Tarifpolitik: Warum die Tarifeinigung im Handel so schwierig ist
Protest vor dem Schweriner Schloss: Die Gewerkschaft Verdi verlangt einen Inflationsausgleich für die Beschäftigten im Handel.
Foto: dpaBerlin. Länger als ein halbes Jahr zieht sich die Tarifrunde im Handel mittlerweile hin, ohne dass ein Durchbruch in Sicht ist. Rund 60-mal haben Arbeitgeber und Gewerkschaft auf regionaler Ebene zusammengesessen – ohne Ergebnis.
Für Freitag hat die Gewerkschaft Verdi die Beschäftigten deshalb erneut zu Streiks aufgerufen, dieses Mal bundesweit, auch wenn die Verhandlungen in den Ländern geführt werden. Die Branche ist bedeutend, sie beschäftigt rund fünf Millionen Menschen – mehr als die Metall- und Elektroindustrie.
Rund 3,1 Millionen arbeiten im Einzel- und Versandhandel, der Rest im Groß- und Außenhandel. Einige große Einzelhändler wie die Rewe-Gruppe oder Aldi Nord zahlen ihren Beschäftigten schon freiwillig mehr Geld, ohne einen Tarifabschluss abzuwarten. Warum ist eine Einigung so schwierig? Die wichtigsten Punkte im Überblick.
Was fordert die Gewerkschaft?
Verdi will vor allem die Kaufkraft der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer erhalten, von denen viele nur Teilzeit arbeiten und entsprechend wenig Geld verdienen. Die Gewerkschaft fordert für die Beschäftigten im Einzelhandel 2,50 Euro mehr pro Stunde.
Der feste Betrag würde in den unteren Entgeltgruppen je nach Region eine Steigerung von teils mehr als 20 Prozent bedeuten, in der untersten Tarifgruppe für Facharbeiter wären es bis zu 15 Prozent. Außerdem fordert Verdi ein Mindestentgelt von 13,50 Euro.
Im Groß- und Außenhandel verlangt die Gewerkschaft je nach Tarifgebiet 13 Prozent beziehungsweise 425 Euro mehr. Die Tarifverträge sollen für zwölf Monate abgeschlossen werden.
Was bieten die Arbeitgeber?
Der Einzelhandelsverband HDE verweist auf die ohnehin angespannte Lage der Branche, die durch die aktuelle Kaufzurückhaltung der Konsumenten noch verschärft werde. Das jüngste Angebot im Einzelhandel, das laut Gewerkschaft seit dem Sommer nicht mehr verbessert wurde, besteht aus einer zweistufigen Tariferhöhung um insgesamt 8,5 Prozent, allerdings bei einer langen Laufzeit des Tarifvertrags von 24 Monaten.
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Die Arbeitgeberverbände wollen so für ihre Mitgliedsunternehmen Planungssicherheit erreichen. Die erste Stufe soll – nach mehreren „Nullmonaten“ ohne Entgelterhöhung – in diesem Jahr greifen und im Einzelhandel durchschnittlich 5,3 Prozent betragen. Auch für den Groß- und Außenhandel gibt es ein zweistufiges Angebot mit einer ersten Stufe von 5,1 Prozent in diesem Jahr. Dazu soll es eine steuer- und abgabenfreie Inflationsausgleichsprämie von 450 Euro geben.
Woran hakt es?
Die Gewerkschaft kritisiert, dass das Arbeitgeberangebot auf Reallohnverluste für die Beschäftigten hinauslaufen würde. Nach der Herbstprojektion der Bundesregierung werden die Verbraucherpreise in diesem Jahr voraussichtlich um 6,1 Prozent anziehen. Die von den Arbeitgebern angebotene Erhöhung um gut fünf Prozent für dieses Jahr liegt darunter.
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Für das kommende Jahr bieten die Arbeitgeber eine Erhöhung, die mit gut drei Prozent oberhalb der von der Bundesregierung erwarteten Inflationsrate von 2,6 Prozent liegt. Außerdem haben sie vorgeschlagen, im Februar 2025 noch einmal nachzujustieren, falls die Verbraucherpreise im kommenden doch stärker steigen sollten als erwartet.
Doch darauf will sich das für den Handel zuständige Verdi-Bundesvorstandsmitglied Silke Zimmer nicht einlassen: „Für solche Rechenbeispiele ist kein Platz, weil die Lebensbedingungen der Beschäftigten – gerade in Teilzeit – wirklich prekär sind“, sagte sie dem Handelsblatt. Eine Verkäuferin mit 130 Stunden im Monat erhalte rund 2260 Euro brutto, ein Kommissionierer im Großhandel in Sachsen 2358 Euro.
Welche Rolle spielen die freiwilligen Entgelterhöhungen großer Einzelhändler?
Die Rewe-Gruppe, Netto, Aldi Nord, die Otto-Gruppe, Lidl, Kaufland und andere Einzelhändler, die das nicht öffentlich machen wollen, sind bereits der Empfehlung des HDE gefolgt, ab Oktober schon die angebotene erste Stufe der Entgelterhöhung von bis zu 5,3 Prozent an die Beschäftigten auszuzahlen.
Der Handel beschäftigt rund fünf Millionen Menschen.
Foto: dpaLeider halte Verdi „weiter störrisch an ihren utopischen Eingangsforderungen fest“, begründete HDE-Tarifgeschäftsführer Steven Haarke die Empfehlung. Weil ein Ende der Tarifverhandlungen nicht absehbar sei, wolle man die Beschäftigten nicht länger warten lassen.
„Die Zahlungen sind natürlich erst mal erfreulich für die Beschäftigten“, sagt Verdi-Vorstandsmitglied Zimmer dazu. Aber selbst die Arbeitgeber betonten, dass es sich lediglich um freiwillige Leistungen handele. Letztlich böten nur Tarifverträge Sicherheit und seien einklagbar. „Deswegen haben die freiwilligen Zahlungen an der Streikbereitschaft der Beschäftigten nichts geändert“, sagt Zimmer.
Wie geht es weiter?
Beide Seiten werden weiter versuchen, über Nachjustierungen bei der Laufzeit und den Prozentzahlungen zu einer Lösung zu kommen. Zimmer deutet an, dass ihre Gewerkschaft im Zweifel auch nicht unbedingt auf den geforderten Festbetrag pocht: „Für uns ist die Höhe des Abschlusses maßgeblich. Wenn die Höhe stimmt, wird es nicht an einem fehlenden Festbetrag scheitern.“
Spielraum gibt es auch noch bei der Inflationsausgleichsprämie. Denn noch bis Ende 2024 können die Arbeitgeber Beschäftigten bis zu 3000 Euro steuer- und abgabenfrei auszahlen. Da liegen die Arbeitgeber im Handel mit ihrem Angebot noch weit darunter.
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Die nächsten Verhandlungsrunden finden im Groß- und Außenhandel am 30. Oktober in Hessen und für den Einzelhandel am 1. November in Mecklenburg-Vorpommern statt.