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Israel-KriegWie Israel und die Hamas um die Deutungshoheit kämpfen

Fotos und Videos von Terror-Opfern hat Israel in der Vergangenheit stets unter Verschluss gehalten. Jetzt zeigt das Land schreckliche Aufnahmen. Auch die Hamas setzt auf Bilder.Martin Murphy 15.10.2023 - 16:00 Uhr Artikel anhören

Israel und Hamas führen auch einen Krieg der Bilder.

Foto: Reuters

Berlin. Ruhig wiegt der Mann zwei erkennbar verschreckte Kinder auf dem Arm. Trüge er nicht einen Kampfanzug, eine Vermummung und ein Maschinengewehr, hätte die Szene etwas Anmutiges. Und das macht sie so perfide. Denn zu sehen ist die Sequenz in einem Video der Terrormiliz Hamas, das seit Freitag auf den sozialen Kanälen der Palästinenser gezeigt wird. Der Mann ist den Angaben zufolge ein Mitglied der Terrortruppe Hamas und bei den Kindern soll es sich um israelische handeln.

Es ist ein besonders abstoßendes Video, denn die Bilder sollen der Hamas zufolge während des Angriffs auf den Kibbuz „Holit“ im Süden Israels aufgenommen worden sein. Zu sehen sind insgesamt elf Terroristen und drei Kinder, eines davon ist ein Baby. Über den Verbleib der Eltern macht die Hamas keine Angaben.

Das Video mit dem scheinbar so fürsorglichen Terroristen ist eine besonders brutale Form der Kriegspropaganda: Bei dem Angriff am Samstag vergangener Woche hat die Hamas in dem Kibbuz mindestens dreizehn Menschen getötet. Mit dem Kinder-Video will die Terrororganisation ihrer Gefolgschaft nun vorspielen, dass ihre Kämpfer bei den Terrorakten Kinder geschont hätten. In Wahrheit haben die Terroristen keine Rücksicht auf Kinder, Alte oder andere Zivilisten genommen.

Wie Mitglieder der Hamas in dem Kibbuz, aber auch in anderen Orten, Jagd auf unbeteiligte Menschen gemacht haben, ist vielfach durch Zeugen und Aufnahmen dokumentiert. Bei ihren Attacken am Samstag hatten die Terroristen mindestens 1300 Menschen ermordet, darunter auch Kinder.

Die von der Hamas produzierte Sequenz ist Teil einer Propagandakampagne, um die Deutungshoheit in dem Konflikt zu erringen. Es ist auch eine Reaktion: Vor der Veröffentlichung hatte Israels Regierung Videos gezeigt, in denen die Opfer der Hamas gezeigt wurden. Selbst Bilder getöteter Kinder stellten die Israelis für die Weltöffentlichkeit ins Internet.

Die Videopropaganda überzieht die Welt auch mit einer Reihe schwer erträglicher Bilder.

Foto: Reuters

Indem das Land die Verbrechen der Hamas dokumentiert, sichert es die internationale Solidarität ab. Doch so überzieht die Videopropaganda die Welt auch mit einer Reihe schwer erträglicher Bilder, die das ganze Grauen dieses Konflikts in einem Ausmaß zeigen, wie es bisher aus Kriegsgebieten kaum bekannt war. Das Handelsblatt hat sich aus Respekt vor den Opfern entschieden, keines dieser Bilder zu zeigen.

Israels Kalkül

Dass Bilder ein Machtmittel sind, ist der israelischen Seite bewusst. Über sein Netzwerk in den sozialen Medien publiziert Israel Fotos und Videos, die während oder nach den Angriffen der Hamas-Terroristen am Samstag vergangener Woche aufgenommen wurden. Betrieben wird der Telegram-Kanal von Rettungskräften, die direkt nach den Terrorangriffen vor Ort waren.

Stofftiere in Israel tragen deutliche Spuren des Hamas-Angriffs. Mit solchen Bildern will Israel das Ausmaß des Hamas-Terrors verdeutlichen.

Foto: privat

In der Vergangenheit hat Israel Bilder mit Opfern von Terrorangriffen nicht gezeigt. Dieses Mal ist es anders: Das Grauen der Angriffe müsse gezeigt werden, erklärten die Betreiber des Kanals. In Dutzenden Filmen ist detailliert zu sehen, wie die Hamas-Kämpfer Zivilisten töten. Darunter befinden sich auch Aufnahmen von einem Kind, das den Angaben zufolge bei lebendigem Leib verbrannt worden sein soll. Die Aufnahmen unterliegen der staatlichen Zensur, sie können nur in Absprache mit dem israelischen Militär veröffentlicht werden.

Der Terror kommt unverschleiert über die sozialen Netzwerke – und mit den Bildern zeigt Israel, wie kaltblütig die Terroristen ihren Angriff durchgeführt haben. So grausam die Bilder aus Israel sind, so erkennbar ist doch auch das Kalkül der Militärführung: Die attackierte Nation braucht eine möglichst breite Zustimmung ihrer Partnerländer in der Zeit, die nun kommt: Auf die Taten der Hamas antwortet Israel mit Gegenangriffen auf den Gazastreifen.

Die Hamas versucht mit ihrer Propagandakampagne die Deutungshoheit in dem Konflikt zu erringen.

Foto: dpa

Die sollen die Hamas auslöschen, wie Vertreter der Regierung und des Militärs erklärt haben. Doch das wird kaum ohne weiter steigende Todeszahlen in der palästinensischen Bevölkerung gehen – schon jetzt sind aus Gaza mehr als 2200 Tote gemeldet.

Ein Armee-Sprecher sagte zwar, Israel wolle die Zahl ziviler Opfer möglichst gering halten. Und die Streitkräfte haben tatsächlich seit Freitag die Bevölkerung im Norden von Gaza aufgefordert, in den Süden zu flüchten. Doch ein Sprecher der Vereinten Nationen erklärte am Wochenende: „Die Vereinten Nationen halten es für unmöglich, dass eine solche Bewegung ohne verheerende humanitäre Folgen stattfinden kann.“ Nach UN-Angaben sind 1,1 Millionen Menschen durch die angekündigte Offensive Israels betroffen.

Da die Hamas eine Flucht der Zivilisten in den Süden von Gaza mit Blockaden zu verhindern versucht, werden etliche im Kampfgebiet verharren müssen. Für die Hamas, so ein israelischer Militärsprecher, werden sie damit zu menschlichen Schutzschilden; mit der zu erwartenden Gefährdung ihres Lebens.

Die Streitkräfte haben seit Freitag die Bevölkerung im Norden von Gaza aufgefordert, in den Süden zu flüchten.

Foto: Reuters

Die Macht der Bilder in der arabischen Welt

Bereits nach den ersten Luftschlägen kursierten Bilder von toten palästinensischen Zivilisten im Internet. Wie solche Bilder in der arabischen Welt aufgenommen werden, dürfte Einfluss darauf haben, ob sich der Krieg zu einem Flächenbrand ausweitet. Die Terrororganisation Hisbollah, die vom Libanon und von Syrien aus operiert, sowie die Fatah im Westjordanland halten sich bisher weitgehend zurück. Dies gilt auch für Ägypten sowie andere arabische Staaten. Aber die Lage ist fragil.

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Die Bilder aus Israel und Gaza haben eine Wucht, die der Hisbollah bewusst ist: Um die Stimmung nicht anzuheizen, werde die Berichterstattung in den TV-Sendern Libanons eingeschränkt, berichtet ein Libanese mit Verbindungen in den lokalen Sicherheitsapparat. Bislang habe die Hisbollah kein Interesse daran, in den Krieg hineingezogen zu werden. Je mehr die Stimmung Pro-Hamas hochkocht, desto schwieriger wird es, die Zurückhaltung aufrechtzuerhalten. Und dabei werden Bilder eine ganz besondere Rolle spielen.

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