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Steve-Jobs-BiographieDie dunklen Seiten des „iGods“

Für seine Biographie über Steve Jobs kam Walter Isaacson ganz nah an den Apple-Gründer heran. In dem Buch zeichnet der Autor ein durchaus komplexes Bild des „iGods“ - und spart auch die dunklen Seiten nicht aus.Axel Postinett 30.10.2011 - 12:17 Uhr Artikel anhören

Die Biographie Walter Isaacsons über den verstorbenen Apple-Mitgründer gehört zu den meisterwarteten Büchern des Jahres.

Foto: dpa

San Francisco. Es ist das mit der größten Spannung erwartete Buch des Jahres: Walter Isaacsons autorisierte Biografie des verstorbenen Apple-Mitgründers Steve Jobs. In 40 langen Gesprächen und Telefonaten ist er Jobs so nahe gekommen wie wohl kein anderer Journalist zuvor. Herausgekommen ist ein tiefer Einblick in ein Leben, das geprägt war von tiefen Abstürzen und überwältigenden Erfolgen.

Wie bei jeder autorisierten Biografie bestand auch diesmal das Risiko, in schön geschriebener Belanglosigkeit zu versinken und ein verzerrtes Abbild einer sorgsam zurechtfrisierten Teilwahrheit abzuliefern. Isaacson hat diese Gefahr meisterlich überwunden. Er zeichnet ein lebendiges Bild eines faszinierenden Menschen mit einer komplexen Persönlichkeit.

Isaacson betont im Vorwort, dass Jobs den Inhalt des Buchs in keiner Weise beeinflusst und auch nicht das Recht verlangt hat, es vor Veröffentlichung zu lesen. Mehr noch: Jobs’ Ehefrau Laurene Powell ermunterte Isaacson ausdrücklich, die Wahrheit zu schreiben. „Es gibt Teile in seinem Leben und seiner Persönlichkeit, die ziemlich übel sind, und das ist die Wahrheit. Ich will nicht, dass es weißgewaschen wird“, zitiert der Autor den Wunsch Powells, die seit 1991 mit Steve Jobs verheiratet war.

Mit der Zeit öffnete sich Jobs selbst immer mehr. Zunächst reagierte er reserviert auf eine lange Liste von Interviewpartnern, die Isaacson zusätzlich befragen wollte, von alten Weggefährten bis zu notorischen Gegnern und Menschen, die Jobs am Rande des Weges zerbrochen zurückgelassen hat. Später ermunterte er diese Personen, offen zu sprechen und nichts auszulassen. Die Interviews mit Jobs fanden alle in einer schweren Zeit statt, als nach 2009 bereits abzusehen war, dass die gesundheitlichen Probleme dramatischer waren als gedacht. Das letzte Gespräch war noch kurz vor dem Tod Steve Jobs’ am 5. Oktober. So bekommt der Leser das ungeschminkte Bild eines Mannes, dessen Leben von früher Kindheit an von Dramen und einem unbeugsamen Sendungsbewusstsein geprägt war. Ein Mensch mit zwei Gesichtern, eine Art moderner Jekyll & Hyde.

Wir erfahren von Angestellten, die er übel behandelt hat, lernen, warum seine frühere Management-Inkompetenz und seine Sturheit seinen Rauswurf bei Apple praktisch unumgänglich machten, wie er in einem, wie er selbst einräumt und zutiefst bereut, seiner wohl schwärzesten Momente seine erste Tochter für Jahre verstieß, verleugnete. Er, der selbst adoptiert worden war. „Diese hässliche Seite seiner Persönlichkeit war nicht nötig“, urteilt Isaacson. Im Gegenteil habe sie ihm mehr geschadet als geholfen. Aber selbst Interviewpartner, meist Angestellte, die schwer unter Jobs gelitten hatten, hätten ihre Horrorerzählungen mit der Bemerkung beendet, er habe sie dazu gebracht, Dinge zu vollbringen, die sie niemals für möglich gehalten hätten.

Dem gegenüber steht das Genie Steve Jobs. Das Buch huldigt einem der wohl größten Visionäre unserer Zeit. Er hat mit seinen Produkten ganze Industrien verändert. Seinen Fokus auf Einfachheit und Funktionalität führt er nicht zuletzt auf sein Studium des Zen während seiner Zeit in Indien zurück, auf Konzentration auf das Wesentliche, das Hier und Jetzt und Meditation. Isaacson, der schon viel beachtete Biografien über Albert Einstein und Benjamin Franklin geschrieben hat, setzt Jobs in eine Reihe mit Thomas Edison und Henry Ford, den amerikanischen Erfinder- und Industrietitanen, und kann sich damit letztlich wohl nicht ganz dem Charisma des Steve Jobs entziehen, dem das sagenumwobene „reality distortion field“ zugeschrieben wird. Alle Lebewesen, die in den Bann dieses „Realitätskrümmungsfeldes“ gelangen, sind restlos und immer davon überzeugt, dass nur einer recht hat – Jobs.

Die Biografie ist gleichzeitig eine Hommage an das Silicon Valley, wo der amerikanische Traum noch Bestand hat. Junge Menschen mit auf den ersten Blick unrealistischen Ideen bauen aus der Garage der Eltern heraus Weltimperien auf. Der Autor nimmt den Leser mit auf eine Reise in eine Zeit, als Computer noch große Kästen voll mit Elektronik waren und nur von Spezialisten bedient werden konnten. Viele Szenen und Anekdoten sind zumindest den technisch interessierten Lesern bekannt – der Jugendstreich der „Blue Box“, mit der man sich kostenlos Telefongespräche erschleichen konnte, die erste Zeit beim Spielehersteller Atari, wo Jobs die Nachtschicht übernehmen musste, weil andere Angestellte seinen Körpergeruch nicht ertragen konnten. Dann die Gründung von Apple, erste Erfolge und Niederlagen, sein Rauswurf, die Gründung von Next und der Kauf des Animationsfilmstudios Pixar, der der eigentliche Grundstein seines Vermögens werden sollte.

Ausführlich widmet sich Isaacson dem zweiten Aufstieg von Jobs bei Apple, beschreibt seine unnachahmliche Art, jeden Produktlaunch wie das Hochamt der High-Tech-Industrie zu zelebrieren. Das Kapitel, in dem er sich detailliert und einfühlsam mit dem aussichtslosen Kampf gegen den zurückkehrenden Krebs befasst, zeigt deutlich, wie nah der Journalist Isaacson dem Objekt seines Buchs zum Schuss gekommen sein muss.

Steve Jobs rechnete in vielen Gesprächen schonungslos mit den Menschen ab, die in seinem Leben auftauchten, aber nicht seinen Vorstellungen nach Perfektion entsprachen oder von denen er sich schlicht hintergangen fühlte. Das Verhältnis zu Google etwa war zum Schluss nur noch als hasserfüllt zu bezeichnen. Der ehemalige Verbündete war mit Android in den Smartphonemarkt eingestiegen und hatte sogar Apples iPhone den Rang abgelaufen. Isaacson berichtet von einem Gespräch mit Jobs über Google und Android, bei dem er Jobs so wütend wie noch nie erlebte. Google habe ihn betrogen, bestohlen und belogen. Er werde „bis zum letzten Atemzug“ kämpfen, um dieses Unrecht zu beseitigen und, wenn es sein müsse, sogar den „letzten Cent“ der 40 Milliarden Dollar des Apple-Vermögens ausgeben, um Android zu vernichten.

Doch dann ist da sofort auch wieder der andere Steve Jobs. Während seiner zweiten Karriere bei Apple verstand er sich gerne als väterlicher Mentor des Silicon Valley und bot jungen Gründern Rat und Hilfe an.

Google-Mitgründer Larry Page hatte gerade Anfang 2011 von Eric Schmidt - den Jobs zuvor aus dem Apple-Board geworfen hatte - den CEO-Posten übernommen. Er rief  bei Jobs an, um dessen Rat einzuholen, wie er ein besserer CEO sein könne. „Meine erster Gedanke war ‚Fuck you’“, gesteht er Isaacson im Interview. Aber dann habe er sich erinnert, wie ihm selbst HP-Mitgründer  William Hewlett früher selbstlos geholfen habe und er habe mit Page gesprochen.

Er habe ihm geraten, sich zu fokussieren und Produkte abzustoßen, die ihn die die Gefahr brächten, so zu enden wie Microsoft. Das Treffen habe in Jobs Haus stattgefunden. Page, so Jobs’ Rat, solle sich auf die fünf Produkte konzentrieren, die Google ausmachen sollen. Der Rest solle weg: „Die Dinge machen dich zu Microsoft.“

Doch nicht nur andere geht Jobs schonungslos an. Er geht auch mit sich selbst hart ins Gericht. Er, der bei seinen magischen Produkten so oft den richtigen Riecher hatte, versagte ausgerechnet bei seiner wichtigsten eigenen Entscheidung, was ihn letztlich vielleicht das Leben gekostet hat.

Nach der Entdeckung seiner Krebserkrankung habe man ihm gesagt, es sei einer der fünf Prozent weniger aggressiven Arten des Bauchspeicheldrüsenkrebs und man könne es mit hoher Wahrscheinlichkeit mit einer Operation in den Griff bekommen. Jobs zögerte, versuchte alternative Heilmethoden, spirituelle Heilung und anderes um der Krankheit Herr zu werden. Er wollte einfach nicht, dass sein Körper geöffnet, verletzt wird, sagt er Isaacson. Als er nach neun Monaten doch noch einer Operation zustimmt, war es schon zu spät.

Der Tumor hatte sich ausgebreitet. Das lange Leiden begann, ständig in der Hoffnung auf die neue Medizin, die entscheidende Therapie, die noch einmal alles ändern würde. Doch das erlösende „One More Thing“, mit dem er so oft revolutionäre Neuerungen ankündigte, die alles verändern konnten, kam für ihn nicht mehr.

Am Ende ist Walter Isaacsons Buch eine Liebeserklärung an einen Mann, der sein Leben mit Konsequenz gelebt hat. In jeder Beziehung.

Bibliografie:

Walter Isaacson

Steve Jobs. Die autorisierte Biografie des Apple-Gründers

C. Bertelsmann Verlag,

704 Seiten

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