„Da scheppert nix“: Winterkorn wird mit Hyundai zum Youtube-Hit
VW-Chef Martin Winterkorn prüft auf der IAA genau die Qualität eines Autos von Hyundai.
Foto: HandelsblattDie Miene ist finster. Und Martin Winterkorns Stimmung wird keineswegs besser, als er die Lenkradverstellung auf und zu schnappen lässt. “Da scheppert nix”, sagt der VW-Konzernchef trocken. Das kann einem Automanager wie ihm nicht gefallen - denn Winterkorn sitzt auf der Frankfurter Autosschau IAA nicht hinter dem Steuer eines Volkswagens, sondern des Hyundai i30, des neuen Golf-Gegners aus Südkorea.
Was dem Perfektionisten Winterkorn besonders bitter aufstößt: “Warum kann’s der? BMW kann’s nicht, wir können’s nicht. Warum kann’s der?” Die Lenkradverstellung klappt wieder auf und zu. Neben ihm hockt der eigens herbeigerufene Golf Designer Klaus Bischoff. Klappe auf, Klappe zu. Erklärungsversuche: “Wir hatten ja mal eine Lösung, die war aber zu teuer...” Winterkorn kann das nicht wirklich zufriedenstellen. “Warum kann’s der?”, fragt Winterkorn erneut - und hat damit einen kleinen Youtube-Hit gelandet.
Sein von einem unbekannten Messebesucher gefilmter Abstecher zum Hyundai-Stand hat Kultpotenzial. Das unvermittelt startende und oft verwackelte Handyvideo ist bis jetzt schon mehr als 233.000 Mal aufgerufen worden -Tendenz steigend. Kein Wunder: Das vom Rücksitz des i30 aufgenommene Filmchen offenbart fast fünf Minuten lang unfreiwillig tiefe Einblicke in die VW-Konzernseele im Allgemeinen und die von Winterkorn im Besonderen.
Wenn er etwa eine Stablampe aus der Innentasche seines Jackets zieht und der promovierte Metallphysiker die Verarbeitung des Kofferraumblechs beleuchtet, dann sagt das eine Menge über den Perfektionisten Winterkorn aus. Was genau - darüber zerbricht nun das Youtube-Publikum den Kopf. Jedes Detail, jedes Wort wird diskutiert. Bei Hyundai dürfte die Freude über den Auftritt des VW-Chefs, der missmutig über den stoffbespannten Autohimmel des i30 streicht und den Golf-Gegner genau unter die Lumpe nimmt, groß sein.
VW sieht die unfreiwillige Werbung für den Konkurrenten gelassen: „Das Video nehmen wir sportlich. Unser Vorstand nutzt Messen seit langem, um sich Modellneuheiten genau anzuschauen und zu diskutieren“, sagt ein Sprecher. Genauso handhabten das andere Hersteller auch - und wer an den ersten Tagen einer Automesse genau aufpasst, kann tatsächlich den ein oder anderen Auto-Boss über die Stände der Konkurrenz huschen sehen. Mal mit großer Entourage wie jetzt bei Winterkorn, der gleich mit Walter de’Silva, Chef des Designs, Luca de Meo, Marketing-Boss, und Winfried Vahland, Chef der VW-Tochter Skoda, im Schlepptau bei Hyundai auftauchte, mal einzeln und allein.
Winterkorn ist von der Qualität des Hyundai nicht begeistert.
Foto: HandelsblattWobei der Besuch von VW bei Hyundai nicht frei von Pikanterie ist. Denn beim Kampf um den Autothron betrachtet VW den Hyundai-Konzern und dessen Tochtermarke Kia als härtesten Rivalen. Tatsächlich sind die Koreaner ja auch schon zur globalen Nummer vier aufgestiegen. 2010 verkauften Hyundai und Kia mit 5,7 Millionen Fahrzeugen gemeinsam schon rund 400.000 Autos mehr als Ford. Und in Europa soll der Marktanteil weiter ausgebaut werden. Und auf dem wichtigen US-Markt vergrößerte der Konzern dank einer Reihe von neuen Modellen seinen Anteil zuletzt von 4,7 Prozent auf 5,5. Der Börsenwert hat sich in den vergangenen zehn Jahren verzehnfacht.
Für Branchenexperten wie Ron Harbour werden deshalb Hyundai, Toyota und Volkswagen "in fünf Jahren um Platz eins kämpfen". Das ist VW-Chef Winterkorn nicht entgangen. Der Besuch bei Hyundai war kein Zufall.
Lange Zeit hieß Winterkorns großer Gegenspieler Toyota. Doch seit der japanische Autobauer von Massenrückrufen und Erdbebenfolgen geplagt wurde, konzentriert sich der VW-Manager auf einen ganz anderen Gegner, den in Deutschland lange nur wenige auf dem Zettel hatten: Hyundai.
Winterkorn adelt die Südkoreaner inzwischen schon als „gefährlichsten Wettbewerber“ seines Konzerns. VW-Finanzchef Hans Dieter Pötsch spricht von einer "starken neuen Kraft in vielen Märkten". Dass ausgerechnet die nun VW bei der Lenkradverstellung übertrumpft haben könnte, kann Winterkorn nicht gefallen.