Konjunktur: Nur minus 0,1 Prozent: Deutsche Wirtschaft schrumpft leicht
Die deutsche Wirtschaft schwächelt bislang und kommt nicht zum Wachsen.
Foto: dpaBerlin. Die deutsche Wirtschaft ist im dritten Quartal wie erwartet geschrumpft, allerdings deutlich weniger als angenommen. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist zwischen Juli und September um 0,1 Prozent im Vergleich zum Vorquartal zurückgegangen. Das hat das Statistische Bundesamt am Montag in einer ersten Schätzung bekannt gegeben.
Die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute hatten in ihrer gemeinsamen Konjunkturprognose Ende September ein Minus von 0,4 Prozent geschätzt. „Zur Berechnung des dritten Quartals wurden die aktuellsten Informationen verwendet, die zum großen Teil in der Gemeinschaftsdiagnose der Institute noch nicht enthalten waren“, sagte Arne Ackermann vom Statistischen Bundesamt dem Handelsblatt.
Gleichzeitig hat das Statistikamt die Werte für die Zeit davor nach oben korrigiert. Im zweiten Quartal ist die deutsche Wirtschaft um 0,1 Prozent gewachsen, bislang war da von einer Stagnation die Rede.
Im ersten Quartal steht nun eine Stagnation. Die Wiesbadener Statistiker hatten zuvor eine Schrumpfung von 0,1 Prozent gesehen. „Wir haben für die ersten zwei Quartale neue Informationen aus den Basisstatistiken mit einbezogen“, erklärt Ackermann.
Damit hat sich Deutschland im vergangenen Winter doch nicht in einer technischen Rezession befunden – also zwei sinkende Quartale in Folge. Im vierten Quartal 2022 war die deutsche Wirtschaft um 0,4 Prozent geschrumpft.
Doch auch das sind immer noch schwache Wachstumszahlen. Die Revisionen um wenige Zehntelprozentpunkte ändern nichts am generellen Konjunkturbild. Das Pendeln der Zahlen um den Nullpunkt erhöht die öffentliche Aufmerksamkeit, ist für die Einschätzung der wirtschaftlichen Lage aber nicht entscheidend.
Dennoch, für die nächsten Monate besteht die Hoffnung auf eine langsame Trendwende. „Ab Herbst dürfte es langsam wieder aufwärtsgehen“, sagte Ifo-Konjunkturchef Timo Wollmershäuser. Die Institute prognostizieren für das vierte Quartal ein Wachstum von 0,2 Prozent.
Stimmung in der Wirtschaft hellt sich auf
2024 soll das Wachstum dann quartalsweise bei 0,5 bis 0,6 Prozent liegen. Über das Gesamtjahr soll ein Plus von 1,3 Prozent stehen. 2025 wird ein Wachstum für die deutsche Wirtschaft von 1,5 Prozent erwartet.
Gedeckt wird das von Frühindikatoren, die Stimmung und Aussichten in der deutschen Wirtschaft abbilden. Der Ifo-Geschäftsklimaindex ist zuletzt im Oktober erstmals seit einem halben Jahr gestiegen, deutlich kräftiger als erwartet um 1,1 Punkte auf 86,9 Punkte.
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Auch Börsenprofis bewerteten die Aussichten für die deutsche Wirtschaft im Oktober so gut wie seit einem halben Jahr nicht mehr. Die Umfrage des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) unter 164 Analystinnen und Anlegern ergab einen überraschend kräftigen Sprung um 10,3 Punkte.
Das Barometer steht nun bei minus 1,1 Zählern. „Die Talsohle ist erreicht“, sagte ZEW-Präsident Achim Wambach.
In vielen Bereichen der deutschen Wirtschaft läuft es weiter schlecht, aber nicht mehr so schlecht wie befürchtet. Ein Überblick:
Industrieproduktion
Die Zinswende und die schwache Auslandsnachfrage belasten Deutschlands wichtige Industrie zwar zweiter. Die Unternehmen haben ihre Produktion zuletzt vier Monate in Folge gedrosselt. Im August betrug der Rückgang aber preisbereinigt nur 0,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat, während der Rückgang im gesamten Gewerbe zwei Prozent betrug.
Habeck kürzlich bei Vorstellung der Regierungsprognose: Auch die Ampel rechnet mit einem leichten Aufwärtstrend.
Foto: IMAGO/Future ImageVor allem die Automobilindustrie stützte mit einem Wachstum von 7,6 Prozent. Ackermann vom Statistischen Bundesamt zufolge war diese Entwicklung der Hauptgrund dafür, dass die Schrumpfung im dritten Quartal so viel niedriger ausfiel als von den Instituten gedacht.
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Von Juni bis August legten auch die Industrieaufträge um 4,9 Prozent im Vergleich zu den vorangegangenen drei Monaten zu. Das wachsende Neugeschäft kommt zur rechten Zeit, denn die während der Coronapandemie liegen gebliebenen Bestellungen sind mittlerweile weitgehend abgearbeitet.
Auslandsnachfrage
Hoffnung für die exportlastige Industrie macht zudem die Entwicklung beim wichtigsten Nachfrager China. Dort wuchs die Wirtschaft im dritten Quartal mit rund fünf Prozent zum Vorjahreszeitraum überraschend kräftig.
Auch in der weltgrößten Volkswirtschaft USA sieht es mittlerweile so aus, als ob die wegen der dortigen Zinserhöhungen erwartete Rezession sehr mild ausfällt – oder sogar ganz ausbleibt. „Die Nachfrage nach deutschen Waren dürfte wieder zulegen, auch weil der globale Zinszyklus seinen Höhepunkt erreicht hat“, konstatierte Ifo-Konjunkturchef Wollmershäuser.
Dienstleistungen
Auch der Dienstleistungssektor entwickelte sich zuletzt etwas positiver. Im Juli 2023 ergab sich ein preisbereinigtes Plus von 0,8 Prozent im Vergleich zum Juni. Gegenüber dem Vorjahresmonat stiegen die Umsätze der Dienstleister um 5,7 Prozent. Dazu trug vor allem der Bereich der „freiberuflichen, wissenschaftlichen und technischen Dienstleistungen“ bei.
Gleichzeitig zeigte sich, dass sich die Umsätze in den Monaten zuvor besser entwickelt haben. Es habe sich gezeigt, dass sich „die Dienstleistungen doch etwas besser entwickelt haben“, erklärt Ackermann mit Blick auf die Revisionen nach oben im ersten Halbjahr.
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Das dürfte unter anderem mit dem Rückgang der Inflation zusammenhängen. Sie sank im Oktober auf 3,8 Prozent, der niedrigste Wert seit Beginn des russischen Überfalls auf die Ukraine im Februar 2022. Gleichzeitig ziehen die Löhne an, wodurch die Kaufkraft der privaten Verbraucherinnen und Verbraucher zunehmend steigt.
Baugeschäft
Auch am krisengeschüttelten Bau gibt es kleine Lichtblicke. Dank Großprojekten wie etwa im Bahnbereich fuhr das Bauhauptgewerbe im August das größte Auftragsplus seit Dezember 2021 ein: Das Neugeschäft wuchs inflationsbereinigt (real) um 10,8 Prozent zum Vormonat. Bereits im Juli hatte es mit 9,6 Prozent ein außergewöhnlich kräftiges Wachstum gegeben.
Ein großer Wermutstropfen bleibt: Der Wohnungsbau dürfte bis auf Weiteres vor sich hin dümpeln, weil viele Bauherren wegen der stark gestiegenen Finanzierungs- und Materialkosten keine neuen Projekte wagen.