der KI-Patentführer in Japan, sagte dem Handelsblatt, die Leitlinien würden wahrscheinlich nicht einheitlich umgesetzt. „Was in den Vereinigten Staaten gut für die Governance ist, passt vielleicht nicht in China und umgekehrt“, sagte er. „Es wird also von Gesellschaft zu Gesellschaft, von Land zu Land, sogar von Unternehmen zu Unternehmen innerhalb eines Landes unterschiedlich sein.“
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Der Manager begrüßte jedoch die Einigung auf die Leitlinien. „Man braucht einen breiteren Rahmen, der durchsetzbar ist und in dem die Menschen Entscheidungen treffen können, die ihnen nützen.“ Die Europäer seien „führend in der KI-Regulierung, wenn es um die Definition dessen geht, was in der KI gut und ethisch ist.“ Das Ethik-Team von Fujitsu sei deshalb in Großbritannien und der EU angesiedelt. Dort passierten die „bahnbrechenden Dinge“. Das bedeute allerdings nicht, dass jedes Land dem Vorbild des AI Acts folgen werde.
Mahajan sieht auch Grenzen der Regulierung. „Wie jede andere Technologie wird sich auch die KI in einem sehr schnellen Tempo weiterentwickeln“, sagte er. „Ich glaube nicht, dass man das wirklich aufhalten kann, denn es wird nicht nur von einem Land allein beherrscht.“
Die in der Asean zusammengeschlossenen südostasiatischen Länder haben unterdessen einen eigenen KI-Leitfaden erstellt. Dieser empfiehlt Unternehmen, eine Risikobewertungsstruktur und eine Governance-Schulung einzurichten, überlässt aber die Einzelheiten den Unternehmen und den lokalen Regulierungsbehörden.
Anders als die KI-Verordnung der EU fordert die Asean die Unternehmen auf, die kulturellen Unterschiede zwischen den Ländern zu berücksichtigen, und sieht nicht von vornherein eine eigene Risikokategorie für „inakzeptable KI“ vor.