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EnergiewendeExpertise deutscher Unternehmen ist in Japan gefragt

Deutschland treibt die Energiewende nicht nur in der Heimat voran. Der Ausbau von Solar- und Windkraft in Japan wird für viele deutsche Unternehmen zum Geschäft.Martin Kölling 10.11.2023 - 15:08 Uhr Artikel anhören

Seit dem Fukushima-Schock hat das Land die Energieproduktion mit PV-Anlagen deutlich ausgebaut.

Foto: Bloomberg

Tokio. Der Schock des Atomunfalls von Fukushima wirkt bis heute – auch in Deutschland. Die Atomkraftwerke gingen frühzeitig vom Netz. Der Ausbau der erneuerbaren Energien wurde beschleunigt. Doch ausgerechnet die vorgezogene Energiewende ist für deutsche Unternehmen in Japan nun ein Wettbewerbsvorteil.

Denn Projektentwickler, Energiekonzerne und Stromhändler aus Deutschland haben sich im vergangenen Jahrzehnt viel Expertise rund um erneuerbare Energien aufgebaut, die auch international gefragt ist. Die MVV AG gilt mit ihrer Tochtergesellschaft Juwi als einer der Pioniere im Markt. Im Jahr 2013 – zwei Jahre nach dem Atomunfall – hat der Nachfolgerkonzern der Mannheimer Stadtwerke ein Gemeinschaftsunternehmen mit dem japanischen Start-up Shizen Energy gegründet. Das Ziel: neue Solarkraftwerke für Japan.

„Gerade haben wir unser größtes Projekt mit über 100 Megawatt in Fukushima fertiggestellt“, sagt Jan Warzecha, Direktor des Joint Ventures Juwi Shizen Energy. Die deutsche Energiewende gelte in Japan als Vorbild, sagt er. Schließlich sei Deutschland zum Zeitpunkt des Atomunfalls in Fukushima der „erfolgreichste Solar- und Windmarkt der Welt“ gewesen.

Mit dem Atomunfall in Fukushima 2011 hat sich auch Japans Energiepolitik radikal verändert. Das Land, das vorher rund die Hälfte seiner Energie aus der Atomkraft gewinnen wollte, musste damals zwischenzeitlich alle 54 Atommeiler vom Netz nehmen. Seitdem arbeitet Japan daran, seine Energieerzeugung breiter aufzustellen. Der Anteil von erneuerbaren Energien soll bis 2030 auf 38 Prozent und bis 2050 auf 60 Prozent steigen. Für deutsche Unternehmen wird die japanische Energiewende zum Geschäft.

Windkraft bislang noch kein Geschäft

Besonders die Solarenergie: Allein in den ersten zehn Jahren nach der Atomkatastrophe hat sich die Produktion von Solarstrom von geringen einstelligen Werten auf 86 Terawattstunden (TWh) vervielfacht. Zum Vergleich: In Deutschland werden aktuell 48 Terawattstunden mit Sonnenenergie produziert. Damit macht Solarenergie in etwa zehn Prozent des japanischen Strommixes aus, rund die Hälfte des Anteils erneuerbarer Energien. An zweiter Stelle folgt Wasserkraft und an dritter Windkraft mit einem Anteil von etwa einem Prozent.

86
Terawattstunden
Solarstrom erzeugt Japan pro Jahr – doppelt so viel wie Deutschland.

Auch Japan, der einstige Weltmarktführer in der Solarzellenproduktion, benutzt dabei für die Großprojekte Solarmodule aus China. Doch bei Solarzellen im Wohnbereich verteidigen japanische Hersteller wie Panasonic noch ihre Marktanteile. Der Konzern hat gerade neue Solarstromfenster vorgestellt, die er im Baubereich einsetzen will.

Für ihr Geschäft in Japan musste auch MVV umdenken. Denn Solarkraftwerke benötigen viel Platz. Doch im Inselstaat Japan sind große Flächen rar und Bauernhöfe klein – im Schnitt etwa 1,5 Hektar oder rund zwei Fußballfelder. Für Projekte muss das deutsch-japanische Duo darum mitunter mit mehr als 100 Inhabern verhandeln.

Gebaut werden die Solaranlagen meist auf brachliegenden Industrieflächen, in Steinbrüchen, alten Sandabbaugebieten und sogar auf Golfplätzen. Für die Betreiber sei Solar eine attraktive Alternative, da mit dem Golfspiel häufig kein Geld mehr verdient werde, sagt Warzecha.

Deutsche Börse kontrolliert den Markt mit Strom-Futures

Für die Nachfolgegesellschaft der Mannheimer Stadtwerke hat sich der Gang nach Japan ausgezahlt. Mit der deutschen Expertise zur Energiewende gehört das Joint Venture zu den größten Projektentwicklern für Solaranlagen in Japan. Auch die großen Energiekonzerne sind längst gefolgt: RWE ist bereits mit zwei Gesellschaften in Japan am Markt aktiv, eine für Stromhandel und eine für die Entwicklung von Solar- und Windkraftanlagen.

Windkraft ist für die deutschen Unternehmen bislang allerdings kein großer Markt. Der Ausbau steht dort erst ganz am Anfang – auch wegen der geografischen Lage und Japans Geologie. Erstens ist die Windausbeute in Japan geringer als in Nordeuropa. Denn generell weht umso mehr Wind, je nördlicher die Lage ist. Japans nördlichste Insel Hokkaido liegt jedoch auf einer Breite mit Südfrankreich.

Zweitens bestehen Japans Inseln zum größten Teil aus Bergen mit steilen Hängen. Und drittens fällt der Meeresboden sehr steil ab, sodass Japan kaum flache Küstengewässer hat, um Offshore-Windanlagen im Meeresboden zu verankern. Es müssten zuerst wirtschaftlich rentable schwimmende Windkraftanlagen entwickelt und gebaut werden. 

Beim Handel mit erneuerbaren Energien ist ein deutscher Anbieter sogar unangefochtener Marktführer. Die Deutsche Börse hat in Japan ein kleines Monopol errichtet. Ihre Tochtergesellschaft European Energy Exchange (EEX) ist zu einem Nutznießer der japanischen Energiewende geworden. Beim Handel von Strom-Futures hat sie andere Anbieter wie die Tokyo Commodity Exchange oder die CME nur drei Jahre nach ihrem Start weitgehend vom Markt verdrängt.

Mit der Energiebörse EEX hat die Deutsche Börse in Japan ein kleines Monopol errichtet.

Foto: IMAGO/Dirk Sattler

„Im Juli hatten wir einen Marktanteil von 98 Prozent bei den abgewickelten japanischen Strom-Futures“, sagt Bob Takai. Der Japaner ist Berater der EEX in Japan und vertritt den deutschen Börsenbetreiber vor Ort. Die Europäer seien viel besser in der Lage, eine Strombörse zu betreiben, weil sie mehr als 20 Jahre Erfahrung mit liberalisierten Märkten haben, sagt er. „Japan hingegen liegt 13 Jahre hinter der europäischen Entwicklung zurück.“

In Japan wurde zwar 1995 mit der Liberalisierung der zehn großen regionalen Strommonopole begonnen. Doch abgeschlossen wurde der Prozess erst 2016, 13 Jahre nach der Europäischen Union.

Die Zahl der Handelsteilnehmer ist seit 2020 von 14 auf 59 gewachsen, sagt EEX-Berater Takai. Das ist für ihn jedoch erst der Anfang. „Ich sehe ein großes Wachstumspotenzial, weil der Markt noch vergleichsweise klein ist.“

Mit dem Boom erneuerbarer Energien steigt der Bedarf, sich gegen die große Preisfluktuation bei Sonnen- und Windkraft an einem Terminmarkt abzusichern. So ist der Strompreis in Japan für Privatkunden generell bei 30 Yen (etwa 19 Cent) pro Kilowattstunde gedeckelt.

Aber am Spotmarkt, wo die Stromverkäufer Elektrizität einkaufen, schwanken die Preise stark. Mitunter wird die Kilowattstunde dort für 0,1 Yen (0,06 Cent) verschenkt, Anfang 2021 schoss der Preis auf 300 Yen (1,86 Euro) empor. Viele kleine Stromverkäufer in Japan gingen damals insolvent.

Nachholbedarf bei der Energieeffizienz

Daher sind Terminmärkte wie die EEX wichtig, wo Stromanbieter langfristige Verträge abschließen, die erfahrene Stromhändler strukturieren. RWE wirbt beispielsweise in Japan damit, dass die Tochtergesellschaft RWE Supply & Trading seine mehr als 20-jährige Erfahrung im Rohstoffhandel nutzen wird, um japanischen Partnern „innovative Produkte, Risikomanagementmethoden und handelsübergreifende Transaktionen“ anzubieten.

Ich sehe ein großes Wachstumspotenzial, weil der Markt noch vergleichsweise klein ist.
Bob Takai, Berater der deutschen Energiebörse EEX in Japan

Im Jahr 2022 wurden über die EEX Termingeschäfte für 6,7 Terawattstunden gehandelt, ein Bruchteil dessen, was auf dem japanischen Spotmarkt an Strom gehandelt wird. Zum Vergleich: In Deutschland werden 200 Terawattstunden am Spotmarkt und mehr als das Zehnfache am Terminmarkt gehandelt.

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Und auch bei der Energieeffizienz gilt Deutschland als Vorbild: In Deutschland gebe es viel bessere Isolierungstechniken. „Da können wir viel von lernen“, sagt Tatsuya Terazawa, Präsident des Instituts für Energiewirtschaft (IEEJ). Als Mitglied des deutsch-japanischen Energiewenderats diskutiert er, welche Maßnahmen der Gebäudeisolierung Japan übernehmen kann. Fenster sind dort beispielsweise oft noch nicht doppelverglast. Ein Standard, der in Deutschland weit verbreitet ist.

Auch der Ausbau der japanischen Wasserstoffwirtschaft biete viele Chancen für deutsche Unternehmen, ist Juwi-Manager Warzecha überzeugt. Unternehmen, die selbst nach Japan expandieren wollen, rät er dazu, sich genau anzuschauen, in welchen Bereichen die Japaner von der deutschen Energiewende lernen können. „Unternehmen müssen daher schauen, wo Japan in der Entwicklung steht.“ Es komme auf das richtige Timing an.

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